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Der goldne Topf (Hoffmann)

In dem 1814 veröffentlichten Kunstmärchen „Der goldne Topf“ stehen sich das geordnete bürgerliche Leben und eine übernatürliche Welt gegenüber. Der Student Anselm bewegt sich zwischen diesen beiden Welten und erkennt erst als Gefangener in einer Kristallflasche die Enge einer bürgerlichen Existenz.

Entstehungsgeschichte

Der Veröffentlichung des Kunstmärchens „Der goldne Topf“ geht eine Zeit voraus, die vor allem durch die kämpferischen Auseinandersetzungen mit den Truppen Napoleons geprägt wurde. Da Hoffmann selbst von April 1813 bis September 1814 in Dresden und Leipzig wohnte, erlebte er die Kampfhandlungen unmittelbar mit. Erst als nach der Völkerschlacht in Leipzig die französischen Truppen abzogen, begann E.T.A. Hoffmann, seine Novelle zu schreiben. Veröffentlicht wurde die Märchendichtung als dritter Band einer Sammlung mit dem Titel „Fantasiestücke in Callots Manier“ im Jahr 1814. Vielleicht verwundert es dich, dass Hoffmann seine Erzählung einerseits direkt mit seiner eigenen Lebensrealität verknüpfte, andererseits den Krieg aber mit keinem Wort erwähnte. Beschäftigt man sich jedoch intensiver mit der Literatur der Romantik, dann wird deutlich, dass die Ausrichtung auf eine mythische und fantastische Welt ganz charakteristisch für diese Epoche ist. Mit der Hinwendung zu dieser imaginierten Traumwelt, in die E.T.A. Hoffmann sich beim Schreiben selbst ganz und gar vertieft hat, geht eine Abwendung von Logik und Rationalität einher, was für die Kunstmärchen der Romantik charakteristisch ist.

E.T.A. Hoffmann

Inhaltsangabe

Zu Beginn des Kunstmärchens „Der goldne Topf“ plant der Student Anselmus den freien Himmelfahrtstag im Linke’schen Bad zu verbringen, stolpert jedoch am Schwarzen Tor in Dresden über den Apfelkorb einer alten Frau. Obwohl Anselmus der Frau zur Entschädigung seine Geldbörse überlässt, verwünscht ihn das Apfelweib und prophezeit ihm, er würde bald „ins Kristall“ fallen. Unter einem Holunderbusch am Elbufer erscheinen Anselmus drei singende grün-goldene Schlangen, deren Tanz von Klängen kristallener Glocken begleitet wird. Mit ihren dunkelblauen Augen zieht eine der Schlangen Anselmus in ihren Bann und er verliebt sich in sie. Später am Tag trifft Anselmus den befreundeten Konrektor Paulmann und verbringt den Abend mit ihm, seinen beiden Töchtern und Registrator Heerbrand, der Anselmus eine Anstellung bei dem Archivarius Lindhorst vermittelt. Von dem Archivarius wird Anselmus mit der Abschrift arabischer Manuskripte betraut, die für Anselmus den Zugang zu einer neuen mythischen Welt bedeuten sollen. Bevor der von Liebeskummer geplagte Student jedoch seine neue Anstellung antreten kann, begibt er sich noch einmal zum Holunderbusch, um dort erneut auf die goldgrüne Schlange mit den dunkelblauen Augen zu treffen. Entgegen seiner Erwartungen trifft Anselmus jedoch auf den Archivarius Lindhorst, der ihm eröffnet, dass die drei Schlangen seine Töchter sind und es sich bei der Schlange mit den dunkelblauen Augen um seine jüngste Tochter Serpentina handelt. Während das Haus des Archivarius von außen wie ein völlig normales Gebäude aussieht, verbirgt sich darin ein exotischer Palmengarten, in dem Anselmus auch auf Serpentina trifft, die sich entweder in der Gestalt eines Mädchens oder als Schlange zeigt. Anselmus erfährt, dass Lindhorst eigentlich ein Salamander ist und einer mythischen Zeit entstammt, jedoch als Strafe für ein früheres Vergehen ein normales bürgerliches Leben führen muss. Der Archivarius kann seine ursprüngliche Gestalt als Elementargeist erst wieder vollkommen annehmen, wenn er seine drei Töchter mit Jünglingen mit einem poetischen Gemüt verheiratet hat.

In Lindhorsts Palmengarten findet Anselmus den goldenen Topf, der die Mitgift Serpentinas ist und zukünftiges Glück symbolisiert. Als Anselmus erneut dabei ist, Dokumente für den Archivarius zu kopieren, verschmutzt er trotz der eindringlichen Warnung Lindhorsts, die Originale keinesfalls zu beschädigen, ein Manuskript mit Tinte. Daraufhin erfüllt sich der Fluch des Apfelweibs und Anselmus wird in eine Kristallflasche auf einem Regal gebannt. Neben sich bemerkt er weitere Kristallflaschen, in denen junge Männer eingesperrt sind, sich ihrer Gefangenschaft aber offensichtlich nicht bewusst sind. In dieser Situation wird sich Anselmus der Enge und den Einschränkungen eines bürgerlichen Lebens bewusst. Er erkennt, dass ihn diese Enge von Serpentina und seiner Liebe zu ihr entfremdet hat.

Apfelkorb

Im weiteren Verlauf erscheint das Apfelweib, um den goldenen Topf zu stehlen, woraufhin ein Kampf zwischen ihr und Lindhorst entbrennt, bei dem die Kristallflasche zerstört und Anselmus befreit wird. Es gelingt dem Archivarius, das Apfelweib zu besiegen, welches sich daraufhin in eine Runkelrübe verwandelt. Anselmus entscheidet sich für die Liebe zu Serpentina und reist mit ihr nach Atlantis, das Reich der Poesie, wo er fortan auf einem Rittergut lebt. Veronikas Wunsch, ein gesichertes Leben als „Frau Hofrätin“ zu führen, erfüllt sich, als sie den Registrator Heerbrand heiratet, der inzwischen an Anselmus‘ Stelle zum Hofrat ernannt wurde.

Die Novelle wird von einem Dialog zwischen dem Salamander Lindhorst und einem Erzähler, der als E.T.A Hoffmann selbst auftritt, beschlossen. Aus diesem Zwiegespräch geht hervor, dass Anselms Glück im Leben in der Poesie besteht.

Personenkonstellation

Im Zentrum der Märchendichtung „Der goldne Topf“ steht Anselmus, der bald sein Studium abschließen wird und dessen Gedanken um Fragen der Zukunftsgestaltung kreisen. Er ist hin- und hergerissen zwischen dem geordneten bürgerlichen Leben und einer übernatürlichen, mythischen Welt. Als Vertreter des bürgerlichen Lebensstils treten Konrektor Paulmann und Registrator Heerbrand auf, die sich darum bemühen, Anselmus ebenfalls in die Strukturen eines geordneten Lebens zu integrieren. Veronika Paulmann, die sich vor allem einen gesellschaftlich anerkannten Status und ein gesichertes Leben als „Frau Hofrätin“ erhofft, geht sogar so weit, Anselmus mit Hilfe eines Liebeszaubers zu manipulieren. Durch seine doppelte Identität als normaler Beamter und übernatürlicher Elementargeist markiert Lindhorst den Übergang zwischen beiden Welten, wobei er sich danach sehnt, wieder ganz in der Welt der Poesie leben zu können. Letztendlich erkennt Anselmus, dass sein Glück in der Poesie liegt und er entscheidet sich dazu, Serpentina, die jüngste Tochter des Archivarius zu heiraten. Ebenfalls der Welt des Übernatürlichen zuzuordnen ist das Apfelweib, das ähnlich wie Lindhorst in mehreren Erscheinungsformen auftritt. Beispielsweise tritt das Apfelweib als Amme Veronikas auf und wird als Hexe bezeichnet.

Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

Obwohl der Untertitel der Erzählung „Der goldne Topf“ den Text als ein Märchen auszeichnet, ist dir beim Lesen sicher aufgefallen, dass es sich hier nicht um ein Volksmärchen à la „Es war einmal handelt…“. Die Übernatürlichkeit der Handlung entfaltet sich unmittelbar in der Lebensrealität des Protagonisten Anselmus und verweist zeitlich und örtlich auf die Stadt Dresden des frühen 19. Jahrhunderts. Es liegt folglich eine Parallelität von Übernatürlichkeit und einem geordneten bürgerlichen Leben vor, wobei auffällig ist, dass alles Fantastische und Wundersame praktisch autonom in Anselmus‘ Wirklichkeit einzudringen scheint. Nicht nur Anselmus selbst, sondern auch andere Figuren sind häufig verunsichert, ob es sich bei diesen übernatürlichen Erscheinungen wirklich um echte Wahrnehmungen oder um bloße Sinnestäuschungen handelt. An einigen Stellen des Textes wendet sich der Erzähler direkt an den Leser und versucht, in diesem Verständnis für die Figuren in dem sogenannten Wirklichkeitsmärchen zu erwecken.

Letztlich bietet „Der goldne Topf“ ganz verschiedene Lesarten und Interpretationsansätze, was bei dem zeitgenössischen Publikum offenbar gut angekommen ist. Nach der Veröffentlichung des Kunstmärchens wurde dieses von Kritikern begeistert rezensiert und bis heute gilt „Der goldne Topf“ als das erfolgreichste Werk Hoffmanns.