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Transkript „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ (v.Grimmelshausen)

Guten Tag liebe Lernende, in diesem Lehrvideo geht es um ein Buch, aus dem Barrockzeitalter von Christoffel von Grimmelshausen "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch", oder wie es auf dem Buchdeckblatt steht: "Abenteuerlicher Simplicissimus". "Ich wurde gleich wie Phönix durchs Feuer geboren, ich flog durch die Lüfte, wart doch nicht verloren, ich wandert im Wasser, ich streifte zu Land, in solchem Umschwärmen mach ich mir bekannt, was oft mich betrübet und selten ergäzet, was war das, ich hab's in dies Buch hier gesetzet. Damit sich der Leser, gleich wie ich itzt tu, entferne der Torheit und lebe in Ruh." Ich habe diesen Text vom Deckblatt jetzt mal laut und deutlich und vorallem langsam vorgelesen, damit jeder, der dieser Schrifttype und Sprache nicht so mächtig ist, vielleicht mal einen Eindruck bekommt, in welcher Art und Weise dieses Buch geschrieben ist. Es ist für uns heute also völlig unverständlich, redundant, schwierig zu verstehen, man kommt da also kaum durch.
Es ist das Hauptwerk von Grimmelshausen und erschien 1668/69, ein barrocker Roman von vitaler Vielseitigkeit, der sich bei spanischen Abenteuerromanen und Don Quichotte bedient.
Don Quichotte, der Mann mit seiner Lanze, der gegen Windmühlen kämpfte.
Es ist das Hauptwerk von Grimmelshausen und erschien 1668/69, ein barrocker Roman von vitaler Vielseitigkeit, der sich bei spanischen Abenteuerromanen und Don Quichotte bedient.
Der Autor, ein in Thüringen geborener, verarmter Landedelmann zeichnet ein detailreiches Bild vom 30-jährigen Krieg, oder wie er das nennt, vom deutschen Krieg, der im Handlungsraum Deutschland von 1618-1648 stattfindet, sowie der verwilderten deutschen Gesellschaft nach dem Krieg, also über den Zeitraum 1648 hinaus. Verwilderung entsteht durch grundlage Rechtsbegriffe, eine fehlende Ordnung und natürlich fehlten Glauben und Sitte, Anstand und Gerechtigkeit. Der Autor hat ein breites Wissen, er kennt viele Vorlagen aus unterschiedlichsten Wissensgebieten seiner Epoche und verarbeitet diese in diesem Roman, das nennt man Kompilieren und das genau wurde ihm im klassischen Zeitalter dann auch vorgeworfen, weil kompilieren immer bedeutet, dass der Autor kein klares eigenes Konzept besitzt und deshalb überall klaut und zusammenschustert, also kompilieren kann man auch klauen nennen. Auffällig im Buch ist der Gegensatz zwischen der Friedenssehnsucht des Helden, sie wird schon in der Bildunterschrift des Buches angesprochen und bildet ein Leitmotiv des ganzen Romans. Und dagegen ist das blutige Soldatenleben und Wilde-Abenteurertun in dem Simplex, so wie der Held des Buches heißt, entweder durch äußeres Verhängnis oder durch eigenes Zutun Gerät. Selbst eindringliche Kampfszenen lassen sich oft als Lesefrüchte des Autors auf ihre Garagenquellen zurückführen. Und dann gibt es immer wieder derbkomische Szenen, die den Leser bei der Stange halten, Belehrungen, die dazu im Widerspruch stehen und das Ganze in einem überbordenden Sprachgestus. Wir haben Satire, wir haben Ernsthaftigkeit, das Ganze ist also ein einziges Konvolut, ein wüstes Schreiben, nicht zuletzt aber ist der Roman eine Allegorie auf Ereignisse im 17. Jahrhundert und wir haben in diesem Buch, die Möglichkeit etwas über die Zeit zu erfahren, uns vielleicht auch in die Anfänge der deutschen Hochsprache der Neuzeit hineinzuarbeiten und wollen das jetzt in einem kurzen Textabschnitt auch mal versuchen.
Nehmen wir uns einfach mal einen Satz vor, damit wir einen Eindruck bekommen wie dieses Buch geschrieben ist: "Wiewohl ich nicht bin gesinnet gewesen ... " Wiewohl ich nicht bin gesinnet, ich bin es nicht gewesen, also es ist eine Form des Irrealis, es ist etwas angezeigt, was nicht geschehen sein sollte, was nicht geschehen wird, was nicht in der Vergangenheit geschah aber einen Aspekt für die Zukunft hat, denn offensichtlich wird hier etwas eingeläutet, was dann im Folgenden näher erklärt werden soll, es ist eine Nebensatzkonstruktion.
"Wiewohl ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser mit diesen Reutern in meines Knans Haus und Hof zu führen" Knans ist ein altes Wort für Vater oder auch Herr und Reuter ein altes Wort für Reiter, also offensichtlich handelt es sich nicht um einfaches Fußvolk. Ich ist immer noch das Subjekt, das Ich wirkt auf den friedliebenden Leser, also auf das Objekt und es wird etwas verneint, also das Subjekt will dem Objekt nichts aufdrängen. Warum will es nichts aufdrängen? "Weil es schlimm genug darin hergehen wird:" "Weil", also kausal. "Es", nicht ganz genau klar, irgendwas, was dort stattfindet, aber noch nicht genannt wurde. "Schlimm genug", Adverbiale. "Darin", Pronominaladverb rückbezüglich auf das Subjekt, also auf das Haus. "Hergehen wird", ein neues Verb: Es wird hergehen. Aber letztendlich will er nicht dem geneigten, beziehungsweise dem friedliebenden Leser in das Haus seines Vaters führen, weil es dort schlimm genug hergehen wird. Also er kündigt etwas an, was er nicht tun wird und begründet das, warum er etwas nicht tun wird. Das "Schlimm" halte ich in diesem Teil für das besondere Wort, schlimm bedeutet, dass man immer ein Rechts- beziehunsgweise ethischen Begriff benötigt, um daran zu messen, ob etwas gut oder schlecht, beziehungsweise schlimm ist.
"So erfordert jedoch die Folge meiner Histori" Das "so" nach dem Doppelpunkt ist ein Korrelat zur Eingangskonjunktion "wiewohl", also "so" und "wiewohl" bilden ein Paar. Wir haben das "wiewohl", was etwas einschränkt und wir haben das "so", was dann letztendlich diese Einschränkung aufhebt und uns anzeigt: Jetzt wird also doch etwas passieren, das "erfordert" bestärkt das beziehungsweise ergänzt das "so", indem es uns anzeigt, warum derjenige, der das hier schreibt, also das lyrische Ich oder das Subjekt, das was er hier tut, tut. "So erfordert jedoch die Folge meiner Histori," Jetzt bezieht er sich auf etwas, was letztendlich die Folge von dem ist, was den Grund abgibt.

Er ist also immer noch ein einer ganz merkwürdigen Verschmelzung von Erzählgegenwart, Zukunft und Vergangenheit.
Jetzt wird es noch dicker: "Daß ich der lieben Posterität hinterlasse," Posterität, also der Post vom lateinischen Wort Post, für etwas, was nachkommt, also Posterität für Nachkommenschaft.
"Daß", wieso das hier mit "ß" geschrieben ist, erschließt sich mir nicht, denn eigetnlich müsste es hier als Relativpronomen hier verstanden werden beziehungsweise als Ersatzwort.
"So erfordert jedoch die Folge meiner Histori, daß ich (welches ich) der lieben Posterität hinterlasse" Also das "daß" ist hier letztendlich falsch, aber gut er hat es eben so geschrieben.
"Posterität", Einschub, Eitelkeit, Verweis, also hält er sich für so wichtig, dass das, was er zu sagen hat, wichtig genug für seine Nachfahren ist.
Weiß jemand noch, was er eigentlich sagen möchte? Ich glaube das kommt jetzt, was er eigentlich sagen möchte, nämlich mit einem Nebensatz: "Was für Grausamkeiten in diesem unserem Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden" Also darum geht es, das ist der Grund, warum er das alles aufgeschrieben hat, nämlich die "Grausamkeiten", darum geht es.
Und wer es immer noch nicht glauben kann, das war noch nicht mal ein Satz, der geht noch weiter "zumalen ...", ungefähr noch mal das Gleiche und in diesem Stil ist das ganze Buch geschrieben. Also wer Lust hat sich mal in die Tiefen der deutschen Sprache hineinzubewegen, ohne dass wirklich viel gesagt wird, der lese "Grimmelshausen Simplicissimus Teutsch".
Um das Buch dann doch nicht ganz zu zereissen, noch ein Paar positive Sätze, und die kann man nur der Erzählstruktur widmen: Über der Vordergrundhandlung ist die eigentliche innere Veränderung des Helden.
Das Buch ist also insofern eine kühn gestrickte Kompilation. Sprachlich ist der Text für uns Heutige unzumutbar, also wir werden dort in diesem Buch keine Freude beim Lesen haben, was sich auch darin zeigt, dass das Buch heute so gut wie nie gelesen wird, bestenfalls in kleinen Ausschnitten, wie ich das jetzt gerade an dem einen Satz deutlich zu machen versuchte.
             

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1 Kommentar
  1. Wp 000233

    danke für deine tollen Filme,
    bei 9 1/2 Minuten: das Thema "daß", wenn das "daß" sich auf die Folge beziehen würde, ja, dann würde es "das" heißen, aber man könnte das "daß" auch auf die Tatsache beziehen, dass er etwas hinterläßt (natürlich ohne Akkusativobjekt im Satz).
    Vielleicht stolperst du auch noch über diese Bedeutung... (glaube nicht, dass v. Grimmelshausen das-dass- Schwäche gehabt hat (hihi)), Grüße, Juliane

    Von Juliane Viola D., vor mehr als einem Jahr