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Transkript „Traumnovelle“ – Entstehungsgeschichte (Schnitzler)

Denkst du, dass Träume dir etwas über dich sagen können? Oder sind sie nur eine völlig sinnfreie physiologische Erscheinung? Arthur Schnitzler schrieb dazu: Doch Träume sind Begierden ohne Mut, / Sind freche Wünsche, die das Licht des Tags / Zurückgejagt in die Winkel unsrer Seele, / Daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen.

Die Macht des Unbewussten

Träume und die Macht des Unbewussten waren Arthur Schnitzlers Lebensthemen und das Grundmotiv seines literarischen Schaffens. Die Zeilen aus dem Versdrama “Der Schleier der Beatrice” können zudem als dichterische Vorwegnahme der Lehren des Psychoanalytikers Sigmund Freud betrachtet werden.

Die Traumdeutung nach Freud

Was hat Freud nochmal über Träume gesagt? Und in wiefern hat das Arthur Schnitzler bei der “Traumnovelle” beeinflusst? Oder hat Schnitzler Freud inspiriert? Sigmund Freud änderte mit seinem Buch “Die Traumdeutung” das Selbstbild des Menschen von Grund auf. Der Wiener Nervenarzt hatte 200 Träume analysiert und machte damit die Vorstellung eines selbstbestimmten Individuums zunichte.

Er behauptete, jeder Mensch habe neben dem Ich ein mächtiges Unbewusstes, das Es, das mit Vernunft nicht zu bändigen sei. Im Traum würden verdrängte Wünsche wiederkehren, verfremdet und verhüllt in Bilder und Symbole. So beginnt das 20. Jahrhundert mit einem Schock für die Gesellschaft und einer neuen geistesgeschichtlichen Epoche.

Dabei hatten der Romantiker Novalis und der Schriftsteller Adolph von Wilbrandt auch schon literarisch behauptet, man könne durch Träume in die verdunkelten Bereiche der Seele blicken und dort der versteckten Wahrheit begegnen.

Traumforschung in der Literatur

Freuds “Traumdeutung” löst somit Begeisterung in der literarischen Welt aus und Schriftsteller führen seine Thesen in ihren Werken weiter. Arthur Schnitzler liest die “Traumdeutung” im Frühjahr 1900, kurz nach ihrer Veröffentlichung. Genauso wie Freud lebt er in Wien und hat ebenfalls lange den Beruf des Arztes ausgeübt.Über Jahre schreiben die beiden sich respektvolle und bewundernde Briefe - treffen sich aber nie. Freud schreibt zu Schnitzlers 60. Geburtstag 1922:

Freuds Brief an Schnitzler

“Ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu (...) So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung - alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an den Menschen aufgedeckt habe.”

Beim ersten Treffen der beiden Traumforscher ist Freud bereits 66 Jahre alt. Drei Jahre später erscheint die Traumnovelle und gehört somit zu Arthur Schnitzlers späteren Werken. Doch die Idee dazu ist fast zwanzig Jahre alt. Der langwierige und mühsame Entstehungsprozess lässt sich so gut nachvollziehen, da Schnitzler seit seiner Jugend akribisch Tagebuch führt. Die erste Notiz lautet:

Schnitzlers Tagebucheintrag

Der junge Mensch, der von seiner schlafenden Geliebten fort in die Nacht hinaus zufällig in die tollsten Abenteuer verwickelt wird - sie schlafend daheim findet, wie er zurückkehrt; sie wacht auf - erzählt einen ungeheueren Traum, wodurch der junge Mensch sich wieder schuldlos fühlt.

Wenige Tage später erweitert Schnitzler diese Stichpunkte etwas. Der nächste Hinweis findet sich erst 10 Jahre später. Schnitzler schreibt, dass der Stoff ihn nicht mächtig genug anziehe. Zudem sei unklar, ob er ihn dramatisch oder novellistisch verarbeiten solle. 1920 dann greift er die Idee zu der “Doppelnovelle”, so sein ursprünglicher Titel, wieder auf.

Mit der Niederschrift beginnt er am 12. Oktober 1921, direkt nach seiner von Ehefrau Olga. Schnitzler hat eine krisenreiche Beziehung hinter sich, von der sicher viel in den Text einfließt. Noch 1924 hält er den Text für unabgeschlossen, feilt weiter an der “Traumnovelle” mit einer großen Gründlichkeit.

Die Endfassung der Traumnovelle

Am 03. August 1925 schickt Schnitzler endlich die Endfassung an die Illustrierte Die Dame. Dort erscheint die Novelle von Dezember 1925 bis März 1926 in Fortsetzung. Auszüge erscheinen im Prager Tageblatt, außerdem in der vom S. Fischer Verlag veranstalteten Sammlung Das vierzigste Jahr: 1886 - 1926.

Nachdem er mit mehreren Verlagen verhandelt hat, schließt Schnitzler mit S.Fischer einen Vertrag ab. Am 14. Mai 1926 notierte er in sein Tagebuch zufrieden: “Traumnovelle erschienen; Erfolgreicher Einsatz.” Durch diesen zwanzigjährigen Entstehungsprozess kann die “Traumnovelle” als Summe von Schnitzlers Nachdenken über Träume gelesen werden.

Der Schriftsteller Arthur Schnitzler hat alle seine Träume in sein Tagebuch notiert - von der Jugend bis zum Lebensende. Hast du schon mal einen Traum von Dir aufgeschrieben und ihn analysiert? Dann könntest du herausfinden, ob Freud und Schnitzler recht haben, ob Träume Dir etwas über Deine verdrängten Wünsche und Ängste sagen.

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