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Textversion des Videos

Transkript Gerundivum mit esse

Salvete, cari discipuli!

Wir haben heute die 9. Folge zum Thema Gerundivum, und zwar: „Das Gerundivum als Prädikatsnomen bei esse". Fortgeführt wird hiermit das Überblicksvideo zu Syntax und Übersetzung vom Gerundivum, Folge 2. Es wäre deshalb schön, wenn du das Video Gerundivum Folge 2 und vielleicht auch Folge 1 schon kennst. Das heißt, folgende Aspekte des Gerundivums sollten dir schon bekannt sein: - die Formbildung natürlich, - und dann der passive und futurische Charakter - der Nebensinn der Notwendigkeit und dass das Gerundivum in KNG-Kongruenz zu Nomen oder Pronomen steht - die Gerundivbildung bei Deponentien und ihre passivische Übersetzung; - und für die Syntax, um die es heute hauptsächlich geht, wäre es auch gut, wenn du dich mit dem Dativ auctoris auskennst. - Natürlich solltest du auch wissen, was 'prädikativ' heißt.

 

Der Kurs beginnt! Das Gerundivum kann auch prädikativ mit esse zusammenstehen und gilt dann als Prädikatsnomen bei esse. Dabei bleiben alle anderen Hauptkennzeichen, wie der passive, futurische und Notwendigkeit ausdrückende Charakter, bestehen.

Ein kurzes Beispiel: pacta sunt servanda. Abmachungen bzw. Verträge müssen eingehalten werden. Wir gehen den Satz mal nach den Kennzeichen des Gerundivs durch. Wir haben mit servanda bei sunt ein Prädikatsnomen. Die wörtliche Übersetzung wäre schließlich: Verträge sind einzuhaltende. servanda steht in KNG-Kongruenz mit pacta. Das Gerundivum servanda wird passivisch gebraucht. Der futurische und notwendige Aspekt ist auch vorhanden: Die Verträge müssen jetzt und demnächst, in Zukunft, eingehalten werden.

Noch ein Beispiel: Quod erat demonstrandum – das verwendet man gerne am Schluss eines mathematischen Beweises – was zu beweisen war/ was bewiesen werden musste. Mit servanda und demonstrandum sind zwei Gerundiva aus transitiven Verba gebildet worden. Die tauchen hier auf mit Subjekt. Habe ich intransitive Verben, also Verba, die nicht den Akkusativ regieren, dann taucht das Gerundivum als Prädikatsnomen ohne Subjekt auf.

Ein Beispiel für ein intransitives Verb, in diesem Fall dormire: in schola dormiendum non est – in der Schule soll oder darf nicht geschlafen werden. Kürzer und mit Hilfe von man unpersönlich aktivisch übersetzt: Man darf in der Schule nicht schlafen. Es fehlt hier das persönliche Subjekt, wie immer bei intransitiven Verben beim Gerundivum als Prädikatsnomen. Stattdessen haben wir bei intransitiven Verba immer den unpersönlichen Gebrauch; das Prädikatsnomen steht also im Neutrum.

Noch ein Beispiel dafür: Auxilio veniendum erit – man wird zu Hilfe kommen müssen. Das Genitiv-, Ablativ- oder Dativobjekt, wie hier auxilio, darf das Gerundiv als Prädikatsnomen ergänzen. Das Subjekt fehlt natürlich auch bei transitiven Verben, wenn sie absolut gebraucht werden. Scribendum est – man muss schreiben.

Bei Horaz kommt vor: Nunc est bibendum! Jetzt muss getrunken werden! Jetzt muss man trinken! Die handelnde Person steht im Dativ.

Mihi scribendum est – ich muss schreiben. Mihi ist hier der Dativus auctoris: Es muss von mir geschrieben werden.

 

Genau so funktioniert das auch bei Gerundiva als Prädikatsnomina, die aus transitiven Verben gebildet wurden. Gebrauche ich ein Gerundiv aus einem transitiven Verb als Prädikatsnomen wie bei einem persönlichen Passiv, also mit Subjekt, kann der Dativus auctoris natürlich ebenfalls auftauchen.

Epistula scribenda est – der Brief muss geschrieben werden / man muss den Brief schreiben. Die handelnde Person setzen wir in den Dativ auctoris ein, epistula mihi scribendum est – der Brief muss von mir geschrieben werden / ich muss den Brief schreiben.

 

Was passiert nun, wenn wir den Dativ auctoris haben und einen weiteren Dativ als Objekt? Schauen wir uns das an. Legibus nobis parendum est – wir müssen den Gesetzen gehorchen. Hier nun kann, muss aber nicht, aus dem Dativus auctoris, nobis, ein Ablativus auctoris werden. Wir brauchen dazu die Präposition a, a nobis. Ist dabei der Sinn zweideutig, so werden wir den Ablativus auctoris wohl in der Regel finden, es sei denn, der Autor will diese Zweideutigkeit absichtlich. Nobis parentibus parendum est. Hier habe ich so eine Zweideutigkeit: Wir müssen den Eltern gehorchen oder die Eltern müssen uns gehorchen, beides wäre möglich.

Durch den Ablativus auctoris kann ich den Satz jeweils eindeutig machen: A nobis parentibus parendum est / a parentibus nobis parendum est. Jetzt haben wir die Dativobjekte genau festgelegt, wie oben legibus. Während im ersten Satz auch ohne Ablativbildung der Urheber klar ist, ist das im zweiten Satz nicht so; hier brauchen wir den Ablativus auctoris.

 

Wird ein Gerundivum aus einer Deponens gebildet und als Prädikatsnomen bei esse eingesetzt, wird es genau so behandelt wie ein Gerundivum aus einem verbum activum: Ocasione nobis utendum non erat – wir durften die Gelegenheit nicht benutzen. Trotz der sonst aktivischen Bedeutung der Deponentien wird ihr Gerundiv immer passivisch gebraucht. utendum non erat, das Prädikat, wird hier unpersönlich gebraucht und im Gegensatz zur eigentlichen Gerundivkonstruktion bleibt die Intransitivität von uti hier bestehen. Deshalb steht mit ocasione der Ablativ, und der Dativ auctoris steht mit nobis auch wieder dabei. Und ein Gerundiv aus einer transitiven Deponens funktioniert als Prädikatsnomen bei esse genau so wie bei den anderen Verben.

Iughurta Adherbali adoriendus est. Wir haben das Prädikat adoriendus est mit einem Gerundivum als Prädikatsnomen aus einem transitiven Verb, adoriri, gebildet. Dazu gibt es das Subjekt Iughurta und den Dativ auctoris Adherbali. Jughurta muss von Adherbal angegriffen werden. Kehren wir die Übersetzung ins Aktiv um, heißt es: Adherbal muss Jughurta angreifen. Auch in einem A.c.I. finden wir das Gerundivum als Prädikatsnomen bei esse, dort natürlich im Akkusativ. Wir hatten den Satz Iughurta Adherbali adoriendus est.

Daraus wollen wir jetzt einen A.c.I. Machen. Adherbal arbitratus est Iughurtam sibi adoriendum esse. Adherbal war der Meinung, dass er Jughurta angreifen müsse. Der Infinitiv esse vom A.c.I. wird oft auch weggelassen.

Besonders häufig lässt das esse Cäsar weg; wir schauen uns das jetzt mal an einem Beispiel an. Caesar partiendum sibi ad latius distribuendum exercitum putavit - Cäsar glaubte, er müsse das Heer teilen und weiter auseinanderlegen.

 

Wir bewegen uns dem Ende des Videos zu. Im Wiederholungsteil fasse ich für dich noch mal das Wichtigste zusammen. In seiner Funktion drückt das Gerundivum als Prädikatsnomen bei esse das Müssen aus bzw. Nicht-Dürfen, die sogenannte „Necessität“, Notwendigkeit, und hat passivischen Charakter. Du erkennst es daran: Es steht immer in Verbindung mit einer Form der Kopula esse, wobei die Kopula im A.c.I. auch wegfallen kann; es entsteht dann eine Ellipse. Außerdem kann das Gerundivum hier nur im Nominativ, beim A.c.I. auch Akkusativ, Singular oder Plural auftreten. Beispiele: a) mit Subjekt bei Gerundiva aus transitiven Verben: pecunia comparanda est – man muss das Geld beschaffen. b) ohne Subjekt bei bei Gerundiva aus intransitiven Verben, hier haben wir den unpersönlichen Gebrauch und das Gerundivum steht im Neutrum: Exercendum est – man muss üben.

Handelnde Personen stehen im Dativ auctoris: vobis pecunia comparandum est – ihr müsst das Geld beschaffen; ei exercendum est – er muss üben.

 

Wir verlassen jetzt den Kurs über das Gerundivum. Ich hoffe, all die Gerundivkonstruktionen und -übersetzungen waren für euch nicht zu anstrengend und ihr seid jetzt echte Gerundivianer. Schwimmt weiter wie ein Fisch im mare latinum.

Valete et gaudete, euer Lateintutor Radetzki.

Informationen zum Video
5 Kommentare
  1. Default

    Hallo Carolin,
    zunächst vielen Dank für die guten erklärenden Ausführungen.
    Ja, ich sehe, dass der "Ablativus auctoris" eine Hilfskontruktion ist und daher nicht in der Grammatik thematisiert wird. - aber immerhin nicht schlecht.

    Von Eemilelv, vor etwa einem Jahr
  2. Who is who 3

    Hallo Eemilelv,
    dass der Dativus auctoris zur Verdeutlichung zum "Ablativus auctoris" (also a/ab + Ablativ) wird, ist eine Besonderheit des Lateinischen, die nur beim Gerudivum mit esse auftreten kann. Diese Funktion ist in den Grammatikbüchern nicht wiederzufinden und wahrscheinlich eine dem besseren Verständnis dienende Wortneuschöpfung des Tutors. Die Aussprache ist ebenfalls eine Besonderheit des Tutors. Normalerweise trennen wir die in der Aussprache von zwei Vokalen die Vokale deutlich voneinander: a-u-ctoris.
    Die Gerundiva als Subjekt zu übersetzen ist nicht empfehlenswer.t. Es muss immer der Aspekt der Notwendigkeit in der Übersetzung zum Ausdruck gebracht werden. Deswegen empfiehlt sich höchstens die Übersetzung mit: zu + Infinitiv. (In der Schule ist nicht zu schlafen. Jetzt ist zu trinken.)
    Viel Erfolg weiterhin!

    Von Carolin Wallura, vor etwa einem Jahr
  3. Default

    ..also das Computerprogramm macht was es will und fragt nicht, ob ich z.B. meinen Satz schon beendet habe.
    Also ich muss erst - nachdem ich heute Abend dem Trinkspruch entsprochen hab - erst einmal über alle Infos des Videos schlafen. Morgen will ich mich dann an den Übungen versuchen. - Oje !

    Von Eemilelv, vor etwa einem Jahr
  4. Default

    Oje ! Das Mare Latinum schlägt hohe Wellen und ich bin kein Fisch: non piscis sum!

    Zunächst stelle ich fest, dass es doch so etwas gibt wie ein Ablativus auctoris; also nicht nur ein Dativus auctoris.

    Ganz neben bei hat mich Herrn Radetzkys Ausprache von "auctoris" etwas verwundert -> kein /a-u/, sondern eher ein /o/ und so frage ich mich: ist das so (richig) oder nur eine Aussprache-Besonderheit des Tutors?

    Kann man eigentlich bei intransitiven Verben (dormire) das Gerundium nicht doch auch mit einem Subjekt übersetzen, etwa
    - In schola dormiendum non est.
    (Das) Schlafen in der Schule ist nicht gestattet.
    Oder:
    - Nunc est bibendum.
    Jetzt ist (das) Trinken angezeigt.
    ???
    Morgen erst werde ich die Übungen

    Von Eemilelv, vor etwa einem Jahr
  5. Default

    Hi

    Von Seholee, vor mehr als 2 Jahren