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Transkript „Andorra“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Frisch)

Max Frisch: „Andorra“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

„Du sollst dir kein Bildnis machen!“. Bestimmt kennst du dieses Zitat. Es stammt aus der Bibel und wird normalerweise auf Gott angewendet. Doch Max Frisch ist der Meinung, dass man sich auch in der Liebe kein Bildnis machen dürfe. Er sagt: „Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“

In Andorra ist es der Pater, der sagt: „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind.“ Er sagt es im Zeugenstand und erkennt damit seine Schuld Andri gegenüber an. Er sagt weiterhin: „Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht.“

Der Pater ist somit nicht nur der einzige Andorraner, der sich seine Schuld eingesteht und den tödlichen Mechanismus der Vorurteilsbildung durchschaut. Er ist auch der einzige, der benennt, was passiert ist: Die Menschen haben sich ein Bildnis von Andri gemacht. So haben sie ihn in eine vorgefertigte gesellschaftliche Rolle gedrängt. Der Pater spricht einen zentralen Aspekt des Dramas an: die Bildnis-Thematik und damit verbunden die komplexe Wirkung von Vorurteilen.

Auch als er sich selbständig machen will, werden ihm Steine in den Weg gelegt. Der Tischler hält Juden für unpraktisch veranlagt. Er macht sich über ihn lustig und drängt ihn in die Rolle des geldgierigen Verkäufers. Auch der Wirt, der Soldat, der Pater und der Doktor tragen Vorurteile an Andri heran: Juden seien feige, ehrgeizig, gefühllos, gehetzt und überempfindlich.

Weil Andri immer wieder auf diese Vorurteile stößt und sie die Handlungen der Andorraner ihm gegenüber bestimmen, fängt er an, sich selber in Frage zu stellen. Allmählich glaubt er, die ihm zugeschriebenen Eigenschaften an sich zu entdecken. Als er dann auch noch die Frau, die er liebt, nicht bekommt, ist für Andri klar: Wieder ist seine jüdische Herkunft daran schuld. Jetzt beginnt er, sich mit der Rolle des Andersartigen zu identifizieren. Als der Lehrer ihm eröffnet, sein richtiger Vater zu sein, glaubt Andri ihm nicht. Er hält an dem Bildnis, das sich die anderen von ihm gemacht haben, fest. Das Bildnis hat dazu geführt, das Andri sein Selbstbild geändert hat.

Es hat jedoch noch viel weitreichendere Konsequenzen: Die Andorraner verhalten sich antisemitisch und von den “Schwarzen” wird er verfolgt. Dies führt dazu, dass Andri getötet wird. Andri ahnt es zwar, stilisiert sich jedoch als Märtyrer seines Volkes und seiner angeblichen Vorfahren hoch.

Max Frisch hat “Andorra” 1960 geschrieben, 15 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges. Es kommen „Schwarze“ vor, die Länder einnehmen und Juden umbringen. Natürlich ist es sehr verlockend, Andorra historisch zu lesen. Die “Schwarzen” wären dann die Deutschen, Andorra die Schweiz. Oft wurde Andorra in der Kritik auch genau so verstanden. Doch mit dieser Interpretation tut man Frisch Unrecht. Er selber hat sich dagegen gewehrt, Andorra so eindimensional verstanden zu wissen. In seiner Vorbemerkung schreibt er: „Das Andorra dieses Stücks hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens, gemeint ist auch nicht ein andrer wirklicher Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Modell.”

Ein Modell, das bedeutet, dass Andorra überall stattfinden könnte, zu jeder Zeit. Und es bedeutet auch, dass der Jude kein Jude sein muss, sondern irgendeine andere Religionszugehörigkeit oder Nationalität haben könnte. Die Minderheiten ändern sich, der Mechanismus der Vorurteilsbildung und der Unterdrückung bleibt jedoch der Gleiche.

Dieser Lesart haben Kritiker vorgeworfen, dass sie den Holocaust zu einem Modell verkleinere und ihm die Einzigartigkeit abspreche. Und tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass 1960 die Zuschauer in deutschsprachigen Theatern sich bestimmt schwertaten, Andorra als reines Modell ohne Vergangenheitsbezug zu sehen. So wurde “Andorra” denn auch in Deutschland als Anregung zur Vergangenheitsbewältigung verstanden. In der Schweiz hingegen fühlte man sich vom Heimatkritiker Max Frisch auf die eigene verdrängte Rolle im Zweiten Weltkrieg aufmerksam gemacht. Viele Jahre später bekannte auch Frisch, dass Andorra ein Zeitstück sei.

“Andorra” zeigt also, wie Vorurteile einen Menschen in eine Rolle drängen können. Max Frisch stellt die Bildnis - Thematik in den Mittelpunkt seines Dramas und zeigt die damit verbundene Folge: ungerechtfertigte Vorurteile. Im schlimmste Fall führen diese dazu, seine eigene Identität nicht finden zu können, wie im Falle Andris.

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2 Kommentare
  1. Default

    Vielen Dank für dieses informationsreiche Video. Es hilft mir sehr für meine Referatsvorbereitung.

    Von Schmidt Scherber Schmidt, vor etwa 2 Monaten
  2. Default

    super

    Von E989784, vor fast 3 Jahren