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Transkript Lyrik des Expressionismus

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

in allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Das Gedicht „Weltende“ , welches vermutlich 1910 entstand und 1911 veröffentlich wurde, ist das einzige berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis. Er wird als Vorreiter der Epoche des Expressionismus gesehen und die Entstehung und Veröffentlichung des Gedichts fällt mit dem Beginn der expressionistischen Epoche 1910 zusammen.

Was sagt uns das Gedicht über die Situation zu dieser Zeit? Und inwiefern ist es beispielhaft für die Lyrik im Expressionismus?

Weltuntergang

Das Gedicht “Weltende“ thematisiert den Weltuntergang. Es hat eine traditionelle äußere Form, während der Inhalt turbulent und bewegend ist. Form und Inhalt stehen also im Kontrast zueinander.

Besonders ist auch der “Reihungsstil”, also das gleichzeitige oder leicht versetzte Auftreten von zusammenhanglosen Metaphern. Das lyrische Ich des Gedichts wirkt dadurch teilnahmslos, distanziert und emotionslos auf den Leser. Es klingt ironisch-satirisch.

Das kommt daher, dass das Thema Weltuntergang von den Expressionisten teilweise als willkommener Anlass gesehen wurde, um das hysterische Verhalten der Gesellschaft zu kritisieren, überspitzt darzustellen oder ins Lächerliche zu ziehen. Dieser schwarze Humor entstand vor allem aus der Angst der sich vollziehenden Industrialisierung.

Industrialisierung & Beginn des 20. Jahrhunderts

Die stattfindende Industrialisierung war ein großes Thema. Die Bevölkerung wuchs, die Menschen zogen plötzlich massenhaft vom Land in die arbeitsplatzreichen Großstädte. Man spricht in diesem Zusammenhang von Urbanisierung. Die Folge: Ghettobildung und Massenarmut.

Durch die Massenproduktion fühlten sich viele Menschen nur noch auf ihren Stellenwert als Produktionskräfte reduziert. Das kam einem Identitätsverlust gleich.

Zudem herrschten in Europa zu Beginn des 20.Jahrhunderts starke politische Spannungen und Instabilitäten. Dazu kam eine Anhäufung von Naturkatastrophen. All diese Unsicherheiten und Umbrüche versetzten die Menschen in Hysterie und Weltuntergangsstimmung.

Themen & Merkmale expressionistischer Lyrik

Die wichtigsten Themen expressionistischer Gedichte sind neben Weltuntergang also: die Großstadt, der Krieg, die Ich-Dissoziation und die Ästhetisierung des Hässlichen. Die Expressionisten nutzen viele Themen als Medium für eine Zivilisations- und Gesellschaftskritik.

Die wichtigsten stilistischen Merkmale expressionistischer Lyrik sind: Personifikationen, Methaphern, Symbole sowie Verfremdungen, Groteskheit und Neologismen. Typisch ist der Simultan- oder Reihungsstil. Die teils strenge äußere Form stellt eine Bändigung des Inhalts dar.

Abgrenzung von anderen Epochen

Der Expressionismus grenzt sich dadurch von anderen Epochen ab. Er ist Gegenbewegung zum Naturalismus, der als unästhetisch, kalt und positivistisch empfundenen wurde.

Vom Impressionismus unterscheidet er sich durch die Schilderungen seelischer und subjektiver Empfindungen. Impressionisten versuchten, einen Moment möglichst genau und intensiv zu beschreiben. Der Expressionismus stellt das Ich in den Mittelpunkt und beschreibt dessen subjektive Eindrücke.

Thema Ich-Dissoziation

Georg Trakl greift mit dem Gedicht “Verfall” das Thema Ich-Dissoziation auf. Im Gedicht schildert Trakl die Wirkung der hereinbrechenden Herbstzeit auf das lyrische Ich. Die letzten Zeilen des klassischen Sonetts lauten:

[...] Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.

Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.

Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,

Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Mit Ich-Dissoziation werden Charaktere beschrieben, die weitestgehend keine eigene Persönlichkeit haben oder nur auf einer sehr niedrigen Triebebene in Erscheinung treten. Das nennt man auch Ich-Verlust oder Ich-Zerfall.

Thema Krieg

Das Thema Krieg beschäftigte viele Expressionisten. Sie spürten die politischen Spannungen. Sie waren Seismographen für den drohenden Krieg und nahmen eine pazifistische Haltung ein. Gerne schürten sie deshalb die Angst vor dem Krieg, wie Georg Heym in der ersten Strophe seines Gedichts “Der Krieg”:

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,

Aufgestanden unten aus Gewölben tief.

In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,

Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand. [...]

Der Krieg tritt hier als Personifikation beziehungsweise als Allegorie auf. Heym stellt absichtlich ein übertriebendes Horrorszenario dar, wenn er schreibt, der Krieg würde den Mond in der schwarzen Hand zerdrücken. So nimmt der Krieg mit der Verdunkelung des Mondes den Menschen jegliches Abendlicht und Hoffnung. Die Dämmerung kann symbolisch für den Menschheitsuntergang gesehen werden.

Thema Stadt

Auch die Stadt wurde in der Regel nur in ihren negativen Erscheinungsformen betrachtet. Sie galt als Ort der Gottlosigkeit, Affektiertheit und Zerstörung der Natur. Das lyrische Ich ist in der Großstadt häufig von Einsamkeit, menschlicher Kälte und Anonymität umgeben.

In der ersten und dritten Strophe von Alfred Lichtensteins Gedicht “Die Stadt” heißt es:

Ein weißer Vogel ist der große Himmel.

Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt.

Die Häuser sind halbtote alte Leute. [...]

Drei kleine Menschen spielen Blindekuh –

Auf alles legt die grauen Puderhände

Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott. [...]

Lichtenstein benutzt hier den Himmel als Metapher für Freiheit, wogegen er das Leben in der Stadt als Gefangenschaft darstellt. In expressionistischen Gedichten gibt es selten einen Gott oder aber er ist zerstörerisch oder unzugänglich für die Menschen.

Ästhetisierung des Hässlichen

Die Ästhetisierung des Hässlichen ist typisch für Gottfried Benn und seine Gedichtsammlung “Morgue”, was der Name eines Pariser Leichenschauhauses war. Das Gedicht “Schöne Jugend” ist repräsentativ für die morbide und pathologische Lyrik des Arztes:

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte sah so angeknabbert aus.

Als man die Brust aufbrach war die Speiseröhre so löcherig.

Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell fand man ein Nest von jungen Ratten.

Ein kleines Schwesterchen lag tot. Die anderen lebten von Leber und Niere, tranken das kalte Blut und hatten hier eine schöne Jugend verlebt.

Und schön und schnell kam auch ihr Tod: Man warf sie allesamt ins Wasser. Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Der Mediziner Gottfried Benn hat seine Arbeit am Seziertisch zum Gegenstand seiner Dichtung gemacht. Er ästhetisierte das Hässliche und erzeugte Abscheu vor dem Menschen.

Das lyrische Ich scheint einen gewissen Hang zur Morbidität und zum Sadismus zu haben. Sein Umgang mit der Leiche ist gefühllos, respektlos und entwürdigend. Ekel mischt sich mit Faszination. Benns Lyrik gilt damals wie heute häufig als empörend und geschmacklos.

Schluss

Alle diese Autoren versammeln sich in der expressionistische Lyrikanthologie “Menschheitsdämmerung”. Dieses Standartwerk des literarischen Expressionismus wurde 1919 vom deutschen Journalisten Kurt Pinthus herausgegeben. Sie gilt heute als eine der erfolgreichsten Anthologien der Literaturgeschichte.

Weitreichend berühmt wurde das erste Gedicht der Anthologie “Weltende” von Jakob van Hoddis - einem der 23 aufgenommenen Autoren.

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