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Transkript „Nathan der Weise“ – Ringparabel

Hallo ich heiße Lena, und in diesem Video erzähle ich dir ein paar Dinge zu Lessings Ringparabel. In ein paar Minuten kennst du die wichtigsten Aspekte, die Lessing zum Schreiben von Nathan der Weise und der Ringparabel bewogen haben. Außerdem deren Inhalt und Bedeutung. Du weißt, wie Parabeln grundsätzlich aufgebaut sind und inwiefern Nathan der Weise ein typischer Text der Aufklärung ist. Von Aufklärung und der Handlung des Dramas solltest du am besten schon eine ungefähre Ahnung haben, da ich diese Punkte nur skizzenhaft umreißen bzw. kurz wiederholen werde. Aufklärung bezeichnet eine Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts, deren Anhänger sich gegen bestehende Vorurteile, religiösen Fanatismus, festgefahrene Traditionen und überholte Werte wendeten. Mit ihrem Slogan "Sapere Aude" (habe Mut dich deines Verstandes zu bedienen) riefen sie dazu auf, alles kritisch zu hinterfragen und Wissen allein auf Vernunft, statt auf Glaube oder Tradition aufzubauen. Ihr Menschenbild war geprägt von Toleranz und den Ideen des Humanismus. Lessing war einer der Aufklärer und geriet als solcher in Streit mit einem Vertreter der Kirche, den Hamburger Hauptpastor Johann Goeze. Als Bibliothekar hatte Lessing in den 1780er Jahren bibelkritische Textfragmente eines verstorbenen Gymnasialprofessors publiziert. Obwohl er sich kritisch mit diesen Fragmenten auseinandersetzte, machte Goeze ihn für deren Inhalte verantwortlich, und erreichte ein Publikationsverbot, religiöse Themen betreffend. Diese Auseinandersetzung wird heute Fragmentenstreit genannt. Lessing konnte dieses Verbot unterwandern, indem er sich einem neuen Medium zuwandte, dem Theater. Aufgrund der Zensur äußert Lessing seine Einstellung in dem Stück Nathan der Weise indirekt durch seinen Protagonisten, der sozusagen als sein Sprachrohr fungiert. Nathan ist ein reicher jüdischer Kaufmann, der aufgrund seiner Weisheit und Großzügigkeit allgemein beliebt ist. Als seine Adoptivtochter von einem Tempelritter aus brennendem Haus gerettet wird, kann Nathan dessen Antisemitismus überwinden und seine Freundschaft gewinnen. Diese Freundschaft steht symbolisch für eine Annäherung zwischen Judentum und Christentum. Für den Islam gibt es ebenfalls einen symbolischen Stellvertreter, Sultan Saladin. Er ist verschuldet. Aufgrund seiner Vorurteile bittet er Nathan nicht direkt um einen Kredit, sondern versucht ihm eine Falle zu stellen. Indem er behauptet seine viel gerühmte Weisheit testen zu wollen, fragt er ihn nach der wahren Religion. An dieser Stelle kommt die Ringparabel zum Einsatz. Nathan kann weder seinen eigenen Glauben als einzig wahren bezeichnen, da das eine Majestätsbeleidigung darstellen würde, noch den des Sultans, da er dann erklären müsste, warum er selbst Jude ist. Er greift also zur Parabel. Die Grundzüge der Ringparabel stammen nicht von Lessing, sondern kursieren bereits seit dem 11. Jahrhundert. Lessing hat sie allerdings um einen bedeutenden Teil erweitert. Hier also der Inhalt der Parabel: Ein Mann besaß einmal einen großen Schatz, zu dem auch ein Ring gehörte, den er so schön fand, dass er beschloss, das Schmuckstück solle eine tragende Rolle in der Familiengeschichte einnehmen. Der Ring sollte immer vom Vater an das liebste Kind weitervererbt werden, und diesem die Autorität innerhalb der Familie sichern. Bei Lessing hat der Ring zudem die Eigenschaft, den Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, sofern man ihn in dieser Überzeugung trägt. Nach einigen Generationen kommt der Ring schließlich zum Vater dreier Söhne, der diese alle gleichermaßen liebt. Da er keinen von ihnen enttäuschen will, verspricht er jedem das Kleinod, lässt zwei perfekte Duplikate anfertigen und vererbt jedem einen Ring. Nach seinem Tod behauptet jeder der Söhne das Original zu besitzen. Die Fälschungen können allerdings nicht festgestellt werden. Lessing ergänzt die Geschichte hier noch um eine Szene: Bei ihm ziehen die Söhne zur Klärung des Falles vor einen Richter, der ihnen sagt, auch er könne den echten Ring nicht von den anderen unterscheiden. Da allerdings bei keinem der Söhne, der dem Ring zugesprochene Effekt besonders sympathisch zu erscheinen eingetreten sei, besäße wohl einfach keiner das Original. Statt sich an ihrem Streit aufzuhalten, sollten sie einfach so handeln, als besäße jeder von ihnen den wahren Ring. Weiter sagt der Richter noch, dass in einigen tausend Jahren wohlmöglich ein weiserer Richter ihnen weiterhelfen könne. Er fordert sie somit zu einem konstruktiven, freundschaftlichen Wettstreit auf. Um zu verstehen, was Nathan bzw. Lessing mit dieser Parabel sagen möchten, bedient man sich der Skizze einer mathematischen Parabel. Auf der linken Seite trägt man Elemente der Bildebene ein, also Symbole und Aspekte der äußeren Handlung. Auf der rechten Seite stellt man deren Bedeutung heraus, das nennt man dann Sachebene. Zum Beispiel ist schon aufgrund der Bezeichnung Ringparabel klar, dass der Ring ein Symbol ist. Er gehört also auf jeden Fall auf die Bildteilseite der Parabel. Zur Erinnerung, der Sultan Saladin hat Nathan gefragt welche der drei monotheistischen Religionen, die richtige sei. Es liegt also Nahe, dass jeder Ring plus Besitzer, eine Religion plus Anhänger darstellt. Erhalten haben die Söhne die Ringe von einem Vater, der in einem gewissen Grad Gott symbolisiert. Gott ist auch durch den letzten weiseren Richter vertreten. Der Richter, den die Söhne aufsuchen, vertritt Nathans bzw. Lessings Position. Nathan antwortet also auf Saladins Frage, indem er keiner der Religionen den Vorzug gibt und keine Originalreligion nennt, sondern die Gläubigen dazu auffordert humanistisch zu handeln, statt dem religiösen Fanatismus zu verfallen. Diese sogenannte Toleranzidee ist der Kern der Parabel und markiert ihren Scheitelpunkt. Man nennt diesen Aspekt der sich auf beiden Ebenen wiederfindet Tertium Comparationis. Wenn du dieses Bindeglied der Ebenen gefunden hast, lassen Parabeln sich eigentlich ziemlich leicht aufdröseln. Zurück zur Handlung von Nathan der Weise: Saladin versteht Nathans Botschaft und ist begeistert von dessen weiser Antwort. Die beiden werden Freunde. Differenzen zwischen Judentum und Islam werden somit symbolisch ebenfalls überwunden. Bislang sieht das Verhältnis der Religionen also schon so aus, dass Islam und Judentum sowie Judentum und Christentum einander mit Toleranz begegnen.  Es fehlt noch eine Annäherung zwischen Islam und Christentum. In der letzten Szene des Stückes stellt sich heraus, dass der Tempelritter der Sohn des verstorbenen Bruders Saladins ist. Nathans Adoptivtochter ist seine Schwester. Das Drama endet also damit, dass alle religiösen Gruppen zueinander in familiärer und freundschaftlicher Beziehung stehen. Die Aussage der Ringparabel sich von Vorurteilen zu lösen und allen Menschen gleichermaßen tolerant zu begegnen und humanistisch zu handeln, wird von der Gesamtaussage des Stückes noch einmal unterstrichen. Zusammenfassend halten wir fest, die Aufklärung war eine europäische Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie richtete sich gegen Vorurteile, festgefahrene Strukturen sowie Fanatismus und trat mit ihrem Leitspruch "Sapere Aude" (Habe Mut dich deines Verstandes zu bedienen) für vernunftbasiertes Handeln und Toleranz ein. Seine aufgeklärte Einstellung brachte Lessing ein Publikationsverbot ein, das er durch das Medium Theater umgehen konnte. Mit seinem Stück Nathan der Weise vertrat er weiterhin öffentlich die Meinung, dass Toleranz und Vernunft die Grundlage für humanistisches, selbstbestimmtes Handeln seien. Die Ringparabel bringt diese Aussage auf den Punkt, indem sie die Menschen auffordert, sich die Sympathie anderer und ein angenehmes soziales Klima zu erarbeiten, statt sich in religiösen Fanatismus hineinzusteigern. Parabeln kann man anhand der geometrischen Form einer Parabel auflösen, indem man Elemente der Bildebene in die Sachebene übersetzt. Das geht am einfachsten wenn man das Tertium Comparationis, das Bindeglied zwischen symbolhafter Handlung und Bedeutung schon gefunden hat. Das dürften die wesentlichen Informationen zur Ringparabel gewesen sein. Ich hoffe, du fühlst dich jetzt ausreichend informiert. Auf Wiedersehen vielleicht, Lena.

Informationen zum Video
16 Kommentare
  1. Default

    Guter Einblick, danke, Lena, auf Wiedersehen. Gruß von der Einführungsklasse des Beruflichen Gymnasium. Cheers!

    Von Ralfpauli, vor etwa einem Jahr
  2. Default

    Die Stimme der Sprecherin kam nicht so gut an.

    Von Ralfpauli, vor etwa einem Jahr
  3. Default

    Spitzentest. Der dritte Versuch hat geklappt. Schüer sind ratlos.

    Von Ralfpauli, vor etwa einem Jahr
  4. Rene redaktion

    Vielen Dank für eure Kommentare, wir freuen uns, dass euch das Video gefällt.

    Beste Grüße
    Die Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor mehr als einem Jahr
  5. Default

    sehrr guttt

    Von Mandeep B., vor mehr als einem Jahr
  1. Default

    Super Video, mehr davon bitte!!! :)

    Von Mirimail, vor mehr als 2 Jahren
  2. Default

    Merci, gut auf den Punkt gebracht.
    Un saludo
    Silvia

    Von Silvia Tabeau, vor mehr als 2 Jahren
  3. Default

    Ganz toll erklärt! Vielen Dank!!! Besonders begeistert bin ich von der grafischen Darstellung der Parabel. So war mir der Zusammenhang von Bild- und Sachebene noch nicht klar geworden. Spitze!!!

    Von Marnekorfu, vor mehr als 2 Jahren
  4. Default

    hallo

    Von Vazzily, vor fast 3 Jahren
  5. Avatar2

    Dankeschön, Elena1995 =)
    Hab eine schöne Woche,
    liebe Grüße, Lena

    Von Lena Knaudt, vor fast 5 Jahren
  6. Default

    sehr gut erklärt!

    Von Elena1995, vor fast 5 Jahren
  7. Default

    sehr gut erklärt!

    Von Elena1995, vor fast 5 Jahren
  8. Avatar2

    Hallo Zarif, das freut mich. Gern gesehen, sozusagen, und frohe Weihnachten.

    Von Lena Knaudt, vor fast 6 Jahren
  9. Default

    hallo Lena,
    vielen Dank für das Video. Wir nehmen Lessing gerade in der Schule durch und dank dir ist mir einiges, was mir schon bekannt war, noch viel, viel klarer geworden. Also nochmal dankeschön.

    Von Zarif, vor fast 6 Jahren
  10. Avatar2

    Hallo Krish Uwe.
    Danke dir sehr herzlich. Vor allem für die Ergänzung zu Lessing.
    Solche Kommentare wünscht man sich =)
    Liebe Grüße,
    Lena

    Von Lena Knaudt, vor etwa 6 Jahren
  11. Uwe3

    Wow, wunderbares Video.
    Für Interessierte möchte ich noch anmerken, dass Lessing als der Erneuerer des deutschen Schauspiels gilt. Vorher war Theater eher flache Unterhaltung für das Volk und hat keine politische oder tiefgründige Themen angeschnitten.
    Er hat mit dem Theater nicht nur aufgeklärt, sondern auch neue Massstäbe gesetzt in Bezug auf Dramaturgie.
    Shakespeare war zwar schon früher, aber nicht in Deutschland.

    Vielen Dank Lena. Dein Video inspiriert sicher auch den ein ode anderen da selbst noch weiter zu recherchieren.
    Dieses Thema ist heute noch höchst aktuell. (Die Roma-Abschiebung aus Frankreich, Thilo Sarrazin, Geert Wilders)

    Von Krish Uwe S., vor etwa 6 Jahren
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