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Transkript „Der Besuch der alten Dame“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Dürrenmatt)

Mit “Der Besuch der alten Dame” gelang Friedrich Dürrenmatt der große Durchbruch. Das Stück entstand 1955. Die Weltpremiere fand am 29. Januar 1956 im Schauspielhaus Zürich statt. Therese Giehse und Gustav Knuth spielten die Hauptrollen. Therese Giehse war zu diesem Zeitpunkt bereits vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen.

Dürrenmatts Stück über die Macht des Geldes ist heute immer noch erschreckend. Vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Krise weist “Der Besuch der alten Dame” ein hohes Maß an Aktualität auf. Im Mittelpunkt des Stückes steht der Diskurs um Gerechtigkeit und außerdem die Frage, was sich schlussendlich durchsetzen soll: Kapital oder Moral. Die Güllener fungieren im Stück als Kollektiv. Sie sind durchschnittliche, biedere Normalbürger, die stellvertretend für andere Menschen betrachtet werden können.

Die Bürger Güllens neigen schon am Anfang des Stücks zu Vorurteilen. Sie machen Juden, Freimaurer, die Hochfinanz und Kommunisten für den wirtschaftlichen Niedergang ihrer Stadt verantwortlich. Nach eigenem Versagen suchen sie nicht.

Zunächst lehnen sie das Angebot der Zachanassian, eine Milliarde für Ills Tod zu bezahlen, ab. Dies beruht jedoch weniger auf tief verwurzelter Moral. Sie verharmlosen vor Ill ihren ansteigenden Wohlstand und verleugnen, dass dieser mit Ill in Beziehung steht.

Erst mit wachsendem Reichtum kommt Kritik an Ills früherem Verrat Klara gegenüber auf. Hier kommt ihre Verlogenheit zum Ausdruck.

Die Güllener wollen beides: Reichtum und Moral. Am Ende siegt der Kapitalismus: Der Mord geschieht und zwar öffentlich und gemeinschaftlich. Um den moralischen Anschein zu wahren, reden sie sich ein, der Mord geschehe aus Gründen der Gerechtigkeit. Dies beweist, dass sie zumindest unbewusst Skrupel bei ihrer Tat empfinden. Mit „reiner Menschlichkeit“ begründen sie die Ablehnung von Claires Vorschlag und auch den Mord an Ill. Dürrenmatt greift hier die kollektive Selbsttäuschung des modernen Menschen an.

Die Entwicklung der Güllener und vor allem ihre Bestechlichkeit stellt zweifelsohne eine Kritik am modernen Kapitalismus dar. Die Güllener symbolisieren den bestechlichen, moralisch wandelbaren, gierigen Menschentyp, den dieses Wirtschaftssystem produziert.

Zum Diskurs von Gerechtigkeit gehören Schuld und Rache. Für Claire Zachanassian ist Gerechtigkeit ein käufliches Gut. Sie ist nichts, was man dem Rechtssystem überlässt. Diese Lehre zieht sie aus dem Gerichtsprozess um Ills Vaterschaft, den sie einst verlor. Auch auf die Gesellschaft kann sie sich nicht verlassen, denn diese hat die schwangere Klara damals verstoßen.

Wenn Recht und Gesellschaft versagen, bleibt nur noch der Ausweg des Geldes. Claire will ihre persönliche und emotionale Auffassung von Gerechtigkeit kaufen. Sie nennt ihre Rache Gerechtigkeit. Somit gibt sie den Güllenern die Möglichkeit, den begangenen Mord als gerecht zu empfinden. Die Stadtbewohner werden damit zu Marionetten der Milliardärin. Für Ill hingegen hat Gerechtigkeit eine persönliche Bedeutung.

Die Gerechtigkeit befreit ihn vom Schuldgefühl und von der Angst. Erst unter dem Druck der kapitalistischen Umstände reift in ihm die Einsicht, dass er Schuld auf sich geladen hat.

Ill bekennt schließlich, dass seine Ermordung gerecht sei. Sein Gewissen steht dabei unter dem Einfluss von Claire Zachanassian. Die Frage nach Gerechtigkeit wird aus ihrem eigentlichen Kontext herausgelöst. Gerechtigkeit befindet sich hier im Bereich des Kapitalismus und ist käuflich. Durch den zunehmenden moralischen Verfall und die Fremdbestimmtheit können die Güllener diesen Missstand nicht erkennen.

Die Kritiken zur Uraufführung von „Der Besuch der alten Dame“ waren fast durchweg positiv. Man bescheinigte Friedrich Dürrenmatt "einen wirklichen, starken, tragenden Stoff". Mit Therese Giehse in der Hauptrolle kam das Stück nach Deutschland an die Münchner Kammerspiele.

Für das Fernsehen inszenierte Ludwig Cremer es dann mit Elisabeth Flickenschild als Claire. Danach trat das Stück einen Siegeszug um fast die ganze Welt an. 1976 fand die Premiere in der Sowjet-Union statt. 1959 wurde "Der Besuch der alten Dame" als bestes ausländisches Stück am Broadway ausgezeichnet.

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1 Kommentar
  1. Default

    Fantastisch , einfach genial!

    Von Steve K., vor mehr als 2 Jahren