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Transkript „Andorra“ – Personenkonstellation (Frisch)

Max Frisch: Andorra - Personenkonstellation

In einer Schulklasse gibt es verschiedene Rollen. Die Alphatiere, die immer den Mund offen haben. Die Stummen, die auf den hinteren in den Bänken sitzen. Die Streber, die alle Antworten wissen. Die Träumer. Und es gibt viele irgendwo dazwischen, die sich nach der Gruppe ausrichten, die mitmachen und mitlaufen. Was für ein Typ bist du?

Auch in einem Dorf gibt es verschiedene Rollen. In Max Frischs Stück haben wir es mit einem Modelldorf zu tun. Entsprechend sind die Figuren keine Individuen, sondern Stereotypen. Im Personenverzeichnis haben sie nicht einmal Namen. Mittendrin lebt unsere Hauptfigur. Sie ist kein Stereotyp. Darf ich vorstellen?

Das ist Andri. Andri ist zwanzig Jahre alt. Er hat eine Menge Träume und viel Energie, so wie die meisten jungen Männer in seinem Alter. Er will eine Tischlerlehre machen, da er handwerklich sehr geschickt ist. Andri möchte bald auf eigenen Beinen stehen. Genauso eigenständig ist sein Denken. Obwohl Andri praktisch veranlagt ist, ist er auch ein Kopfmensch. Er stellt sich viele Fragen über seine Umwelt und vor allem über sich selbst.

Als einziger Fremder unter den Andorranern, als einer „der es nicht im Blut hat“ (S. 545), wird er täglich mit den Vorurteilen seiner Mitmenschen konfrontiert. Als Jude sei Andri geldgierig, sagen sie, er sei feige, ehrgeizig und humorlos. Andri grübelt darüber nach, ob diese Eigenschaften wirklich auf ihn zutreffen. Mit zunehmender Ablehnung, die ihm widerfährt, wird Andri wütend und trotzig. Er wehrt sich, wenn ihm Unrecht widerfährt und wird auch mal handgreiflich, um sich am Soldaten zu rächen.

Andri ist zugleich eine zarte Seele und hat etwas Dichterisches an sich: „Man möchte seinen Namen in die Luft werfen wie eine Mütze, (...)“ (S. 534) sagt er einmal. Und Andri ist verliebt. Seine Geliebte ist die Einzige, mit der er offen reden kann. Und sie lebt im gleichen Haus. Sie ist nämlich die Tochter seines Pflegevaters.

Hier kommt sie schon: Das ist Barblin. Barblin ist 19 Jahre alt. Sie liebt Andri. Die beiden treffen sich heimlich in ihrem Zimmer und tauschen Zärtlichkeiten aus. Dabei erweist sich Barblin als geduldige Zuhörerin. Auch sie macht sich Gedanken. Im Gegensatz zu Andri denkt sie über die politische Lage nach. Sie fürchtet sich davor, dass die Schwarzen kommen werden. Sie hat von deren Judenverfolgung gehört.

Barblin verlässt sich auf ihre Gefühle, sie macht sich nichts aus dem, was die anderen über Andri erzählen. Als die Schwarzen kommen, beweist sie Mut und Stärke. Sie begehrt gegen die Soldaten auf und stiftet auch die andern zum Widerstand an. Den Verlust durch die Erschießung Andris und den Selbstmord ihres Vaters verkraftet Barblin nicht. Sie wird wahnsinnig. Als Wahnsinnige nennt sie als einzige die Schuld der Andorraner beim Namen.

Barblins Vater ist der Lehrer Can. Er ist auch Andris Vater. Als typischer Lehrer ist Can ein Mensch mit hohen Idealen. Allerdings schafft er es nicht, diesen Idealen zu entsprechen. Er übernimmt Verantwortung. Er bildet die junge Generation aus und er erzieht seine eigenen Kinder. Früher war Can sogar rebellisch: Er hat einst die Schulbücher zerrissen.

Doch Can ist auch sehr ängstlich. Im entscheidenden Moment hat er aus Angst gelogen. Er hat behauptet, dass Andri nicht sein eigener Sohn, sondern ein jüdischer Adoptivsohn sei. Zwar versucht er nun, diese Lüge als Experiment zu tarnen: Er wolle den Andorranern ihre Engstirnigkeit vorführen. Doch er leidet darunter, dass Andri es so schwer hat in der Gesellschaft und dass er ihn belügt. Seine Sorgen ertränkt der Lehrer im Alkohol. Als die Situation in Andorra eskaliert und Andri abgeführt wird, kapituliert auch Can. Von Schuldgefühlen übermannt, erhängt er sich.

Diese drei Hauptfiguren bilden den familiären Kern des Stücks. Zu ihm gehören zudem die Mutter Barblins und die Mutter Andris, die Senora.

Der Familie gegenüber stehen die Andorraner. Der Tischler, der Wirt, der Doktor, der Soldat, der Geselle, der Pater und der Jemand, sie alle pflegen ihre Vorurteile. Doch treffen die Eigenschaften, die sie Andri anhängen, auf sie selber zu.

Zum Glück sind in einer Klasse die Rollen nicht so festzementiert wie in Frischs Stück. Auch sind die Vorurteile, die Schüler einander gegenüber haben, nicht so drastisch. Doch Andorra zeigt auf, wohin Vorurteile im Extremfall führen. Lassen wir es nicht so weit kommen!

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2 Kommentare
  1. Prisca2

    Vielen Dank für dein Feedback, das freut uns riesig! Wir produzieren fleißig weitere Themen. Lieben Gruß

    Von Prisca P., vor mehr als 3 Jahren
  2. Default

    Richtig gut! Durch deine Lektürevideos bekommt man im Übrigen richtig Lust, das Original zu lesen. Du wirst vielen von uns eine große Freude machen, wenn du viele weitere Lektürevideos online stellst. Dankeschön!!!

    Von Green Spirit, vor mehr als 3 Jahren