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Expressionismus 08:23 min

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Transkript Expressionismus

Das ist Berlin heute. Wenn ihr an die deutsche Hauptstadt denkt, denkt ihr sicher an Shoppen, Film, Musik und Theater, vielfältige Möglichkeiten, buntes Treiben, deutsche Geschichte, Party. Am Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings sehen die Menschen die entstehenden Großstädte eher als Bedrohung. Anonymität, Reizüberflutung, Hektik, Orientierungslosigkeit, Ohnmacht, Entfremdung und Isolation sind damals die Schlagworte.

Die Angst vor dem Ich-Zerfall

Man hat Angst vor den Maschinen, die die Industrialisierung mit sich bringt, dem Ich-Zerfall, dem Verlust des Individuums in der Umwelt, dem moralischen Chaos und der Abhängigkeit von einer fremden übermächtigen Welt. Die Gesellschaft, die traditionellen Weltbilder stehen vor einer Veränderung. So wird die Großstadt zum Wirkungsraum und Hauptthema der frühexpressionistischen Bewegung.

Themen des Expressionismus

Der Begriff Expressionismus stammt vom lateinischen Wort expressio und bedeutet “Ausdruck”. Kurt Hiller überträgt ihn im Jahr 1911 von der Bildenden Kunst erstmals auf die Literatur. Zu Beginn reagieren die Expressionisten in ihren Texten auf die Wirren der Zeit und zeichnen düstere Bilder einer kranken Gesellschaft. Wichtige Themen sind Selbstmord und Tod sowie Verfall und Untergang. Zudem nehmen sie das alltägliche Leben im Rahmen einer konservativ-bürgerlichen Gesellschaft als bedrückend, einengend und banal wahr.

Repräsentativ ist Jakob van Hoddis Gedicht “Weltende”. Dieses Gedicht bringt nicht nur die Verachtung einer Welt der stumpfen Bürgerlichkeit zum Ausdruck, sondern nimmt bereits die Katastrophe des ersten Weltkrieges vorweg.

Die künstlerisch-literarische Bewegung des Expressionismus will also radikal und provokant mit der Wertorientierung des konservativen Bürgertums brechen. Die meisten jungen Autoren gehören selbst dieser Schicht an, aber wenden sich gegen eine “erstarrte Bildung” - denn es werden Ideale gelehrt, die schon lange nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Innerlich gesehene Wahrheiten

Die Expressionisten verkünden eine neue Zeit, einen Aufbruch. Die politischen, sozialen und ästhetischen Fesseln der Vergangenheit befreien sie durch neuartige literarische Formen und Inhalte. Als Bruch zum kühlen, unkünstlerischen Naturalismus bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern drücken innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse aus. In der Lyrik lassen sich die Gedanken der „Epoche des Ausdrucks“ am besten wiedergeben, hier zerstören die Expressionisten die traditionelle Bildungssprache:

Expressionistische Stilmerkmale

Telegrammstil, Weglassen der Füllwörter, Artikel und Präpositionen, Worthäufung, Dynamisierung durch Verben, Wortneubildung und neue Syntaxformung sind typisch expressionistische Stilmerkmale. Ebenso: Ironie, Pathos, Subjektivität und Überzeichnung. Neben Krieg und Großstadt spielt die Darstellung des Peinlichen und Hässlichen und des deformierten Menschen eine Rolle.

Die Ästhetik des Hässlichen

Naturgewalten werden personifiziert. Die wichtigsten expressionistischen Lyriker sind Else Lasker-Schüler, Jakob van Hoddis, Franz Werfel, Alfred Lichtenstein, Johannes R. Becher, Ernst Stadtler, August Stramm sowie Georg Trakl. Die wohl radikalste Wende gegen die bürgerlichen Geschmacksnormen vollzieht Gottfried Benn, Lyriker und Mediziner. Mit der sprachlich präzisen Thematisierung des Kranken und Abstoßenden schafft er eine „Ästhetik des Hässlichen”. Bekannt ist seine Gedichtsammlung “Morgue” - Leichenschauhaus. Eine Zeile aus “Kleine Aster” lautet:

Als ich von der Brust aus unter der Haut mit einem langen Messer Zunge und Gaumen herausschnitt, muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt in das nebenliegende Gehirn.

Das Stationendrama

Auch im sogenannten Stationendrama konnten expressionistische Schriftsteller ihre Ideen wirkungsvoll demonstrieren. Hier setzt sich die Handlung aus einzelnen, meist unverbundenen Elementen, Stationen oder Bildern zusammen. Thema ist ein Wandlungsprozess des Protagonisten, exemplarisch Ernst Tollers Die Wandlung: Ein junger Mensch trägt Konflikte mit den Schicksalsgewalten, mit der engstirnigen Gesellschaft oder seinem Vater aus. Die Personen werden oft übersteigert und grotesk dargestellt und als “Mann”, “Frau”, “Tochter” typisiert, denn es geht nicht um Charakter, sondern um “Seele” und “Psyche”. Dazu kommt der Einsatz von Musik, Tanz, Pantomime, Bühnenbild und Lichteffekten.

Die Epik dagegen fand nur wenig Bedeutung; Alfred Döblin erlangte durch den Roman “Berlin Alexanderplatz” Weltruhm. Heinrich Mann schrieb wichtige Romane wie „Professor Unrat“ sowie „Der Untertan“; nicht zuletzt gelang es Franz Kafka, in leiseren Erzählungen expressionistische Formen zu gestalten.

Das moderne Ich

Dabei stellten die Expressionisten auch emotionale Themen wie Liebe und Wahnsinn dar. Der Irre ist eine Kontrastfigur zum verachteten normalen Bürger, dessen Normen und Werte er zerschlägt und ihn so erlöst. Der Irre verdeutlicht die leidende und bedrängte Figur des modernen Ichs in einer herzlosen, konservativ-bürgerlichen Welt.

Die Frühexpressionisten hatten den Krieg als Heilmittel gegen eine kranke und banale Welt herbeigesehnt. Georg Heym, der Prototyp des expressionistischen Dichters, schrieb Der Krieg.Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges entstehen in Bezug auf das Kriegsmotiv fast ausschließlich Gedichte, die die Fronterfahrungen der Autoren widerspiegeln. Viele sterben, bei den anderen entsteht ein zunehmender Pazifismus.

Der Aktionismus

Hierzu sollte gesagt werden, dass es den Expressionisten meist gleichgültig war, in welchem Sinne sich etwas änderte. Ihr Motto war der Aktionismus: Hauptsache, es geschah überhaupt etwas. So konnten sich ein und dieselben Künstler sich später sowohl für den Nationalsozialismus als auch den Kommunismus engagieren.

Resümee

Der Expressionismus ist also nicht wegen seines weltanschaulichen Anspruchs bedeutsam. Vielmehr interessiert die expressionistische Literatur dieser Zeit, da sich in ihr die Abkehr von traditionellen und die Hinwendung zu den neuen Formen und Themen der Moderne vollzog. Mit Hilfe der Kunst wollten die Literaten und Künstler die Menschen verändern, um eine neue Welt hervorzubringen. Ihre neue Wahrnehmungsweise der Menschheit zeichnet die Epoche aus. Umso schöner ist es, dass heutzutage gerade Großstädte wie Berlin zu Zentren von vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten und Lebensformen geworden sind und der Gesellschaft einen kreativen Gestaltungsraum bieten, oder?

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1 Kommentar
  1. Default

    Das Video ist sehr gelungen! Eine Textversion des Videos wäre zudem sehr hilfreich

    Von Tina M., vor mehr als 2 Jahren