30 Tage kostenlos testen:
Mehr Spaß am Lernen.

Überzeugen Sie sich von der Qualität unserer Inhalte.

Die Wahlverwandtschaften (Goethe)

In Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ wird ein chemisches Phänomen auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen. Dabei geht es vor allem auch um den Konflikt der einzelnen Personen zwischen einer natürlichen Ordnung und den moralischen Zwänge der Gesellschaft.

Entstehungsgeschichte

„Die Wahlverwandtschaften“ – das klingt erst einmal nach einem seltsamen Titel für einen Roman, findest du nicht? Befasst man sich jedoch etwas genauer mit dem Autor des Romans, Johann Wolfgang von Goethe, dann wird deutlich, warum er diesen Titel für seinen Roman ausgewählt hat. Goethe war nicht nur ein herausragender Literat, sondern auch ein begeisterter Naturwissenschaftler. In seinem literarischen Werk wird an vielen Stellen immer wieder deutlich, wie er sich um das Einflechten naturwissenschaftlicher Themen in sein literarisches Schaffen bemühte, um eine Symbiose zwischen Naturwissenschaft und Kunst zu erreichen.

Eine wichtige Inspirationsquelle für Goethe war das Grab der heiligen Ottilie, das ihn zu der Auseinandersetzung mit den Motiven der Entsagung und des Selbstverzichts anregte. Für Aufsehen sorgte Goethes Roman nicht zuletzt, da in diesem die Gedankenwelt einer Frau dargestellt wird, die sich nach dem Ehebruch sehnt. Weiterhin flossen auch politische Geschehnisse wie die Entwicklung des napoleonischen Krieges in die Gestaltung des Romans ein. Der ursprünglich nur als kurze Novelle konzipierte Roman wurde im Oktober 1809 veröffentlicht.

Die Wahlverwandtschaften Buch

Inhaltsangabe

Die Handlung des Romans beginnt auf einem Landgut, wo Charlotte und Eduard als wohlhabendes Paar gemeinsam leben und sich intensiv mit der Gestaltung des angrenzenden Landschaftsparks befassen. Eduard möchte seinen Freund, den Hauptmann Otto, unterstützen, welcher unverschuldet in Not geraten ist. Er schlägt vor, diesen auf dem Anwesen aufzunehmen. Obwohl Charlotte den Vorschlag Eduards anfänglich ablehnt, lässt sie sich letztlich darauf ein, möchte aber selbst noch einen weiteren Gast im Schloss beherbergen. Neben dem Hauptmann lebt folglich bald auch Charlottes Nichte Ottilie auf dem Anwesen.

Otto verbringt im Zuge der landschaftlichen Gestaltung des Parks viel Zeit mit Charlotte, beide fühlen sich zunehmend zueinander hingezogen. Auf der anderen Seite entwickelten sich auch zwischen Ottilie und Eduard Gefühle der Anziehung. Als Eduard und Charlotte noch eine Nacht miteinander verbringen, phantasieren sich beide jeweils in die Arme des anderen Geliebten. Am darauffolgenden Tag verständigen sich Charlotte und der Hauptmann über ihre Liebe zueinander, Charlotte verlangt jedoch von Otto, dass beide dieser Gefühle entsagen, da sie an ihr Eheversprechen gebunden ist. Im Gegensatz hierzu kommt es zu leidenschaftlichen Küssen zwischen Ottilie und Eduard, der seine Liebe zu Ottilie nicht vor den anderen verbergen kann.

Eduard spekuliert auf eine Scheidung von Charlotte, welche jedoch anstrebt, Ottilie von dem Anwesen zu entfernen und an der gesellschaftlichen gefestigten und anerkannten Verbindung zu Eduard festzuhalten. Eduard verlässt vorerst das Anwesen und der Hauptmann wird zu einer neuen Anstellung gerufen. Als Charlotte erkennt, dass sie schwanger ist, hofft sie, Eduard würde zu ihr zurückkehren. Dieser sieht die Schwangerschaft Charlottes jedoch als Hindernis auf dem Weg zu einer legitimen Beziehung mit Ottilie. Ebenso wie der Hauptmann verlässt nun auch Eduard das Anwesen und geht einer neuen Anstellung nach.

Charlotte bringt einen Sohn zur Welt. Ottilie übernimmt die Pflege des Kindes und Eduard wie auch Otto, der inzwischen zum Major ernannt wurde, kehren aus dem Krieg zurück. Eduard will nach wie vor die Scheidung von Charlotte und drängt den Major dazu, Charlotte von der Scheidung zu überzeugen.

An einem See in der Nähe des Anwesens trifft Eduard auf Ottilie und berichtet ihr von seinen Scheidungsabsichten. Ottilie ist von dem Zusammentreffen mit Eduard und seinen Plänen derart aufgebracht, dass sie bei dem Versuch, den See mit einem kleinen Boot zu überqueren, Charlottes Sohn ins Wasser fallen lässt. Das Kind ertrinkt und während Eduard damit ein Hindernis auf dem Weg zur Vereinigung mit Ottilie beseitigt sieht, begreift sich diese als Schuldige und entsagt der Liebe. Nachdem Ottilie über längere Zeit hinweg weder gesprochen noch gegessen hat, stirbt sie. Eduard verliert angesichts des Todes seiner Geliebten den Lebensmut und verstirbt ebenfalls, woraufhin ihn Charlotte neben Ottilie beerdigen lässt. Ob der Hauptmann und Charlotte letztlich zueinander finden und heiraten, bleibt unklar, da Charlotte auf den Antrag Ottos nur eine unbestimmte Antwort gibt.

Bootsunfall

Personenkonstellation

Die Kernfiguren des Romans bilden vier Personen, die über ein wechselhaftes Beziehungsgeflecht miteinander verknüpft sind. Die Beziehung zwischen Charlotte und Eduard ist vor allem von einer großen Vertrautheit geprägt, jedoch haben sie kein leidenschaftliches Verhältnis zueinander. Die feste Beziehung der beiden entspricht gesellschaftlichen Normen und vor allem Charlotte bemüht sich darum, an dieser Verbindung festzuhalten. Im Kontrast hierzu ist Eduard wesentlich stärker von Leidenschaft und Emotion getrieben, er kann und will seine Liebe zu Ottilie nicht vor anderen Personen verbergen, sondern fordert die Scheidung von Charlotte.

Der Hauptmann, der im Roman auch Otto oder später Major genannt wird, verbringt viel Zeit mit Charlotte. Als sich Charlotte und der Hauptmann ihre Liebe zueinander gestehen, fordert Charlotte, diesen Gefühlen zu entsagen. Auch nach dem Tod von Ottilie und Eduard bleibt das Schicksal der beiden Liebenden unklar.

Ottilie, die als eltern- und mittellose Nichte Charlottes auf dem Landgut ihrer Tante aufgenommen wird, gibt sich die Schuld am Tod von Charlottes Sohn und entscheidet sich zum Liebesverzicht. In einem Brief unterrichtet sie zudem ihr nahestehenden Personen davon, dass sie sich selbst ein Schweigegelübde auferlegt. Ottilie nimmt immer weniger Nahrung zu sich und verheimlicht dies, indem sie ihre Mahlzeiten heimlich der Bediensteten Nanny gibt. Diese Selbstkasteiung führt letztlich zu Ottilies Tod. Die Motive des Verzichts sowie der Name der Romanfigur verweisen auf bekannte Heiligenmotive und machen den Bezug zur heiligen Ottilie deutlich.

Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

Im 18. Jahrhundert bezeichnete der Begriff der Wahlverwandtschaft in der Chemie Verbindungen, die sich durch die Anziehung anderer Atome auflösen, wenn sie zusammengebracht werden, woraufhin neue Bindungen entstehen. Dieses chemische Phänomen verweist auf die zentralen Themen des Textes.

Als im Oktober 1809 die Erstausgabe von Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ erscheint, wird dieser von Kritikern ganz unterschiedlich bewertet. In dem Roman wird das Konzept der Ehe in Frage gestellt und die These aufgegriffen, dass diese Institution der Natur des Menschen widerspreche, was durchaus als moralisch verwerflich angesehen wurde. Auch die Struktur des Romans, die auf dem chemischen Prinzip der Wahlverwandtschaft beruht, rückte in den Fokus der Kritiker. Diese Verknüpfung mit einem naturwissenschaftlichen Phänomen lässt durchaus die Interpretation zu, dass der Mensch keine autonome Wahlfreiheit in Bezug auf seinen Partner oder seine Partnerin hat, sondern vielmehr ein übergeordnetes Gesetz über das Zusammenkommen und die Trennung von Liebespaaren entscheidet. Am schärfsten kritisiert wurde jedoch die Darstellung des Ehebruchs in dem Roman, was nicht zuletzt daran lag, dass dieser in Gedanken den Ehemann von einer Frau vollzogen wird, worin ein absolutes gesellschaftliches Tabu gesehen wurde.

Ein Schwerpunkt bei der Interpretation von „Die Wahlverwandschaften“ wird auch immer wieder auf die Opposition zwischen der natürlichen Ordnung und den Zwängen gesellschaftlich-moralischer Normen gelegt. Ottilies Tod und ihre Verehrung als Heilige am Ende des Romans sind durchaus zwei Handlungsaspekte, die eine kritische Auseinandersetzung mit einer unreflektierten Gesellschaft und deren statischen Normen darstellen.

Zusammenfassend ist Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ ein unheimlich spannender und vielschichtiger Text, dessen Themen bis heute modern sind, und der ganz unterschiedlich interpretiert werden kann.