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Transkript „Schachnovelle“ – Personenkonstellation (Zweig)

Bei einer Novelle handelt es sich in der Regel um eine klar strukturierte, übersichtliche Erzählung. Häufig wird auch die Technik der Rahmenerzählung genutzt, so auch in Stefan Zweigs “Schachnovelle”. Eine überschaubare Anzahl an handelnden Personen ist außerdem charakteristisch.

In der Personkonstellation Zweigs wird dies deutlich, denn im Grunde treten nur drei Hauptfiguren auf: McConnor, Mirko Czentovic und Dr. B.. Erwähnenswert ist allerdings noch der Icherzähler, der dem Geschehen als Beobachter beiwohnt. Er bleibt allerdings recht “profillos”. Der Leser erfährt lediglich, dass er als Österreicher Dr. B`s Landsmann ist. Auch aus der Gruppe der Mitspieler und Mitreisenden zeigt niemand deutliche Konturen. Die Frau des Icherzählers wird nur ein einziges Mal erwähnt.

Der Ingenieur McConnor

McConnor ist ein wohlhabender Tiefbauingenieur aus Schottland. Er wird als rücksichtsloser Erfolgsmensch gekennzeichnet, der daran gewöhnt ist, sich im Leben auch auf Kosten anderer durchzusetzen. Diese Haltung und das entsprechende Verhalten legt er niemals ab, auch nicht für ein harmloses Schachspiel.

Ausnahmslos jede Niederlage interpretiert er als persönliche Herabsetzung und als Minderung seines persönlichen Wertes. Folgerichtig lässt er die Niederlage im Spiel nicht auf sich beruhen, sondern fordert Revanche. Das Schachspiel zwischen ihm und dem Icherzähler geht über Tage.

Schachweltmeister Mirko Czentovic

Kurz taucht der Schachweltmeister Mirko Czentovic am Schachbrett auf und kritisiert das Niveau der beiden Spieler. Dies kann McConnor nicht einfach hinnehmen. Sein Ehrgeiz ist geweckt. Er bewirkt, dass eine Partie gegen den Weltmeister stattfindet. Sein Temperament und seine Neigung zu spontaner Leidenschaft verursachen, dass sich Dr. B. auf seiner Seite in die Spiele einmischt und sich darüber hinaus auf ein weiteres Spiel einlässt, obwohl er dies ursprünglich nicht wollte.

Dass er diese Partie aufgibt, veranlasst McConnor dazu, ihn mit einer Beschimpfung herabzusetzen: "Damned fool!”, was so viel wie “verdammter Dummkopf” bedeutet. Mirko Czentovic ist Schachweltmeister und gilt als solcher als Genie. Ansonsten verfügt er aber nicht über besondere intellektuelle Qualitäten.

Der fehlende Inetelekt des Weltmeisters

Schon seine Herkunft als Sohn einfacher Donauschiffer bestimmt ihn. Sämtliche Versuche, ihm etwas beizubringen, sind gescheitert. Er scheint von geistigen Dingen unberührt und beinahe ein Analphabet zu sein. In jungen Jahren galt er als "das maulfaule, dumpfe, breitstirnige Kind".

Lediglich im Schachspiel zeigt er eine "einseitige, sonderbare Begabung". Schon mit 20 Jahren wird er Schachweltmeister. Seinen Mangel an Fantasie, Kreativität und Vorstellungskraft ersetzt er durch eine kalte, berechnende Logik. Er ist geldgierig und stolz. Diese negativen Eigenschaften wirken abstoßend und beruhen auf oberflächlichem finanziellen Erfolg. Nur durch die Aussicht auf finanziellen Gewinn, lässt er sich zu dem Spiel hinreißen. Sein Auftreten schürt in seinen Gegnern das "Verlangen, einen derart unerschütterlichen Hochmut gedemütigt zu sehen."

Der kultivierte Dr. B.

Im Unterschied dazu ist Dr. B. ein kultivierter Mann des Geistes, ein Akademiker mit entsprechendem Beruf als Vermögensverwalter. Auch er ist durch seine Herkunft bestimmt: Er entstammt einer hoch angesehenen Wiener Familie. Er arbeitet verantwortungsbewusst, diskret und ist um das Wohl seiner Klienten besorgt.

Sein Benehmen zeigt ihn als höflich, aufrichtig und feinfühlig. Lediglich seine Blässe, ein nervöses Zucken um den Mundwinkel und Zeichen frühen Alterns verraten seine schwierigen Erlebnisse in der Vergangenheit. Er ist als positiv besetzter Charakter und Berichterstatter über die Gräueltaten der Nationalsozialisten der Mittelpunkt der Personenkonstellation.

Die Isolationshaft der Nationalsozialisten

Da er an geistig anspruchsvolle Tätigkeiten gewöhnt ist, trifft ihn die Isolationshaft der Nationalsozialisten mit ihrer "völlige[n] raumlose[n] und zeitlose[n] Leere" besonders hart. Sein hoher Intellekt veranlasst ihn, die Fragen und Antworten der Verhöre in selbstquälerischer Art und Weise zu wiederholen.

Trotz seiner Lage kann er die Gefahr erkennen, dass seine geistige Fähigkeiten nachlassen. Das Schachbuch, das er stehlen kann, verschafft ihm geistige Anregung und Entspannung. Sein Hunger nach Gedrucktem ist ersatzweise befriedigt, wenn auch in einer ihm zunächst fremden Thematik. Er beweist Intellekt und Einfühlungsvermögen, indem er sich diese Welt schnell erschließt und enorme Kompetenz entwickelt. Auch in seinem humanen und intelligenten Wesen ist er ein Gegenspieler Czentovics. Am Ende jedoch unterliegt er ihm.

Spieler, Gegenspieler, Spielleiter

Das Personal besteht aus wenigen Statisten und nur drei Hauptfiguren. Czentovic, Dr. B. und McConnor ergänzen sich zu einer Personenkonstellation, die aus Spieler, Gegenspieler und Spielleiter besteht. Der Spieler ist dabei Czentovic und sein Gegenspieler heißt Dr. B.. Die Funktion des Spielleiters hat McConnor, weil er die materiellen Bedingungen Czentovics erfüllt. Außerdem treibt er die Handlung voran, indem er die Spielsituation fortsetzen lässt.

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