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Transkript „Der Sandmann“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Hoffmann)

E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann - Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

Nur wenige Erzählungen der deutschen Literatur sind so häufig und so unterschiedlich interpretiert worden wie E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Man könnte sogar sagen, die Vielzahl der Interpretationen sind selbst Gegenstand der Forschung geworden.

Was macht fast 200 Jahre später das Schillernde, Vielschichtige eines Textes aus, der nur 30 Seiten umfasst und 1816 zum ersten Mal veröffentlicht wurde?

Das Echo nach Erscheinen der „Nachtstücke“ war geteilt. Viele Zeitgenossen interpretierten die Erzählung als eine Krankengeschichte, in der Hoffmann seine eigenen Ängste zum Ausdruck brachte. Dazu zählten unter anderem Goethe, Heinrich Heine und der englische Autor Walter Scott.

Tatsächlich hatte Hoffmann in Bamberg Bekanntschaft mit dem Nervenarzt Dr. Marcus gemacht. Dieser weihte ihn in die Krankengeschichten seiner Patienten ein. Es gibt auch Dokumente, die darauf verweisen, dass Hoffmann Zeit seines Lebens fürchtete, selbst wahnsinnig zu werden.

Trotz dieser negativen Kritiken gelangt Hoffmanns Erzählung über den Umweg durch England und Frankreich zu größerer Bekanntheit. Hoffmann gilt dort als herausragender Dichter des Phantastischen und Grotesken. Er wird als Autor Vorbild für zahlreiche berühmte Schriftsteller, wie zum Beispiel Edgar Allan Poe, Fjodor Dostojewski, Charles Baudelaire oder Honoré de Balzac.

Im 20. Jahrhundert schloss sich Sigmund Freud der Auffassung an, dass Hoffmann im „Sandmann“ vorwiegend seine eigenen Probleme zum Ausdruck brachte. Freud machte seine Interpretation an zwei Themenkomplexen fest. Er deutet den Augenraub als Kastrationsangst. Dieses mit dem Sandmann verknüpfte Trauma wiederholt sich immer wieder und führt schließlich in die Katastrophe.

Das Unheimliche schlechthin sah Freud im Automaten Olimpia verkörpert. Der Zweifel, ob sie lebendig ist oder nicht, knüpfe an eine überwundene Realitätserfahrung an. Gemeint ist damit zum Beispiel die kindliche Allmachtsphantasie, dass bloßes Wünschen die Realität verändern könne. In diesem Sinn ist Nathanael ein Mann, der sein Kindheitstrauma einfach nicht überwinden kann.

Hoffmanns Erzählweise ist wegweisend. Dazu gehört auch eine Struktur, in der einzelne Motive oder Motivgruppen den gesamten Text durchziehen So bilden sie ein ganzes Netz von Querverweisen. Außer dem Augenmotiv, dem Automatenmotiv und dem Sandmannmotiv spielen noch das Künstlermotiv, die Darstellung des Bürgers und das Motiv des Doppelgängers eine wichtige Rolle.

Allen Bereichen gemeinsam ist, dass sie von Hoffmann als ambivalent dargestellt werden: Die Augen sind Fenster zur Seele und gleichzeitig angstvoll besetzt. Der Automat ist ein Produkt der Kunst und Inbegriff des Unheimlichen. Der Sandmann gehört der Übergangszone zwischen Tag und Nacht, zwischen Wahn und Wirklichkeit an. Die Phantasie des Künstlers wiederum ist Ideal und Ursache für den Wahnsinn. Der Bürger ist Aufklärer und kunstfeindlicher Philister. Der Doppelgänger ist per se in sich zweigeteilt.

So wird der Leser in ein verwirrendes Spiel getrieben und verliert schließlich die Orientierung. Das ist Hoffmanns Strategie. Nicht Wahn oder Wirklichkeit, nicht bürgerliche Realität oder magische Gegenwelt, nicht Kunst oder Brotberuf: die Dinge sind so, wie die Vorstellung, die wir uns von ihnen machen. Der Leser ist frei, sich selbst eine Idee zu bilden. Dass diese Relativität der Interpretation eine postmoderne Idee ist, konnte Hoffmann natürlich noch nicht wissen.

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3 Kommentare
  1. Default

    Cooles Video, danke fafür :)

    Von Florian Feilmeier, vor mehr als einem Jahr
  2. Franziska

    Danke für das Lob und den Hinweis. Wir kümmern uns darum.
    Liebe Grüße,
    Franziska

    Von Franziska G., vor mehr als 2 Jahren
  3. Default

    Eure Videos sind prima - da steckt richtig Arbeit drin!

    Aber den "gesammten Text" schreibt man trotzdem nur mit einem m.
    Sorry: Deutschlehrer halt...

    Von J Koehler, vor mehr als 2 Jahren