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Transkript Erzählsituation – unzuverlässiges Erzählen

Hallo, ich bin Martina und in diesem Video geht es um den unzuverlässigen Erzähler. Die Vorstellung, dass ein Erzähler unzuverlässig sein könnte, erscheint dir sicherlich seltsam, aber tatsächlich darf man nicht allen Erzählern glauben, was sie erzählen. Man muss hier aber vor allem zwischen Erzählerrede und Figurenrede unterscheiden, denn hiernach unterscheidet sich auch der Wahrheitsanspruch.
Damit du alles verstehst, solltest du wissen, dass jedes epische Werk, einen Erzähler hat, der mehr oder weniger stark im Text präsent ist, und du solltest wissen, was ein intradiegetischer Erzähler ist. Zu diesen Themen gibt es aber auch Videos, in denen alles Wissenswerte über den Erzähler erklärt wird. Ich wünsche dir mit dem Video auf jeden Fall viel Spaß.
Du hast ja bereits gelernt, dass Autor und Erzähler in epischen Texten keinesfalls identisch sind. Diese Tatsache ist auch wichtig, wenn es um den Wahrheitsanspruch der fiktionalen Rede geht, denn der Autor kann bewusst einen unzuverlässigen Erzähler einsetzen, damit er beim Leser eine bestimmte Wirkung erzielt. Was man genau unter einem unzuverlässigen Erzähler versteht, erkläre ich etwas später. Jetzt geht es erst noch um den Autor und den Erzähler und die fiktionale Rede. Die fiktionale Rede, das bedeutet, einerseits imaginäre Sätze eines realen Autors, die in der realen Welt keinen Wahrheitsanspruch haben und andererseits sind es die Sätze eines fiktiven Erzählers, die ebenfalls nur in der erzählten Welt einen Wahrheitsanspruch haben. Das heißt also, dass ein Autor, einen fiktiven Erzähler einsetzt, der dem Leser eine Geschichte erzählt, die in der erzählten Welt einen Wahrheitsanspruch hat, aber nicht in der realen Welt. Das ist ja auch ganz logisch, wenn man zum Beispiel an Science-Fiction Romane denkt. Das Erzählte ist in der realen Welt eher unwahrscheinlich, aber innerhalb der erzählten Welt durchaus wahrscheinlich. Die fiktionale Rede unterscheidet man außerdem in Erzählerrede und Figurenrede. Was den Wahrheitsanspruch angeht, werden die Behauptungen des Erzählers eher für wahr gehalten als die der Figuren. Die Behauptungen der Figuren werden aber auch nicht generell für falsch gehalten. Inwieweit der Leser sie für richtig hält, ist jedoch davon abhängig, ob sie vom Erzähler bestätigt werden oder nicht. Die Figurenrede hat also nur einen eingeschränkten Wahrheitsanspruch. Die Erzählerrede hingegen hat einen absoluten Wahrheitsanspruch. Die Erzählerrede ist also gegenüber der Figurenrede logisch privilegiert. Die Erzählerrede gilt auch dann als glaubhaft, wenn das Erzählte eher unwahrscheinlich ist, sofern der Text ansonsten real erscheint. Denk zum Beispiel mal an Kafkas Roman "Die Verwandlung". Die Verwandlung Gregor Samsas in einen Käfer wird vom Leser akzeptiert, weil sie einerseits in einen realen Kontext eingebettet ist und andererseits vom Erzähler bestätigt wird.
Die logisch privilegierte Rede des Erzählers kann aber auch auf einige der Figuren ausgeweitet werden, nämlich dann, wenn diese Figuren übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Im Märchen zum Beispiel gibt es häufig Figuren, die in die Zukunft sehen können und Ereignisse vorausdeuten. Ihre Behauptungen sind glaubwürdiger als die von Figuren, die nicht diese Fähigkeiten besitzen. In solchen Fällen ist der Wahrheitsanspruch der Figurenrede allerdings auch noch von bestimmten Gattungskonventionen abhängig. Im Märchen "Dornröschen" glaubt man zum Beispiel, dass sich die Prophezeiung der 12 weisen Frauen erfüllen wird, die Prophezeiung der 13. Frau hingegen glaubt man nicht. Das ist so, weil: 1. Die Hauptfigur im Märchen ohnehin nicht sterben kann und man 2. dem letzten Wort mehr glaubt als dem Ersten. So wie unter bestimmten Voraussetzungen die Figurenrede, ebenso die Erzählerrede logisch privilegiert sein kann, so kann die privilegierte Erzählerrede auch ganz fehlen. In manchen epischen Texten, zum Beispiel in solchen, die vorwiegend aus einem inneren Monolog bestehen, fehlt die privilegierte Erzählerrede ganz. Die Erzählerrede fehlt hier, weil ja nur die Gedanken der Figur vermittelt werden. Alles, was von der Figur in einem inneren Monolog geäußert wird, hat auch nur den eingeschränkten Wahrheitsanspruch der Figurenrede, denn wie gesagt, es gibt ja keine Erzählerrede, die die Äußerungen der Figur bestätigt.
Aber auch die Erzählerrede hat bei genauer Betrachtung keinen uneingeschränkten Wahrheitsanspruch. Um ihren Wahrheitsanspruch näher zu betrachten, muss man zwischen allgemeinen beziehungsweise theoretischen und mimetischen Sätzen unterscheiden. Allgemeine Sätze sind Sätze, die auch außerhalb der erzählten Welt Gültigkeit haben und mimetische Sätze sind Sätze, die nur innerhalb der erzählten Welt glaubwürdig sind. Das logische Privileg des Erzählers gilt vor allem für die mimetischen Sätze. Das heißt, der Leser hält Äußerungen, die sich auf die erzählte Welt beschränken für glaubhaft. Theoretische oder allgemeine Äußerungen hingegen sind nicht auf die erzählte Welt beschränkt und deshalb kann der Leser sie glauben oder nicht. Innerhalb der erzählten Welt hat der Erzähler also einen logisch privilegierten Wahrheitsanspruch. Es gibt aber auch hier Einschränkungen, denn es gibt auch Erzähler, deren Behauptungen auch in der erzählten Welt falsch sind. Ein Erzähler, der aus welchem Grund auch immer, die Unwahrheit erzählt, wird als unzuverlässiger Erzähler bezeichnet. Matias Martinez und Michael Scheffel unterscheiden hier drei Typen: 1. theoretisch unzuverlässiges Erzählen, 2. mimetisch teilweise unzuverlässiges Erzählen und 3. mimetisch unentscheidbares Erzählen. Ein theoretisch unzuverlässiger Erzähler ist meist Teil der erzählten Welt. Er ist also ein intradiegetischer Erzähler. Als Figur ist der intradiegetische Erzähler gegenüber den anderen Figuren nicht logisch privilegiert. Das heißt, er hat auch nur den eingeschränkten Wahrheitsanspruch der Figuren. Seine mimetischen Sätze sind für den Leser meist glaubhaft, aber seine theoretischen Sätze sind nicht glaubhaft. Er ist also in Bezug auf seine theoretischen Sätze ein unzuverlässiger Erzähler. Bei mimetisch teilweise unzuverlässigem Erzählen sind nicht nur die theoretischen, sondern auch die mimetischen Sätze zum Teil nicht glaubhaft.
Bei den eben genannten Typen unzuverlässigen Erzählens war es vor allem die erzählte Welt, die dem Leser zeigte, dass die Behauptungen des Erzählers falsch sind. Es gibt jedoch auch Texte, in denen die erzählte Welt dem Leser auch nicht sagt, ob die Behauptung des Erzählers wahr ist oder nicht. Der Leser kann sich also kein Bild darüber machen, was in der erzählten Welt wirklich der Fall ist. Er kann also nicht entscheiden, ob die Behauptungen des Erzählers wahr sind oder nicht. Man nennt diesen Typ unzuverlässigen Erzählens "mimetisch unentscheidbares Erzählen". Mimetisch unentscheidbares Erzählen kommt zum Beispiel in Romanen vor, die nur eine Aneinanderreihung von Szenen sind, die sich aber nicht zu einer erzählten Welt zusammensetzen lassen.
So, und zum Schluss gibt es wieder eine Zusammenfassung.
Die Rede in epischen Texten ist eine fiktionale Rede. Fiktionale Rede bedeutet entweder imaginäre Sätze eines realen Autors, die in der realen Welt allerdings keinen Wahrheitsanspruch haben oder es sind die Sätze eines fiktiven Erzählers, die ebenfalls nur in der erzählten Welt einen Wahrheitsanspruch haben. Die fiktionale Rede unterscheidet man außerdem in Erzählerrede und in Figurenrede. Die Erzählerrede ist allerdings glaubhafter als die Figurenrede. Die Figurenrede ist aber nicht generell falsch. Ihr Wahrheitsanspruch ist davon abhängig, ob der Erzähler sie bestätigt oder nicht. Die Figurenrede hat also einen eingeschränkten Wahrheitsanspruch. Die Erzählerrede hingegen hat, abgesehen von einem unzuverlässigen Erzähler, einen absoluten Wahrheitsanspruch. Die Erzählerrede ist also gegenüber der Figurenrede logisch privilegiert. In einem realen Kontext erscheint auch Unwahrscheinliches als glaubhaft. Die logisch privilegierte Rede des Erzählers kann auch auf einige der Figuren ausgeweitet werden, wenn diese Figuren übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Der Wahrheitsanspruch der Figurenrede ist in diesem Fall allerdings auch noch von Gattungskonventionen abhängig. Die logisch privilegierte Erzählerrede kann auch ganz fehlen. Bei einem inneren Monolog zum Beispiel gibt es keinen Erzähler, der die Figurenrede bestätigt. Die Figur hat deshalb nur den eingeschränkten Wahrheitsanspruch der Figurenrede. Die Erzählerrede hat in Bezug auf die theoretischen Sätze nur einen eingeschränkten Wahrheitsanspruch. Ein Erzähler, der auch innerhalb der erzählten Welt die Unwahrheit erzählt, ist ein unzuverlässiger Erzähler. Hier werden drei Typen unterschieden: 1. theoretisch unzuverlässiges Erzählen, der eingeschränkte Wahrheitsanspruch bezieht sich also auf die theoretischen Sätze; 2. mimetisch teilweise unzuverlässiges Erzählen, das heißt, der eingeschränkte Wahrheitsanspruch bezieht sich auf die theoretischen und teilweise auch auf die mimetischen Sätze und das mimetisch unentscheidbare Erzählen, bei dem der Text nur eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Szenen ist und der Leser nicht entscheiden kann, ob die Äußerungen des Erzählers wahr sind oder nicht.
So, und schon sind wir wieder am Ende angekommen. Ich hoffe, dir hat das Video gefallen. Bis zum nächsten Mal, Martina.

Informationen zum Video
2 Kommentare
  1. Default

    Hallo Ruoff Sandro, Danke für die gute Frage! 8-)))
    Comics ähneln mit ihrer szenischen Darstellung ja mehr dem Drama oder dem Film als einem Erzähltext. Dennoch kann es auch im Comic neben der Figurenrede, die als Dialog in den Sprechblasen dargestellt wird, auch einen Erzähler geben, z.B. in einer Einführung in die Geschichte oder durch Ankündigungen von Szenenwechseln usw. Prinzipiell kann das natürlich auch ein unzuverlässiger Erzähler sein.

    Von Martina M., vor etwa 3 Jahren
  2. Default

    Hallo kann es bei Comics auch soetwas wie einen unzuverlässigen Erzähler geben? Oder bestehen Comics nur aus der Figurenrede?

    Von Ruoff Sandro, vor etwa 3 Jahren