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Transkript Sturm und Drang – Literaturhistorische Einordnung

Guten Tag liebe Lernende, in diesem Lehrvideo geht es um ein paar Anmerkungen grundsätzlicher Natur zum Zeitalter des "Sturm und Drang". Die Literaturwissenschaft legt den Zeitraum dieses Zeitalters auf diese 20 Jahre fest. Grob gesagt ist das der Zeitraum in dem die um 1750 geborenen erstmals in die Literatur treten mit ihren eigenen Werken und natürlich, wie das bei jungen Menschen so der Fall ist, reiben sie sich erst mal an denjenigen, die bereits die literarische Szene beherrschen und mit ihren Meinungen bestimmen, die sozusagen Diskurs führend sind. Und wie macht das ein junger Mensch? Natürlich erhebt er sich, hält sich und das, was er zu sagen hat, für das Ausschlaggebende und verneint erst mal alles Bisherige. Das hat nicht wenige dazu gebracht, weil das eine Art Grundton dieser Literaten war, den "Sturm und Drang" als eine Antithese zur Aufklärung zu sehen. Allerdings ist das völliger Humbug, denn die "Stürmer und Dränger", wie sie auch genannt werden, können als Vertreter einer Literatur- und Menschenauffasung gelten, die darauf ausgerichtet ist eine allseitige Entfaltung des in der Aufklärung formulierten Grundsatzes vom Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu bewirken. Den "Stürmern und Drängern" geht es letztendlich darum auf der Grundlage bisheriger Erkenntnisse und Postulate, also Forderungen an die Menschen und an die politischen Zustände diesen allseitigen Entfaltungsdrang im Menschen zu verstärken. Und dahin stoßen solche Forderungen ganz schnell auf die politische und auf die anthropologische Wirklichkeit, also was den Menschen umgibt und ihn selbst ausmacht. Und da kommen die "Stürmer und Dränger" ganz schnell auf den Gegensatz von Freiheit und Notwendigkeit. Dieser Gegensatz ist den Menschen und den Dingen angeboren. Das ist eine notwendige, eine zwangsweise, in der Welt beständige Tatsächlichkeit, dass die Dinge immer zwischen der Freiheit und der Notwendigkeit hin und her wesen. Es gibt die Freiheit und es gibt die Notwendigkeit. Der Mensch ist da hineingeworfen und eignet sich die eine oder andere Anschauung auch an, glaubt entweder, dass er frei in allem sei, was er zu tun oder zu lassen habe, oder, dass er niemals anders handeln könne, als er eben handelt, weil alles in ihm konditioniert ist. Es ist alles in einem Ursachewirkungsverhältnis zu sehen. Es gibt keine Freiheit. Es gibt keine Freiheit des Willens. Es gibt keine Freiheit des Glaubens. Es gibt keine Freiheit des Tuns. Alles ist in irgendeiner Weise konditioniert. Dazwischen tobt bis heute noch der Streit. Der ist nicht ausgefochten. Es gibt welche die das bevorzugen und es gibt welche die jenes bevorzugen. Der "Sturm und Drang" bevorzugt nun in dem Sinne, könnte man meinen, die Freiheit ist aber nicht so. Denn die "Stürmer und Dränger" wissen ganz genau, dass es gesellschaftliche, menschliche und philosophische Aspekte gibt, die unhinterfragt bleiben müssen. Sie wollen sie zwar hinterfragen und ändern. Aber sie wollen gleichzeitig nicht davon abgehen, dass es diese Notwendigkeiten gibt. Die gibt es. Sie drängen zwar und wollen was verändern aber sie kommen nicht umhin, das auch zuzugestehen, dass es diese Notwendigkeiten gibt. Dass wir essen müssen, dass wir schlafen müssen, dass wir an etwas glauben müssen oder das verneinen müssen, dass wir in irgendeiner Weise konditioniert sind, das wird nicht abgestritten. Könnte man meinen, dass es so ist, ist aber nicht so. Auf der anderen Seite streiten sie nicht ab, dass es Bestandteile in unserem Dasein gibt, die auf Freiheit begründet sind. Der eine oder andere betont mehr das freiheitliche und wiederum ein Dritter das deterministische. Wie wollen sie jetzt einen Fortschritt der allgemeinen Zustände erreichen? Durch Literatur. Das ist der entscheidende Punkt. Deswegen haben auch nicht wenige, bis heute, immer wieder behauptet, dass diese typisch deutsche literarische, politische und philosophische Entwicklung des "Sturm und Drang" eben nicht auf Veränderungen der politischen Zustände orientiert sei. Sondern, dass das wie eine Verzichtserklärung an die politischen Zustände gewesen sei. Damit soll eine Rückständigkeit Deutschlands erklärt werden, jedenfalls im 18. Jahrhundert. Nichts ist so fortschrittlich gewesen, wie das was die "Stürmer und Dränger" ausgemacht haben. Das ist die Zeit, in der die deutsche Literatur an allen anderen Literaturen vorbeigezogen ist und sich an die Spitze der philosophischen und literarischen Welt gesetzt hat. Vor dem "Sturm und Drang" war Deutschland mehr oder weniger literarisch auf 2. oder 3, 4. Stelle in Europa. Nach dem "Sturm und Drang", ab 1790,  waren die Deutschen an führender Stelle. Noch heute wird sich an den großen Werken dieser Zeit orientiert, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Was da in dieser Zeit entstanden ist, was in dieser Zeit an Gedanken und an Theorien und an literarischen Texten auch an Musik und so weiter entstanden ist, zählt heute als Klassik selbst oder als Vorbote der Klassik. Es ist also eine große Zeit unserer Literatur. Es liegt daran, dass hier ein Paradigmenwechsel vorgezogen wurde. Nämlich, dass eindeutig formuliert worden ist, dass Fortschritt durch Literatur nichts anderes heißt als Fortschritt durch verbesserte, allseitige, individuelle Entfaltung. Der Mensch soll nicht dadurch besser werden, dass er in ein besseres politisches System gestellt wird, das durch irgendwelche politischen Umwälzungen erfolgt, sondern die politischen Verbesserungen erfolgen durch die Verbesserung der Individuen. Das ist der deutsche Ansatz gegenüber dem westlichen Ansatz. Da wurden politische Revolutionen gemacht, da hat sich das Bürgertum an die Spitze des Staates gestellt. Egal ob das in Frankreich, in England oder in Amerika der Fall war. In Deutschland war ein anderer Ansatz. Wir müssen erst den Menschen verbessern, wir müssen den Menschen allseitig entfalten, zu einem humanem Wesen machen, das in allen Richtungen operieren kann. Das wird dann zwangsweise dazu führen, dass die gesamte Gesellschaft sich verbessert. Das ist der neue Ansatz. Daher kommt dieser Geniekult, den es beim "Sturm und Drang" gab. Diese Genies waren diejenigen die in vorrangig lyrischen und dramatischen Werken, die aufs Theater gebracht wurden, ihre Forderungen und ihre Daseinswahrnehmung aufs Tapet brachten. Und so ein Exempel gaben, wie man die Welt erkennen, durchleben und durchleiden kann und selbst dabei eine allseitige Entfaltung seiner Persönlichkeit ins Auge fasst. Sie traten in den Diskurs mit der Welt über das Theater. Wir finden in keiner Zeit so viele Schriften über die Rolle des Theaters als moralische Anstalt. Wir finden in dieser Zeit unglaublich viele Dramaturgien, um zu zeigen, wie man Stücke umsetzen kann, um den Menschen zu erreichen und zu verbessern und politische Zustände zu verbessern. Das ist das, was diese Zeit ausmacht, diese Wechselbeziehung zwischen den poetischen und philosophischen Ansätzen. Das tritt alles in ein Gespräch, in einen Diskurs. Das, wo der Ort dafür war, um die einzelnen Punkte in der Gesellschaft miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, war das Theater. Die Leute gingen abends ins Theater, und dort sahen sie jede Woche ein neues Stück und haben sich dabei entfalten können. Das Theater war also eine Anstalt, die zur Erziehung und zur Hebung der Moral eingesetzt wurde von denjenigen, die diese Theater unterhielten. Weniger Romanform, mehr Lyrikform und Dramaform, das sind die poetischen Formen, die in diesem Zeitalter benutzt worden sind. Das sind Formen, die eher individueller Natur sind, wenn es darum geht, Gefühle und gesellschaftliche Verhältnisse in einer direkteren Ansprache ans Publikum zu richten. Der Roman ist eher etwas, das man alleine liest und vor allem womit man sich länger beschäftigen muss, wo Gefühle eine viel stärkere Rolle spielen. Lyrik und Drama sind da zupackender, kräftiger und pointierter zu erkennen. Das also alles zum "Sturm und Drang". Bleiben am Ende noch ein paar Nennungen, welche Vertreter wir hier haben. Es gibt 2 grundsätzliche Positionen, die im "Sturm und Drang" zu verschiedenen Vertreter führten. Da haben wir einmal die, die mehr bodenständig waren, dazu zählen Goethe, Klinger und Lenz. Und dann haben wir diejenigen, die mehr intellektueller Natur waren, die spöttisch, zynisch und verzweifelt an ihrer eigenen Unfähigkeit und an der Welt die Dinge aus einer Distanz betrachteten. Intellektuelle der 1. Generation aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Dazu zählen Leute wie Wieland, der Franzose Voltaire und Lavater der eine Theorie entwickelte, dass über die Schädelform der Charakter und die Zukunft eines Menschen zu extemporieren sei. Das zu den Vertretern. Der wichtigste Punkt ist folgender: Der "Sturm und Drang" ist keine Antithese zur Aufklärung, sondern die natürliche Fortentwicklung, weil es darum geht, den in der Aufklärung gemachten Grundsatz vom Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit dadurch zu ergänzen, dass der Mensch sich entfalten müsse, um die in ihm liegenden Grundlagen des humanen allseitig zu entwickeln.  

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