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Transkript „Der Besuch der alten Dame“ – Entstehungsgeschichte (Dürrenmatt)

Zeithistorischer Hintergrund

Dürrenmatts tragische Komödie ist unverkennbar ein Kind ihrer Zeit. Die 50er Jahre waren für Deutschland die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders. Nach der Zeit des Krieges und der entbehrungsreichen Nachkriegszeit ging es ökonomisch steil bergauf. In der Mitte des Jahrzehntes war Vollbeschäftigung zu verzeichnen. Es gab also fast keine Arbeitslosen.

Der Schweiz war der Krieg erspart geblieben. Die Heimat Dürrenmatts erfuhr in den Jahren 1952 bis 1957 einen noch stärkeren und schnelleren wirtschaftlichen Aufstieg als die Bundesrepublik. Es kam zu einem regelrechten Bauboom und einer Motorisierung der Bevölkerung und der Wirtschaft. Die Unternehmer nahmen verstärkt Investitionen vor.

Der allgemeine Wohlstand stieg rasant an. Dies führte zu einem Mentalitätswechsel in der Schweizer Bevölkerung: Geld wurde immer wichtiger und als eigenständiger Wert etabliert. Es war weit verbreitet, Geld als das Wichtigste anzusehen. Viele Menschen glaubten, mit Geld sei alles machbar.

Die Kritiker dieses neuen Zeitgeistes beklagten den Verlust des Wertesystems. Der Materialismus großer Bevölkerungsteile wurde stark kritisiert.

Vorlage & Entstehung

Diese Thematik griff Dürrenmatt bereits in seiner Novelle “Mondfinsternis” auf. Sie gilt als direkte Vorlage für sein Stück “Der Besuch der alten Dame”.

In der Novelle geht es ebenfalls um einen zu Reichtum gekommenen Besucher, der an seinem Heimatdorf Vergeltung üben will. Dieses Ziel will er mit Hilfe von Geld erreichen. Der Handlungsverlauf gestaltet sich jedoch insgesamt etwas anders. So lassen sich die Bewohner hier noch nicht so schnell vom Geld beeinflussen. Aber es kommt dennoch zu einem Toten.

Im Verlaufe des Schaffensprozesses verwandelte sich der amerikanische Schweizer dann in die Multimilliardärin Claire Zachanassian und das Bergdorf in Güllen. Es stellte sich dem Autor die Frage, wie eine Kleinstadt auf der Bühne darzustellen sei.

Die Entscheidung, den Bahnhof zu wählen, geschah bewusst: Es ist der Ort, den man zuerst erblickt, wenn man eine Stadt besucht. Es handelt sich also gewissermaßen um die Visitenkarte der Stadt. Die Darstellung der Abgeschiedenheit, der wirtschaftlichen Rückständigkeit und der Armut geschah dadurch, dass die Schnellzüge dort nicht mehr hielten. Viele seiner Stücke hat Dürrenmatt häufig umgeschrieben.

Beim Besuch der alten Dame hat ihn besonders die Szene in Ills Laden beschäftigt. Dennoch hat er das Stück von der Züricher Uraufführung im Jahr 1956 bis zur Neufassung von 1980 unverändert gelassen.

Hörspiel "Die Panne"

In Bezug auf Dürrenmatts übriges Werk kommt dem Hörspiel "Die Panne" eine besondere Rolle zu. Es ist ebenfalls im Jahr 1955 entstanden und steht auch in struktureller Nähe zur "alten Dame". In diesem Hörspiel landet der Reisende Traps aufgrund einer Autopanne in einer Runde älterer Herren. Diese führen mit ihm spielerisch einen Gerichtsprozess durch. Traps spielt den Angeklagten. Es kommt zu seiner Überführung und zu vermehrtem Schuldbewusstsein.

In der Fassung des Hörspiels kann Traps noch fliehen. In der späteren Prosafassung erfolgt sein Selbstmord. Auch hier geht es also um einen missglückten Besuch und das Versagen der bürgerlichen Moral. Die Unfähigkeit der – wenn auch nur gespielten – Justiz spielt auch hier eine wichtige Rolle.

"Komödie der Hochkonjunktur"

Dürrenmatt schrieb das Stück „Der Besuch der alten Dame“ vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Aufschwungs der Schweiz und den verschiedenen Folgen daraus.

Er gestaltete hier die Folgen von Konsum und Konsumsucht so deutlich aus, dass es viele seiner Zeitgenossen ansprach. So ist der große Erfolg dieser "Komödie der Hochkonjunktur”, wie der ursprüngliche Untertitel eigentlich lauten sollte, zu erklären.

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