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Transkript Erzählsituation – Ort des Erzählens

Hallo, ich bin Martina! Und dieses Video ist die Fortsetzung zu dem Video Erzählsituation in epischen Texten, Stimme, Zeitpunkt des Erzählens. Es geht aber heute nicht um den Zeitpunkt, sondern um den Ort des Erzählens. Ort des Erzählens ist ein Begriff, den Gérard Genette eingeführt hat. Andere Literaturwissenschaftler bevorzugen den Begriff Ebenen des Erzählens, denn es geht um die Frage: Auf welcher Ebene wird erzählt? Da dieses Video ebenfalls zur Kategorie der Stimme gehört, solltest du dir zuerst das Video Zeitpunkt des Erzählens ansehen, denn darin wird erklärt, was die Kategorie der Stimme ist. Ich wünsche dir mit den Videos viel Spaß! Wenn wir von Erzählebenen reden, ist natürlich klar, dass wir uns wieder mit der Erzählinstanz, nämlich dem Erzähler, beschäftigen. In epischen Texten erzählt der Erzähler eine Geschichte. Es kann aber auch vorkommen, dass innerhalb dieser erzählten Welt noch eine Geschichte von einem anderen Erzähler erzählt wird. Es ist eine Erzählung in einer Erzählung. Innerhalb dieser Erzählung kann es auch wieder eine Erzählung und einen weiteren Erzähler geben. Und in dieser dritten Erzählung kann es auch noch eine Erzählung geben, und so weiter. Wichtig ist es nun, zu unterscheiden, auf welcher Ebene erzählt wird. Die erste Ebene ist, wenn man die von Gérard Genette eingeführten Begriffe verwendet, die extradiegetische Ebene, also die Ebene, auf der ein Erzähler eine Geschichte erzählt. Der extradiegetischer Erzähler ist also der Erzähler, der diese Rahmenerzählung erzählt. Die Erzählung selbst befindet sich aber auf der nächsten Ebene und diese Ebene bezeichnet man als intradiegetische Ebene. In die intradiegetische Ebene kann eine weitere Erzählung eingebettet sein, eine sogenannte Binnenerzählung. Der Erzähler dieser Binnenerzählung ist der intradiegetische Erzähler und die Erzählung selbst befindet sich wieder auf der nächsten Ebene, nämlich der metadiegetischen Ebene. Ein Beispiel für eine metadiegetische Erzählung ist der folgende Textausschnitt: Es war einmal ein Mann, der hatte viele Kinder und diese Kinder riefen: "Vater, erzähl uns eine Geschichte!" Da setzte der Vater sich in die Runde und fing an: Vor langer Zeit lebte in unserem Dorf ... Auf der ersten Ebene erzählt der extradiegetische Erzähler, dass der Vater den Kindern eine Geschichte erzählen soll. Die Geschichte selbst befindet sich auf der nächsten Ebene. Sie ist die intradiegetische Erzählung. Die Geschichte, die der Vater den Kindern erzählt, ist die Binnenerzählung - sie wird von einem intradiegetischen Erzähler erzählt und die Erzählung selbst befindet sich auch wieder auf der nächsten Ebene und wird daher als metadiegetische Erzählung bezeichnet. Das lässt sich natürlich fortsetzen. Und wenn in einer metadiegetischen Erzählung eine Geschichte erzählt wird, dann befindet sich diese auf der meta-metadiegetischen Ebene. Das würde dann zum Beispiel so aussehen: Es war einmal ein Mann, der hatte viele Kinder und diese Kinder riefen: "Vater, erzähl uns eine Geschichte!" Der Vater setzte sich in die Runde und fing an: "Vor langer Zeit lebte in unserem Dorf ein Mann, der hatte viele Kinder und diese Kinder riefen: 'Vater, erzähl uns eine Geschichte!' Der Vater setzte sich in die Runde und fing an: 'Vor langer Zeit lebte in unserem Dorf ...". Auf der ersten Ebene erzählt wieder der extradiegetische Erzähler, dass der Vater den Kindern eine Geschichte erzählen soll. Die Geschichte selbst befindet sich, wie gesagt, auf der nächsten Ebene, denn sie ist die intradiegetische Erzählung. Die Geschichte, die der Vater den Kindern erzählt, ist in diese Geschichte eingefügt und wird von einem intradiegetischen Erzähler erzählt und die Erzählung ist die metadiegetische Erzählung. In die metadiegetische Erzählung ist nun auch wieder eine Geschichte eingefügt. Sie wird von dem metadiegetischen Erzähler erzählt, befindet sich aber selbst auch wieder auf der nächsten Ebene und ist deshalb die meta-metadiegetische Erzählung. Die Grenzen dieser Ebenen können in epischen Werken aber auch überschritten werden. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn der extradiegetische Erzähler sich in die intradiegetische Erzählung einmischt und somit offenlegt, dass seine Erzählung nur Fiktion ist. Andererseits können natürlich auch die Figuren einer Binnenerzählung in die Rahmenerzählung übertreten und somit zeigen, dass sie sich ihrer Fiktionalität bewusst sind. Gérard Genette bezeichnet dieses Überschreiten der verschiedenen Ebenen einer Erzählung als Metalepse. Ein Beispiel für eine Metalepse ist zum Beispiel der folgende Text: "Euer Palast, gnädigster Herr," erwiderte Celionati, "kann nun mal nirgends anders liegen als hier und es würde gegen allen Anstand laufen, umzukehren in ein fremdes Haus. Ihr dürft, o mein Prinz, nur daran denken, dass alles, was wir treiben und was hier getrieben wird, nicht wahr, sondern ein durchaus erlogenes Capriccio und ihr werdet von dem tollen Volke, das dort oben sein Wesen treibt, nicht die mindeste Inkommodität erfahren. Schreiten wir getrost hinein!" Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, dass die Rahmenerzählung selbst in der Binnengeschichte wiederholt wird. Diese Wiederholung oder Spiegelung der Rahmenerzählung bezeichnet man als mise en abyme. Ein Beispiel hierfür kennst du bestimmt aus einem Kinderlied: Ein Mops schlich in die Küche und Stahl dem Koch ein Ei. Dann nahm der Koch den Löffel und schlug den Mops entzwei. Da kamen viele Möpse und gruben ihm ein Grab und setzten ihm einen Grabstein, auf dem geschrieben stand: Ein Mops schlich in die Küche und stahl dem Koch ein Ei ... So, und zum Schluss gibt es wieder eine Zusammenfassung: Der Ort des Erzählens bezieht sich auf die Frage: Auf welcher Ebene wird erzählt? Die erste Ebene ist die extradiegetische Ebene. Ein extradiegetischer Erzähler erzählt eine Geschichte, die sich auf der nächsten Ebene befindet, der intradiegetischen Ebene. Die intradiegetische Ebene ist die zweite Ebene. Ein intradiegetischer Erzähler erzählt eine Geschichte, und die Geschichte, die er erzählt, befindet sich auf der metadiegetischen Ebene. Auf der dritten Ebene befindet sich also die metadiegetische Ebene und der Erzähler ist der metadiegetische Erzähler. Die Geschichte, die er erzählt, befindet sich auf der meta-metadiegetischen Ebene. Die Grenzen dieser Erzählebenen können aber auch überschritten werden. Das bezeichnet man nach Gérard Genette als Metalepsen. Eine Wiederholung der Rahmenerzählung in der Binnenerzählung bezeichnet man als mise en abyme. So, und schon sind wir wieder am Ende des Videos angekommen. Ich hoffe, es hat dir gefallen. Bis zum nächsten Mal! Martina

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