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Transkript Gerundivum – Verwendung im Satz

Hallo liebe Schüler und Schülerinnen: Salvete, cari discipuli. Heute haben wir einen zweiten Film zum Gerundivum mit dem Thema: Übersicht und Bedeutungsvertiefung. Dein Vorwissen sollte in Folgendem bestehen: Du solltest schon das Video mit dem ersten Teil zum Gerundivum auf sofatutor.com gesehen haben. Daher oder aus deinen Büchern sollte dir bekannt sein, dass es sich hier um eine Nominalform handelt, dass es zu den nd-Formen gehört und dass es sich bei dem Gerundivum sich um ein Verbaladjektiv handelt. Du solltest die Formbildung des Gerundivums kennen und somit Bescheid wissen über die Präsensstämme und die Deklination. Mit den Begriffen attributiv und prädikativ solltest du etwas anfangen können. Und beim Übersetzen solltest du seetüchtig sein, das heißt, dir sollte nie schwindlig werden. Wir fangen an mit dem Vorkurs. Du weißt ja, dass Partizipien ebenfalls Verbaladjektive sind; deshalb bilde ich dir eine Tabelle, in der wir das Gerundivum im Verhältnis zu den Partizipien einordnen. Als aktive Verbaladjektive - beziehungsweise Partizipien - kennen wir im Präsens vocans, vocantis - rufend, im Futur vocaturus, vocatura, vocaturum - im Begriff, zu rufen. Als Perfektform haben wir nur eine passivischeForm - vocatus, vocata, vocatum - gerufen. Und jetzt taucht auf der Passivseite unser Gerundivum auf - vocandus, vocanda, vocandum. Die Grundübersetzungen lauten - einer, der gerufen (werden) wird / einer, der gerufen werden muss oder soll / einer, der zu rufen ist. Wie du siehst, deckt das Verbaladjektiv Gerundivum Präsens und Futur im Passiv ab. Als Verbaladjektiv hat es die üblichen Kennzeichen: Es steht in KNG-Kongruenz zu einem Substantiv, in der Syntax kann es attributiv auftauchen, vor allem aber tauchen die Verbaladjektive - und das gilt für alle, auch die Partizipien - meistens prädikativ auf. Wir kommen zu einem Beispiel; in attributiver Stellung hätten wir - homo laudandus - ein Mensch, der gelobt werden muss oder soll / ein Mensch, der zu loben ist / ein zu lobender Mensch / ein lobenswerter, ein löblicher Mensch. Ein weiteres Beispiel für die attributive Stellung: Dolor non ferendus eum cepit. Ein nicht zu tragender, ein unerträglicher Schmerz erfasste ihn. Wir haben hier die Kongruenz in Kasus, Numerus und Genus zwischen dolor und ferendus, nämlich Nominativ Singular maskulinum. Jetzt kommen wir aber zu den Beispielen des Gebrauchs vom Gerundivum in prädikativer Stellung: Scribendum est - es ist zu schreiben / es muss geschrieben werden / man muss schreiben. Die KNG-Kongruenz ist auch in prädikativer Stellung beim Gerundivum vorhanden. Wir haben hier den Bezug vom scribendum als Neutrum auf est, in dem das Subjekt "es" steckt. Es handelt sich hier schließlich um eine unpersönliche Konstruktion; wir haben mit - scribendum - die 3. Person Singular Neutrum und in - est - ebenfalls den Nominativ Singular neutrum als Subjekt enthalten.  Unser nächstes Beispiel: Epistula scribenda est. Der Brief ist zu schreiben / der Brief muss geschrieben werden. Hier beziehen sich epistula und scribenda in KNG-Kongruenz aufeinander. Scribenda als Gerundivum wird hier passivisch übersetzt - geschrieben werden -; dazu kommt die Notwendigkeit - muss geschrieben werden. Wir haben folglich alle vier Kennzeichen, die du bereits aus dem ersten Film zum Gerundivum kennst, vorliegen. Erstens - ist es verbaladjektivisch, zweitens - es wird passivisch übersetzt, drittens - hat es immer einen futurischen Beigeschmack und viertens - drückt es die Notwendigkeit aus.  So, jetzt geht es aber raketengleich in den Hauptkurs. Wir wollen uns mit einigen Eigenheiten des Gerundivums in der Syntax befassen. Zuächst wollen wir uns mit der Verneinung des Gerundivums beschäftigen. Wir haben hier den positiven Satz: Caesar celeriter consul creandus est. Übersetzung: Caesar muss schnell zum Konsul gewählt werden. Ein sinnvoll verneinter Satz lautet: Caesar statim consul creandus non est. Im Deutschen lautet dann die Verneinung: Caesar darf nicht sofort zum Konsul gewählt werden. Creandus non est - er darf nicht gewählt werden. Wie sieht es nun mit dem Urheber der Handlung beim passivischen Gerundivum aus? Wir erweitern den Satz: Caesar statim consul populo creandus non est. Caesar darf nicht sofort vom Volk zum Konsul gewählt werden. Das heißt, der Urheber der Handlung - populo - steht im Dativus auctoris, im Dativ des Urhebers. Im Deutschen dürfen wir den Satz auch aktivisch übersetzen: Das Volk darf Caesar nicht sofort zum Konsul wählen. Wie sieht nun das Gerundivum der Deponentien aus? Hier solltest du gut aufpassen! Wir haben den Satz: Consulatus Caesaro statim nanciscendus non est. Das Konsulat darf von Caesar nicht sofort erlangt werden. Wir haben den Ausdruck - nanciscendus non est - übersetzt zu - er darf nicht erlangt werden. Wir haben hier also passivisch übersetzt, obwohl doch die Deponentien - wie hier nancisci - immer aktivisch übersetzt werden. Nancisci, nanciscor, nanctus sum heißt erlangen. Die Gerundiva der Deponentien haben also passivische Bedeutung.
Wir haben noch zwei, wichtige Besonderheiten beim Gerundivum, bei denen du gut hinschauen solltest. Wir haben nämlich die eigentliche Gerundivkonstruktion und die finale Verwendung des Gerundivs. Weil das so schwierige Themen sind, gibt es dazu zwei Extrafilme auf sofatutor.com. Hier sei nur der Vollständigkeit halber einmal ein Beispiel geboten: Ars pacis faciendae -  wörtlich hieße das - die Kunst des zu schließenden Friedens. Du musst natürlich übersetzen - die Kunst, Frieden zu schließen. Das wäre jetzt das selten vorkommende, attributiv stehende Gerundivum. Bei der eigentlichen Gerundivkonstruktion handelt es sich aber um eine prädikative Stellung des Gerundivums; dazu das passende Beispiel mit - agitur de pace facienda / man verhandelt darüber, Frieden zu schließen. Facienda steht in KNG-Kongruenz zu de pace. Aber eigentlich gehört es prädikativ zu agitur und gibt eine zusätzliche Information darüber, was verhandelt wird. Die finale Verwendung des Gerundivs - jedenfalls übersetzen wir es im Deutschen final - kommt bei Verben des Gebens, Schickens und Überlassens vor. Im Lateinischen wären das also hauptsächlich die Verben - curare, mittere, dare. Um dich nicht zusätzlich zu verwirren, lasse ich hier einfach ein Beispiel weg.  Was also hast du heute zum Gerundivum gelernt? Es ging vor allem darum, dir einen Überblick zu verschaffen und dir die Übersetzung des Gerundivums näher zu bringen. Im Vorkurs behandelten wir die Grundbedeutungen und setzten sie dabei von denen der Partizipien ab. Im Hauptkurs ging es um die prädikative Verwendung des Gerundivums. Als gänzlich neuen Stoff erfuhren wir etwas über die prädikative Verwendung in der Verneinung, mit Urheber und bei den Deponentien. Völlig unzureichend und nur der Vollständigkeit geschuldet, haben wir kurz etwas erfahren über die Verwendung des Gerundivums in der eigentlichen Gerundivkonstruktion und bei bestimmten Verben im finalen Sinn. Besonders die Gerundivkonstruktion werden wir auf sofatutor.com in mehreren Filmen und Übungen vorstellen. Hiermit haben wir das Ende dieses Videos erreicht und mir bleibt nichts, als euch zu grüßen und zu sagen: Valete et gaudete! Euer Lateintutor Radetzky

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3 Kommentare
  1. Felix red

    Hallo Jochen,

    vielen Dank für deine gute Beobachtung. Der Dativ von Caesar ist natürlich Caesari (die Deklination lautet im Singular: Caesar, aris, ari, arem, are). Wir werden versuchen, den Fehler so schnell wie möglich zu beheben.

    Alles Gute, Felix

    Von Felix Teege, vor 8 Monaten
  2. Default

    Der Dativ von Caesar ist Caesar, nicht Caesaro (6:54 min.), um dem dat. auc. gerecht zu werden.

    Von Jochen Teichmann, vor 8 Monaten
  3. Who is who 3

    Salve Hood Of Mercy,
    es kommt darauf an, wie du den Satz übersetzen möchtest. Wenn du ganz getreu in der lateinischen Konstruktion bleiben möchtest und dich um eine wörtliche passivische Übersetzung bemühst, so ist es richtig, wie du schreibst: Anfangs durfte Christus nicht von den Römern verehrt werden.
    Die freiere Übersetzungsmöglichkeit besteht darin, den "Dativus auctoris", der den Urheber der Handlung anzeigt, in deiner Übersetzung zum Subjekt zu machen, also wieder aktivisch zu übersetzen: Die Römer durften am Anfang Christus nicht verehren.
    Beide Versionen sind korrekt.
    Liebe Grüße aus der Latein-Redaktion

    Von Carolin Wallura, vor 12 Monaten