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Transkript „Prinz Friedrich von Homburg“ – Personenkonstellation (Kleist)

Die Befehlsverkündung vor der Schlacht von Fehrbellin. Auf der einen Seite sitzen die Kurfürstin und Natalie, also die Familie. Auf der anderen Seite die Offiziere und der Feldmarschall, also das Berufliche. Dazwischen sitzt der verträumte Prinz von Homburg - und versucht sein Bestes, sich auf einen der Bereiche zu konzentrieren.

Figur Prinz Friedrich von Homburg

Als titelgebende Figur steht der Prinz von Homburg im Mittelpunkt des Geschehens. Gleich in der ersten Szene hat sich der Schlafwandler nicht unter Kontrolle und offenbart seine politischen und persönlichen Ziele.

Bei der Befehlsvergabe ist der sensible Träumer hin und her gerissen zwischen dienstlicher Pflicht und der Hoffnung auf Liebe. Homburg steht quasi “zwischen den Fronten”, ist innerlich zerrissen, wie viele Figuren bei Kleist: Er begehrt militärischen Ruhm und er begehrt Natalie. Sein Konflikt resultiert aus seinem Unvermögen, sich auf einen der beiden Bereiche zu konzentrieren.

Als impulsiver, emotional bestimmter Charakter gerät der Prinz mit der starren militärischen Befehlsstruktur aneinander. Der Mensch Homburg steht also dem Soldaten Homburg im Wege. Der Prinz hätte gerne beides: die Anerkennung des Fürsten als Reitergeneral und als Schwiegersohn.

Homburg nimmt den eigenmächtigen Angriff “auf seine Kappe”. In dem Moment hört er auf den Befehl seines Herzens, folgt seinem eigenen Willen, entscheidet sich für schnellen persönlichen Ruhm.

So voreilig handelt der Prinz auch, indem er nach der Todesnachricht des Kurfürsten sofort um Natalies Hand anhält - anscheinend sieht er sich schon auf dessen Platz als politisch-militärisches sowie familiäres Oberhaupt. Auch ist der Prinz sehr selbstsicher, was eine Begnadigung durch den väterlichen Kurfürsten angeht - doch er erfährt eine harte Lehre durch den gesetzestreuen Kurfürsten.

In seiner Todesangst ist der Prinz keine Heldenfigur, sondern ein Mensch, der um sein blankes Leben bettelt. Durch diese Erfahrung wird er zugänglich für andere Botschaften als die seines Herzens - er will mit dem eigenen Tod das Gesetz des Krieges verherrlichen.

Er hat gelernt, seine persönlichen Wünsche dem Wohl des Vaterlandes unterzuordnen. Schließlich haben Homburg und Kurfürst ein gemeinsames Wertesystem.

Er entwickelt sich also vom ungestümen Gefühlsmenschen, der sich allein von seinem Herzen bestimmen lässt, zu einem Bürger, dessen Herz für den Staat schlägt. Dies passiert nicht ganz freiwillig und der Prinz ist ent-individualisiert.

Figur Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg

Der Kurfürst verkörpert den aufgeklärt-absolutistischen Herrscher - was auch gleich sein Dilemma ausmacht: Er ist an eine Rechtsordnung gebunden, muss objektiv urteilen. Persönliche Beziehungen sollen dabei keine Rolle spielen. Andererseits hat er absolutistische Entscheidungsgewalt, das heißt, er muss sich nicht an Gerichtsurteile halten und kann Begnadigungen aussprechen.

Während der Kurfürst fast das ganze Stück über die Rechtsordnung verteidigt, setzt er sie schließlich außer Kraft und begnadigt Homburg. Damit nähert er sich dessen Menschlichkeit an.

Sein Bestreben ist es, private und politische Bereiche unbedingt auseinander zu halten. Das ist zwar ehrenvoll, führt aber zu einer gewissen Einseitigkeit und lässt ihn auch kaltherzig erscheinen. Mangelnde Selbstkontrolle, Traum und Gefühlsüberschwang wie bei Homburg passen für ihn nicht zur Rolle eines politischen Mannes.

Um langfristigen militärischen Erfolg zu erreichen, muss der Kurfürst vor allem darauf achten, dass niemand gegen das Prinzip von Befehl und Gehorsam verstößt. Er weiß, was eigentlich erst zu Kleists Zeit Tenor war: ein gerechter Staat bindet die Bürger aneinander und lässt sie für ihr Vaterland einstehen.

Zu dieser Einsicht will der Kurfürst Homburg bewegen. Allerdings geschieht dies recht zynisch und kaltherzig, denn er lässt alle Vorbereitungen zu seiner Hinrichtung treffen. Andererseits gibt er ihm die Chance, zu zeigen, dass er etwas gelernt hat.

Die Figur zeigt, dass aufgeklärte Staatsführung mit Emotionen und Menschlichkeit nicht leicht zu vereinbaren ist.

Figur Natalie von Oranien

Als vermittelnde Instanz zwischen dem Kurfürsten und dem Prinzen fungiert Natalie. Sie ist jedoch auch Vermittlerin zwischen Gefühl und Verstand. Ihrer Meinung nach können Kriegsgesetz und persönliche Bindungen nebeneinander herrschen

Die Nichte und Ziehtochter des Kurfürsten ist interessiert am Schicksal des Einzelnen, gutwillig, mitfühlend und authentisch. Sie hat keine zu strikten Prinzipien, was sie menschlich macht: zwar schätzt sie das Sensible an Homburg, er soll aber dennoch traditionell heldenhaft sein.

Natalies Herz verrät ihr oft schon vorher, dass es Komplikationen geben könnte. Diese Menschlichtkeit steht der männlich-heroischen und politischen Lösung des Stückes gegenüber.

Figur Obrist Kottwitz

Kottwitz ist ein altgedienter Offizier, der beim Kurfürsten hohes Vertrauen und Ansehen genießt. Als treuer, gelassener und loyaler Obrist steht er dem jungen, wilden Prinzen zur Seite. Er soll neben militärischen Wissen auch Ruhe und Traditionsverbundenheit vermitteln.

Als vorbildlicher Befehlsempfänger versucht Kottwitz erst, den Prinzen vom eigenmächtigen Angriff abzuhalten. Letztendlich stimmt er aber doch zu, da Homburg die Verantwortung übernimmt.

Geschockt von der Reaktion des Kurfürsten merkt Kottwitz, dass die Wertemaßstäbe, die für ihn noch galten, anscheinend nicht mehr aktuell sind. Sein Plädoyer zeigt das Unverständnis darüber, wie der Kurfürst die Tapferkeit, wenn sie zum Erfolg geführt hat, nicht über die Regel stellen kann. Somit ist er ein Vertreter des alten Soldatenideals.

Seine Reaktion “Ein Traum, was sonst” zeigt, dass er den Traum bemühen muss, um zu erklären, was gerade geschehen ist.

Figur Graf Heinrich von Hohenzollern

Graf Heinrich von Hohenzollern hat im Gefolge des Kurfürsten die Funktion eines politischen Beraters. Taktisches Vorgehen und geschickte Argumentation sind sein Metier. Er ist sowohl dem Kurfürsten als auch Homburg gegenüber loyal.

Als enger Freund Homburgs ist der Graf in allen wichtigen Situationen an dessen Seite und versucht auch, den Verliebten wieder auf den Befehl zu fokussieren. Er denkt ausschließlich politisch, glaubt, zur Sicherung des Friedens wolle der Kurfürst Natalie mit dem schwedischen König verheiraten - was aber dem Rechtsverständnis des Kurfürsten widersprechen würde.

In seinem Plädoyer für die Unschuld Homburgs gibt Hohenzollern sogar dem Kurfürsten selbst die Schuld an der Verwirrung des Prinzen. Hohenzollern geht also gar nicht auf die Denkweise seines Gegenüber ein. So erreicht er weder Homburg noch den Kurfürsten und dient dazu, aufzuzeigen, dass der Kurfürst tatsächlich nicht so korrekt gehandelt hat.

Zusammenfassung Personenkonstellation

Der Prinz von Homburg ist innerlich zerrissen: Er begehrt militärischen Ruhm und er begehrt Natalie. Sein Konflikt resultiert aus seinem Unvermögen, sich auf einen der beiden Bereiche zu konzentrieren. Er entwickelt sich vom ungestümen Gefühlsmenschen, der sich allein von seinem Herzen bestimmen lässt, zu einem Bürger, dessen Herz für den Staat schlägt.

Die Figur des Kurfürsten repräsentiert das Dilemma des aufgeklärten Absolutismus: aufgeklärte Staatsführung lässt sich mit Emotionen und Menschlichkeit nicht so leicht in Übereinstimmung bringen. Seine Nichte Natalie ist Vermittlerin zwischen Gefühl und Verstand. Obrist Kottwitz verkörpert das alte Soldatenideal und Graf von Hohenzollern die politisch-taktische Denkweise der absolutistischen Herrschaft.

Der Prinz hat eine harte Lehre durchlaufen und weiß jetzt, auf welcher Seite er steht: Sein Herz schlägt für den Rechtsstaat und das Vaterland. Persönliche Ziele stellt er unter das Wohl der Gemeinschaft. Er ist ein höriger, ent-individualisierter Bürger geworden.

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