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Erzählsituation – Subjekt und Adressat 06:57 min

Textversion des Videos

Transkript Erzählsituation – Subjekt und Adressat

Hallo, ich bin Martina und heute geht es auch wieder um die Stimme in epischen Texten. Wir haben uns schon mit dem Zeitpunkt und dem Ort des Erzählens beschäftigt und dann den Ort des Erzählens in Zusammenhang mit der Stellung des Erzählers zum Geschehen betrachtet. Der letzte Punkt, der zur Kategorie der Stimme gehört, ist die Frage: Wer erzählt wem? Also Subjekt und Adressat des Erzählens. Da die Frage „Wer erzählt wem?“ auf der Frage „Auf welcher Ebene wird erzählt?“ basiert, solltest du dir zuerst das Video „Erzählsituationen in epischen Texten, Stimme 2 Ort des Erzählens“ ansehen. Ich wünsche dir mit den Videos viel Spaß. Wie du weißt, sind der Erzähler und der Autor nicht identisch. Der Erzähler ist eine vom Autor erfundene Figur. Und ebenso verhält es sich mit dem Adressat, der sozusagen der fiktive Leser ist. Um besser zu verstehen, wie das gemeint ist, solltest du dir erst nochmal die verschiedenen Ebenen des Erzählens ansehen. Wenn man sich jetzt also fragt, wer wem die Geschichte erzählt, dann muss man erstmal überlegen: „Auf welcher Ebene wird denn überhaupt erzählt?“ Also zum Beispiel, ob es eine “intradiegetische” oder eine “extradiegetische” Erzählsituation ist. Bei einer intradiegetischen Erzählsituation ist das Erzählen einer Geschichte Teil der Rahmenerzählung. Ein intradiegetischer Erzähler erzählt also einem intradiegetischen Leser oder Hörer eine Geschichte. Sieh dir mal den Ausschnitt aus Franz Grillparzers „Der arme Spielmann“ an. „‚Das also nennen Sie meine Geschichte? Wie es kam? – Ja so! Da ist denn freilich allerlei geschehen; nichts Besonderes, aber doch allerlei. Möchte ich mir's doch selbst einmal wieder erzählen. Ob ich's nicht gar vergessen habe. Es ist noch früh am Morgen‘, fuhr er fort, wobei er in die Uhrtasche griff, in der sich freilich keine Uhr befand. – Ich zog die meine, es war kaum 9 Uhr. ‚Wir haben Zeit, und fast kommt mich die Lust zu schwatzen an.‘ Er war während des letzten zusehends ungezwungener geworden. Seine Gestalt verlängerte sich. Er nahm mir ohne zu große Umstände den Hut aus der Hand und legte ihn aufs Bette; schlug sitzend ein Bein über das andere und nahm überhaupt die Lage eines mit Bequemlichkeit Erzählenden an. ‚Sie haben‘ hob er an ‚ohne Zweifel von dem Hofrate gehört?‘ Hier nannte er den Namen eines Staatsmannes, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unter dem bescheidenen Titel eines Bureauchefs einen ungeheuren, beinahe ministerähnlichen Einfluss ausgeübt hatte.“ Auf der Ebene der Rahmenerzählung, also der extradiegetischen Ebene lernt der Erzähler, ein Dichter, bei einer Kirchweih den alten Geiger kennen. Er besucht ihn eines Morgens und lässt sich von ihm seine Lebensgeschichte erzählen. Auf der intradiegetischen Ebene ist nun also der alte Geiger der intradiegetische Erzähler und der Dichter ist der intradiegetische Hörer. Denn ihm wird diese Geschichte erzählt. Ähnlich kannst du dir die Erzählsituation auf der extradiegetischen Ebene vorstellen. Du musst dabei bedenken, dass der Erzähler ja eine vom Autor erfundene Figur ist, die Teil der erzählten Welt sein kann oder völlig unabhängig von der erzählten oder realen Welt existiert. Das Wort „Erzähler“ bezeichnet auch nicht speziell eine männliche oder weibliche Person, sondern vielmehr eine neutrale Rolle. Nämlich die der fiktiven Figur, die die Geschichte erzählt. Ebenso verhält es sich mit dem Adressat. Denn so wie beim Autor und dem Erzähler unterscheidet man auch hier zwischen dem Leser als reale Person und dem fiktiven Adressat einer Geschichte. Du musst dir das ungefähr so vorstellen: Es gibt einen realen Autor und einen ebenso realen Leser, der das Buch des Autors liest. Der Autor hat also eine Geschichte geschrieben und hierzu einen Erzähler erfunden. Dieser Erzähler erzählt natürlich jemandem seine Geschichte. Und dieser Jemand ist ebenso objektiv wie der Erzähler. Denn wenn ein Autor eine Erzählung entwirft, hat er dazu ja auch einen bestimmten Adressaten im Kopf. Denke zum Beispiel mal an Texte, in denen Anspielungen auf bestimmte Ereignisse gemacht werden ohne sie explizit zu nennen. Beim Schreiben hat der Autor dann einen Adressat im Kopf, der diese Anspielung auch versteht. Das muss aber nicht unbedingt auf den realen Leser zutreffen. Es gibt auch Erzähler, die mit ihrem Leser oder besser gesagt mit dem Adressat kommunizieren. Ein Beispiel für einen Erzähler, der mit seinem fiktiven Leser kommuniziert und sogar seine Reaktion auf bestimmte Figuren der Geschichte zu kennen glaubt, ist der folgende Textausschnitt: „Leser oder Leserin, ich sehe dich beim Namen der Frau von P... unwillig auffahren, ich höre dich ausrufen: ‚Welche abscheuliche Frau! Welche Bübin und Heuchlerin!‘ Keine Aufwallung, lieber Leser, keine Parteilichkeit! Lass die Waage der Gerechtigkeit entscheiden!“ Wie immer gibt es am Ende eine Zusammenfassung: Der Erzähler und ebenso der Adressat einer Geschichte sind vom Autor erfundene fiktive Figuren. Auf der intradiegetischen Ebene erzählt der intradiegetische Erzähler dem intradiegetischen Leser oder Hörer eine Geschichte. Auf der extradiegetischen Ebene erzählt der extradiegetische Erzähler dem Adressat, also dem fiktiven Leser eine Geschichte. Dieser Adressat ist nicht mit dem realen Leser identisch, sondern ist der Empfänger der imaginären Kommunikation mit dem Erzähler. So. Und schon sind wir wieder am Ende angekommen. Ich hoffe, dass dir das Video gefallen hat. Bis zum nächsten Mal! Martina