Textsituation 07:42 min

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Transkript Textsituation

Guten Tag liebe Lernende. Wir wollen uns in diesem Lehrvideo mit dem Begriff der "Textsituation" beschäftigen. Eine Situation bezeichnet eine augenblickliche Erscheinungsform. Wir befinden uns im Augenblick in der Erscheinungsform, dass ich vor einer Tafel stehe und mit einer Kamera spreche, und letztlich mit jemandem spreche, der, nachdem das alles aufgenommen worden ist, zuhört. Der vielleicht auf einem Sofa sitzt, vielleicht auch an seinem Schreibtisch sitzt, vielleicht allein ist oder mit Freunden. Jedenfalls jetzt in der Situation ist, dass er den Worten, die ich jetzt sage, lauscht und dann aus diesen Worten selbst eine Erkenntnis gewinnen möchte - nämlich was mit dem Begriff der "Textsituation" verbunden werden muss. Das ist jetzt eine Situation, in der der Text mündlich vorgetragen wird. Wir kennen auch die Situation, dass jemand eine Rede halten muss und sich einen riesengroßen Zettel mitnimmt. Der wird in keinem Falle so ernst genommen werden wie jemand, der sich hinstellt und frei von der Leber und mit seinem Herzen spricht. Diese Textsituation ist, was eine mündliche Rede betrifft, in jedem Falle einer schriftlich fixierten, aber mündlich dargereichten Redeform vorzuziehen. Wir kennen das auch aus dem Bundestag, dass wenn im Bundestag jemand ganz starr an dem verschriftlichten Inhalt klebt und nicht in der Lage ist, aus dem Text mal herauszugehen und etwas zu entgegnen, dass der auf keinen Fall die Wirkung erzielen wird, wie einer der frei spricht und das, was er zu vertreten hat, ohne schriftliche Fixierung darreichen kann. Das ist immer vorzuziehen. So, und jetzt kommen wir mal auf den schriftlichen Teil. Wir haben ja auch noch indigene Texte, die also in Stein gemeißelt sind - wo sich also vor Tausenden von Jahren die Mühe machte, das, was er der Welt mitzuteilen hatte - die Situation, in der er sich damals befand - unbedingt in Stein zu meißeln. Was dann über Tausende von Jahren hinweg Gültigkeit haben sollte. Das ist eine Situation, die quasi das Gegenteil von der freien Rede ist. Dann haben wir Texte, die nur auf einem Einband stehen. Ein solch dickes Buch und hat also auf dem Einband bloß 2 Worte stehen, nämlich z. B. "Homer", "Ilias". Und damit ist Weltliteratur verbunden. Und dünnste Werke benutzen einen großen, farbigen, bunten, vielseitig geschmückten Einband, um dann darauf aufmerksam zu machen, dass im Inneren doch eigentlich nicht besonders viel zu lesen ist und der Einband als solches schon den eigentlichen Text abgibt. Die Situation ist dann die des Kinderbuches oder des für einfachere Gemüter. Das Schriftbild gibt uns also auch dann Hinweise darauf, in welcher Situation dieser Text zu sehen ist. Und das alles nennt man also Markierungen, das Wort heißt eigentlich "Textmarkierungssituation" und ich habe es jetzt reduziert auf "Textsituation". Letztlich ist es ein Zusammenhang zischen Inhalt und Form. Eine Markierung ist immer in gewisser Weise etwas Formales. Etwas ist gezeichnet, mit Material versehen, dass wir also erkennen können und dass Rückschlüsse auf die Absicht des Autoren, des Verlages, des Lesers usw. führen lässt. Es gibt allerdings auch Texte, die besonders wichtig sind und das durch ihre formale Gliederung schon anzeigen. Nennen wir einmal eine Doktorarbeit. Ein Doktorvater oder auch ein Professor lesen in den seltensten Fällen die komplette Arbeit, jedenfalls nicht am Anfang. Am Anfang geht es ihm nur darum, dass der Autor, in dem Falle der Doktorand, ihnen eine klare Gliederung abgibt. Sie schauen sich also bloß den Plan an, und wenn sie nicht erkennen können, dass dort eine Logik drin steckt, dann wird der Text von ihnen abgelehnt, weil der Doktorand die Situation nicht erkannte. Die er jetzt dadurch beleben muss, dass er also den Erwartungen seines Doktorvaters entspricht und das macht, was er von ihm erwartet - nämlich dem Text eine Form zu geben, die der Situation angemessen ist, nämlich erst einmal den Plan darzustellen. Wieder bedeutsam für die Textsituation ist auch die Auflage. Ein Buch, das also in 100er Auflage erscheint oder was handverlesen werden soll, wird also eine andere Situation zwischen Leser und Autor beschreiben, als wenn ein Buch gleich von Anfang an in einer Millionenauflage startet. Und schließlich, das hatte ich vorhin schon bei den indigenen Texten gesagt - also Texte, die in Stein gemeißelt sind - das Basismaterial spielt auch eine Rolle. Wir kennen das vielleicht, oder der ein oder andere von euch möge das kennen, dass jetzt die Rückkehr zur guten alten Schallplatte wieder ansteht. Weil die Musikindustrie begriffen hat, dass die kleinformatigen CDs oder die Sticks auf denen jetzt sehr viel Musik auch gespeichert wird, dem gesamtkünstlerischen Anspruch der Musikindustrie nicht entsprechen und man zu den guten alten, großen Schallplatten zurück, kommt weil das Gesamtkunstwerke sind. Und das Material, also die Form, bestimmt hier letztendlich dann auch die Textsituation, nämlich dass Musik nicht mehr nur als etwas Digitales begriffen wird, sondern Musik als etwas begriffen wird, das Teil eines Gesamtkunstwerkes sein soll. Die Form verändert hier also auch Inhalte. Und das ist gemeint mit der Textsituation. Wir dürfen ja den Text nicht allein auf Worte beschränken, sondern Texte sind ja letztendlich alles, was in irgendeiner Form Mitteilung oder in irgendeiner Form der Kommunikation dient. Das zum Begriff der Textsituation. Wir dürfen das nicht auf diese 5 Punkte beschränken. Es geht immer darum: Was markiert formal, um auf etwas Inhaltliches hinzuweisen? Ist es angemessen? Entspricht das dem, was der Leser in einer ganz bestimmten Lesesituation oder in einer ganz bestimmten Aufgabensituation erwarten kann? Ist die Rede, der Form nach, der Situation angemessen? Ist die Doktorarbeit, der Situation nach, angemessen? Entspricht das Kinderbuch den Erwartungen? Entspricht die Platte, die jetzt gehört werden soll, den formalen Erwartungen seines Publikums? Usw. usw. usw.

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