Advent, Advent, 1 Monat weihnachtliche Laufzeit geschenkt.

Nicht bis zur Bescherung warten, Aktion nur gültig bis zum 18.12.2016!

Textversion des Videos

Transkript „Die Dreigroschenoper“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Brecht)

Wenn du 1929 in Deutschland gelebt hättest und ab und an ins Theater gegangen wärst, dann wärst du an der Dreigroschenoper kaum vorbei gekommen. Innerhalb eines Jahres wurde das Stück an etwa 120 Bühnen inszeniert. Auch in anderen Ländern Europas hättest du gute Chancen gehabt, eine Aufführung zu sehen.

Bis 1933 wurde Die Dreigroschenoper in 18 Sprachen übersetzt. Es wurde sogar eine Tapete mit Szenen aus dem Werk verkauft. Dieser Erfolg klingt nach einem Traum für jeden Autor. Aber warum war das Stück beim Publikum eigentlich so beliebt? Entsprach die begeisterte Aufnahme seines Stückes dem, was Brecht mit Theater erreichen wollte?

Reaktionen der Zuschauer auf die Dreigroschenoper

Bei der Uraufführung im August 1928 war das Publikum zunächst skeptisch und die Stimmung im Theater gedrückt. Das änderte sich schlagartig mit dem Kanonensong (1. Akt). Es wurde geklatscht, getrampelt und lautstark nach Wiederholung verlangt und jede weitere Szene begeistert aufgenommen.

Rund 4000 Aufführungen fanden innerhalb eines Jahres in verschiedenen Städten statt. Es folgte eine lange Geschichte der Inszenierungen, die bis heute anhält. Versuche doch einmal herauszufinden, an welchem deutschen Theater Die Dreigroschenoper momentan gespielt wird. Ich bin mir sicher, dass du mindestens ein Theater finden wirst.

Verbot des Theaterstückes

Während des Nationalsozialismus war das Stück verboten und wurde 1938 in Ton- und Bildbeispielen in einer Ausstellung über „Entartete Musik“ gezeigt. Gegen die Absicht der Veranstalter war das eine Möglichkeit für Interessierte, sich „legal“ Ausschnitte des Stückes anzuhören.

Es entstanden immer wieder Tonaufnahmen der Lieder, Hörspiele und Verfilmungen des Stückes. Für die erste Verfilmung im Jahr 1930/31 schrieb Brecht selbst die Drehbuchvorlage. Seine Vorschläge zur Umsetzung erschienen den Verantwortlichen jedoch zu politisch und wurden deshalb nicht berücksichtigt. Außerdem kam es zu einem Rechtsstreit, weil die Produzenten nicht bereit waren, Brecht an den Einnahmen zu beteiligen.

Bertold Brechts Intention

Doch was hielt Brecht selbst vom Erfolg und der Verfilmung seines Stückes? In einem Interview äußerte er dazu:

„Was meinen Sie, macht den Erfolg der ‚Dreigroschenoper’ aus? Ich fürchte, all das, worauf es mir nicht ankam: die romantische Handlung, die Liebesgeschichte, das Musikalische. Als die Dreigroschenoper Erfolg gehabt hatte, machte man einen Film daraus. Man nahm für den Film all das, was ich in dem Stück verspottet habe, die Romantik, die Sentimentalität usw., und ließ den Spott weg. Da war der Erfolg noch größer.“

Die Lieder der Dreigroschenoper waren zur Zeit der Weimarer Republik beliebt und bekannt wie Schlager. Hättest du jemanden auf der Straße nach Mackie Messer gefragt, wahrscheinlich hätte er dir mit „Und der Haifisch, der hat Zähne…“ geantwortet. Das Stück hatte für viele einen hohen Unterhaltungswert. Brecht sah die Gefahr, dass seine Intention nicht wahrgenommen wurde.

Brecht selbst meint: „Und worauf wäre es Ihnen angekommen? Auf die Gesellschaftskritik. Ich hatte zu zeigen versucht, dass die Ideenwelt und das Gefühlsleben der Straßenbanditen ungemein viel Ähnlichkeit mit der Ideenwelt und dem Gefühlsleben des soliden Bürgers haben.“

Interpretationsansatz

Brechts Anliegen zu kennen, hilft dir bei einer möglichen Interpretation des Stückes. Die damalige Gesellschaft war geprägt durch einen immer stärker werdenden Kapitalismus. Die Folge war - neben dem Wohlstand einiger Personen - Verarmung großer Teile der Bevölkerung.

Im Stück zeigt sich, dass viele Menschen nur unmoralisch handeln, weil sie nichts zu essen haben. So werden sie zu Bettlern oder Huren, um zu überleben. Diejenigen, die wie Peachum nach außen gutbürgerlich und tadellos wirken, verschlimmern diesen Zustand. Sie nutzen die Armen skrupellos für sich aus und handeln damit noch unmoralischer. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind nicht klar zu ziehen.

Teil von Brechts epischem, also erzählendem, Theater ist ein beabsichtigter sogenannter “Verfremdungseffekt” beim Publikum. Die Zuschauer sollen sich nicht in die Handlung einfühlen und diese mit großer Spannung verfolgen, sondern immer wieder zur Reflexion gezwungen werden.

Funktion der Lieder der Dreigroschenoper

Ziel ist es, eine Distanz zum Publikum aufzubauen, damit dieses das Gesehene kritisch betrachten und bewerten kann. So soll der Zuschauer die Möglichkeit haben, zu erkennen, was die Gesellschaft verändern könnte. Die eingeschobenen Lieder sind dabei wichtiger Teil des epischen Theaters. Durch sie wird die Handlung unterbrochen, kommentiert und interpretiert.

Thematisch beschäftigen sich die Lieder mit den Lebensbedingungen des Menschen. Sie ergründen, warum der Mensch ist, wie er ist. Der Einsatz von Tafeln, Schildern und der direkten Ansprache des Publikums verstärken den Verfremdungseffekt.

Abschlussfrage

So wie ich dich in diesem Drehbuch anspreche, so spricht auch Brecht in seinen Stücken den Zuschauer direkt an. Auch wenn du noch nie ein Stück von Brecht im Theater gesehen hast, kannst du also erahnen, wie es sich anfühlt. Was denkst du? Hilft es dir, selbst über das Gesehene nachzudenken?

Informationen zum Video
1 Kommentar
  1. Default

    Das ist sehr gut erklärt worden. Danke

    Von Alicia R., vor 10 Monaten