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Textversion des Videos

Transkript Erzählsituation – Fokalisierung

Hallo, ich bin Martina, und in diesem Video geht es auch um die Erzählsituation in epischen Texten. Und zwar geht es um die Fokalisierung, das heißt, die Frage, aus welcher Sicht erzählt wird. Neben der Distanz gehört die Fokalisierung zum Modus einer Erzählung, und damit du alles verstehst, solltest du dir auch das Video: Erzählsituation Modus 1 - Distanz ansehen. Für die Analyse von fiktionalen Texten ist die Frage nach dem Grad an Mittelbarkeit und dem Standpunkt des Erzählers besonders wichtig. Ich wünsche dir viel Spaß mit diesem Video. In dem ersten Video zu diesem Thema hast du gelernt, dass eine Handlung oder ein Geschehen mit unterschiedlicher Distanz vermittelt werden kann, also dass es unterschiedliche Grade an Mittelbarkeit gibt. Zu dem Modus des Erzählens gehört aber nicht nur der unterschiedliche Grad an Mittelbarkeit, sondern auch die Perspektivierung. Gérard Genette hat hierfür den Begriff Fokalisierung eingeführt. Fokalisierung beschreibt das Verhältnis zwischen dem Wissen einer Erzählinstanz, also zum Beispiel dem Erzähler, und einer Figur. Du musst dabei bedenken, dass die Darstellung eines Geschehens immer aus verschiedenen Blickwinkeln erfolgen kann und mehr oder weniger an die Wahrnehmung einer oder mehrerer erlebender Figuren gebunden sein kann. Es geht hier also um die Frage: Aus welcher Sicht wird das Erzählte vermittelt? In anderen Modellen wird auch manchmal die Frage "Wer spricht?" mit der Frage "Wer sieht?" verbunden. In diesem Video konzentrieren wir uns aber auf die Fokalisierung, das heißt die Frage: Aus welcher Sicht wird erzählt? Gérard Genette unterscheidet hier 3 Typen von Fokalisierung. Die Nullfokalisierung oder auch unfokalisierte Erzählung, die interne Fokalisierung und die externe Fokalisierung. Beginnen wir mit der Nullfokalisierung. Bei der Nullfokalisierung weiß bzw. sagt der Erzähler mehr als irgendeine Figur. Der Erzähler hat also Einblick in die Gedanken und Gefühle jeder Figur und beschreibt Vorgänge, von denen die einzelnen Figuren nichts wissen. Diese Erzählform findet man zum Beispiel häufig in Romanen des 19. Jahrhunderts, wie zum Beispiel in Theodor Fontanes Effi Briest. "In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf." In diesem Fall handelt es sich um eine Nullfokalisierung, denn das Gebäude wird in dem Text aus der Vogelperspektive beschrieben, und keine der handelnden Personen kann es aus dieser Perspektive betrachten. Nur der Erzähler, der mehr weiß als die Figuren, ist in der Lage, das Gebäude aus verschiedenen Perspektiven zu beschreiben. Bei der internen Fokalisierung weiß beziehungsweise sagt der Erzähler nicht mehr als die Figur. Die Wahrnehmung ist also an eine Figur gebunden, und es werden nicht nur Sachverhalte der äußeren Welt, sondern auch das Innenleben der Figuren geschildert. Der Blickwinkel, aus dem erzählt wird, ist aber auf die Wahrnehmung der erlebenden Figur beschränkt. Ein Beispiel für die interne Fokalisierung ist der Anfang von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. "Er stand vor dem Tor des Tegler Gefängnisses und war frei. Gestern hatte er noch hinten auf den Äckern Kartoffeln geharkt." Dass es sich hier um eine interne Fokalisierung handelt, merkt man zum Beispiel an der Verwendung des Personalpronomens "er" statt "der Mann" oder "Franz Biberkopf" und außerdem an den Zeit- und Raumadverbien "gestern" und "hinter", die sich auf die Wahrnehmung der Figur beziehen. Da sich die Fokalisierung selten auf eine Figur beschränkt, unterscheidet man bei der internen Fokalisierung zwischen fixierter interner Fokalisierung, variabler interner Fokalisierung und multipler interner Fokalisierung. Die fixierte interne Fokalisierung ist durchgängig an die Wahrnehmung einer Figur gebunden, wie zum Beispiel bei inneren Monologen. Es gibt aber auch epische Texte, in denen die Fokalisierung im Laufe des Geschehens zwischen verschiedenen Figuren wechselt. Diesen Typ der internen Fokalisierung bezeichnet man als variable interne Fokalisierung. Die Perspektive wechselt zwischen den Figuren bei chronologischem Verlauf der Handlung, es wird also nicht wiederholt berichtet. Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, dass ein und dasselbe Geschehen aus dem Blickwinkel verschiedener Personen betrachtet wird. Es handelt sich dann um eine multiple interne Fokalisierung. Man kann diesen Fall als 3. Typ der internen Fokalisierung betrachten, aber einige Literaturwissenschaftler sehen in der multiplen internen Fokalisierung auch einfach einen Sonderfall der internen Fokalisierung. Als 3. Typ der Fokalisierung haben wir die externe Fokalisierung. Bei der externen Fokalisierung weiß und sagt der Erzähler weniger als die Figur. Die Wahrnehmung ist nicht an eine Figur gebunden, und es werden auch keine Informationen über das Innenleben der Figur gegeben. Der Erzähler berichtet dennoch von einem Punkt innerhalb des Geschehens. Er bietet aber keinen Blick auf das Innenleben der Figur. Auch hierzu ein Beispiel: "Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Er schien es sogar nicht bemerkt zu haben, dass dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war." Der Erzähler weiß nicht, ob Herr Thienwiebel seine Langeweile wirklich vergessen hat, aber das Wort "schien" macht deutlich, dass er es im Gegensatz zu der Figur Herrn Thienwiebel nicht wirklich weiß. Der Unterschied zwischen der externen Fokalisierung und der Nullfokalisierung ist, dass bei der externen Fokalisierung der Erzähler von einem Punkt innerhalb der erzählten Welt betrachtet und bei der Nullfokalisierung dieser Punkt außerhalb der erzählten Welt liegt. Der Unterschied zwischen externer und interner Fokalisierung ist, dass es bei der externen Fokalisierung keine Sicht auf das Innenleben der Figuren gibt. Die Fokalisierung ist in Texten jedoch selten ganz einheitlich und deshalb orientiert man sich an dem Fokalisierungstyp, der in dem jeweiligen Text am häufigsten vorkommt, und dann heißt es zum Beispiel "dominant unfokalisiert" oder "dominant externe Fokalisierung". Zum Schuss gibt es wieder eine Zusammenfassung. Die Fokalisierung gehört neben der Distanz zum Modus der Erzählsituation. Die Fokalisierung bezieht sich auf die Frage: Aus welcher Sicht wird erzählt? Man unterscheidet 3 Typen von Fokalisierung. Nullfokalisierung, interne Fokalisierung, externe Fokalisierung. Bei der Nullfokalisierung weiß und sagt der Erzähler mehr, als die Figuren wissen oder wahrnehmen. Bei der internen Fokalisierung weiß und sagt der Erzähler nicht mehr, als die Figuren wissen oder wahrnehmen. Man unterscheidet die interne Fokalisierung in fixierte interne Fokalisierung, das heißt die Perspektive ist auf eine Person beschränkt, der variablen internen Fokalisierung, also wenn die Perspektive im Verlauf der Handlung zwischen den Figuren wechselt und der multiplen internen Fokalisierung, das heißt, wenn ein Geschehen aus der Perspektive mehrerer Figuren betrachtet wird. Schließlich gibt es noch die externe Fokalisierung, bei der der Erzähler weniger weiß und sagt, als die Figuren wissen oder wahrnehmen. Der Punkt, von dem der Erzähler aus erzählt, ist aber trotzdem innerhalb der erzählten Welt. So, und schon sind wir wieder am Ende des Videos angekommen. Ich hoffe, dass es dir gefallen hat. Bis zum nächsten Mal, Martina.

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