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Zeitstruktur in epischen Texten – Dauer und Frequenz 09:07 min

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Transkript Zeitstruktur in epischen Texten – Dauer und Frequenz

Hallo, ich bin Martina. Und dieses Video handelt auch von der Zeit in epischen Texte. Aber diesmal geht es um die Dauer einer Erzählung, also um die Frage „Welche Dauer beansprucht die Darstellung eines Geschehens oder einzelner Geschehenselemente in einer Erzählung?“. Und um die Frequenz. Also die Frage „In welcher Wiederholungsbeziehung stehen das Erzählte und das Erzählen?“. Dieses Video ist die Fortsetzung zum ersten Video „Die Zeit in epischen Texten“. Damit du alles verstehst, solltest du dir zuerst dieses Video ansehen, denn darin werden alle nötigen Grundlagen erklärt. In dem ersten Video zu diesem Thema hast du gelernt, dass Erzählzeit und erzählte Zeit in Bezug auf die chronologische Ordnung selten identisch sind. Das gleiche lässt sich auf für die Dauer sagen. Denn nur in szenischen Darstellungen, das heißt wenn eine Dialogszene wörtlich wiedergegeben wird, sind Erzählzeit und erzählte Zeit identisch. Aber selbst hier müsste man berücksichtigen, dass unterschiedliche Sprecher ein unterschiedliches Sprechtempo haben und dass es Redepausen und Überschneidungen gibt. Das Verhältnis der Dauer zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit variiert also meist. Und diese Varianten der Erzählgeschwindigkeit lassen sich in fünf Grundformen unterteilen: Das zeitdeckende Erzählen, das auch als „Isochronie“ bezeichnet wird, kann nur in der wortwörtlichen Wiedergabe von Dialogen vorkommen, wie man es zum Beispiel vom Drama kennt, oder bei raschen, kurzen Handlungsfolgen. Wichtig ist jedenfalls beim zeitdeckenden Erzählen, dass die Erzählung genauso lange dauert wie die Ereignisse. Beim zeitdehnenden Erzählen benötigt die Darstellung des Ereignisses mehr Zeit als das Ereignis selbst. Es wird sozusagen in einer Art Zeitlupe dargestellt. Du kennst das sicherlich aus Fußballreportagen, wenn dem Zuschauer in aller Ausführlichkeit erzählt wird, wie es zu dem Tor kam. Der eigentliche Moment, in dem das Tor fiel, benötigte nur einen Bruchteil der Zeit, die seine Beschreibung benötigt. In fiktiven Texten wird diese Dehnung meist durch Einschübe erreicht, die die Gedanken einer Person wiedergeben. Die Darstellung der Gedanken erfolgt oft über mehrere Seiten, während das eigentliche Ereignis sehr viel kürzer ist. Das Gegenteil von Zeitdehnung ist die Zeitraffung, auch das “zeitraffende” oder “summarische” Erzählen genannt. Du kennst das zeitraffende Erzählen bestimmt aus Romanen, in denen zum Beispiel die Kindheit des Protagonisten stark gerafft dargestellt wird, während die Haupthandlung weitaus ausführlicher geschildert wird. Die Zeit nach der Haupthandlung wird dann auch häufig wieder gerafft dargestellt. Die Struktur eines Wechsels zwischen mehr oder weniger starker Raffung oder sogar zwischen Zeitraffung und zeitdeckendem Erzählen könnte zum Beispiel so aussehen: Die Kindheit des Protagonisten wird im Vergleich zu den zwei Tagen in seinem späteren Leben stark gerafft dargestellt. Die extremste Form der Zeitraffung ist die Auslassung oder auch “Ellipse” genannt. Die Ereignisse, die im fiktiven Text stattfinden, werden einfach gar nicht erzählt. Das dient einerseits der Filterung von wichtigen und weniger wichtigen Ereignissen, denn wenn man alles darstellt, wirkt die Erzählung überladen an Details, und andererseits kann man, wie in einem Kriminalroman zum Beispiel, durch Ellipsen die Spannung erhöhen. Der Unterschied zwischen Zeitraffung und Ellipse ist also, dass bei der Zeitraffung die Ereignisse zwar stark gerafft sind, aber immer noch dargestellt werden, während die Ellipse auf die Darstellung der Ereignisse ganz verzichtet. Das Gegenteil der Ellipse ist die Pause. Bei der Pause steht nicht die Darstellung der Ereignisse still, sondern die Ereignisse selbst. Zu den Pausen einer Handlung gehören zum Beispiel Kommentare oder Reflexionen des Erzählers, die nicht Teil der Handlung sind, oder Beschreibung von Landschaften oder Ähnlichem, die nicht zur Handlung gehören. Die fünf Grundformen der Erzählgeschwindigkeit lassen sich folgendermaßen darstellen. Beim zeitdeckenden Erzählen sind die Erzählzeit und die erzählte Zeit gleich. Das heißt im Bezug auf die Dauer der Erzählung, dass die Zeit, die die Darstellung der Erzählung benötigt und die Zeit, die die Ereignisse tatsächlich benötigten, gleich sind. Beim zeitdehnenden Erzählen ist die Erzählzeit länger als die erzählte Zeit. Denn die Darstellung der Ereignisse benötigt mehr Zeit als die Ereignisse in der dargestellten Welt, also in der Realität, in der der Roman spielt, tatsächlich benötigen. Bei der Zeitraffung ist es genau umgekehrt. Die Erzählzeit ist kürzer als die erzählte Zeit. Das heißt, die Ereignisse, die sich über einen bestimmten Zeitraum erstrecken, werden in der Darstellung weitaus kürzer beschrieben. Bei der Ellipse steht die Darstellung der Ereignisse und somit auch die Erzählzeit still, während die erzählte Zeit und natürlich auch die Ereignisse weitergehen. Bei der Pause ist es umgekehrt. Bei der Pause gehen die Erzählzeit und auch die Darstellung der Ereignisse weiter, aber die Ereignisse selbst und somit auch die erzählte Zeit stehen still. Nachdem wir uns nun die Zeitverhältnisse in epischen Texten unter dem Aspekt der chronologischen Ordnung und der Dauer angesehen haben, bleibt noch das, was Gérard Genette als Frequenz bezeichnet. Nämlich der Wiederholung von Darstellung und Ereignissen in einer Erzählung. Er unterscheidet hier zwischen singulativer Erzählung, repetitiver Erzählung, iterativer Erzählung und anaphorischer Erzählung. Die singulative Erzählung ist die häufigste Form des Erzählens, denn das bedeutet einfach, dass ein Ereignis nur einmal erzählt wird. Beim repetitiven Erzählen hingegen wird mehrmals erzählt, was einmal passiert ist. Diese Form findet man vor allem in Erzählungen, in denen ein Ereignis in verschiedenen stilistischen Varianten geschildert wird, oder wenn ein Ereignis aus der Perspektive verschiedener Personen dargestellt wird. Bei iterativen Erzählungen wird nur einmal erzählt, was mehrmals passiert ist. Iterative Erzählungen bilden oft den Rahmen eines Geschehens, bevor der Erzähler dann zum singulativen Erzählen übergeht. Am besten lässt sich das an einem Beispiel erklären. Stellen wir uns mal vor, die kleine Rakete startet jeden Tag. Von dem Start wird aber nur einmal berichtet. Beim anaphorischen Erzählen wird mehrmals erzählt, was mehrmals passiert ist, wobei jedem Ereignis einmal Erzählen zugeordnet wird. Und deshalb wird die anaphorische Erzählung meist der singulativen Erzählung zugeordnet. Denn die beiden Formen lassen sich nicht wirklich trennen und ich habe die anaphorische Erzählung hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So, zum Schluss fasse ich nochmal alles zusammen: Im Bezug auf das Verhältnis der Dauer zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit unterscheidet man zwischen zeitdeckendem Erzählen, wenn die Darstellung ebenso lange dauert wie das Ereignis. Zeitdeckendes Erzählen wird auch als Isochronie bezeichnet. Dann gibt es das zeitdehnende Erzählen. Das heißt, die Beschreibung der Ereignisse wird ausgedehnt und ist länger als das Ereignis selbst. Das zeitraffende Erzählen, wenn die Darstellung kürzer ist als die Ereignisse. Die Ellipse, wenn die Darstellung stillsteht, und die Ereignisse aber weitergehen. Und die Pause, wenn die Darstellung weitergeht, die Ereignisse aber still stehen. Im Bezug auf die Frequenz unterscheidet man zwischen singulativen Erzählen, das heißt ein Ereignis wird nur einmal erzählt, mit dem singulativen eng verwandt ist das anaphorischen Erzählen, in dem x viele Ereignisse x mal erzählt werden, wobei jedem Ereignis einmal Erzählen zugeordnet wird. Dann gibt es das repetitive Erzählen, das heißt, ein Ereignis wird mehrmals erzählt. Und das iterative Erzählen, nämlich wenn mehrere Ereignisse nur einmal erzählt werden. So, und schon sind wir wieder am Ende angekommen. Ich hoffe, dass dir das Video gefallen hat. Bis zum nächsten Mal, Martina.