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Transkript „Nathan der Weise“ (Lessing)

Guten Tag liebe Lernende, in diesem Lehrvideo geht es um einige Anmerkungen zu einem Stück von Gotthold Ephraim Lessing namens "Nathan der Weise". Er hat dieses Stück etwa 1777/78 auf Subskriptionsbasis ins Leben gerufen. D. h. er hat vorher bei seinen Freunden und Kumpels und Kollegen in Deutschland per Brief angefragt, ob sie bereit wären, Geld für ein Stück auszugeben, das er schreiben möchte und in dem es um folgende zentrale Themen gehen sollte. Einmal aufgrund seiner Biografie - Lessing stritt lange Jahre mit einem verknöcherten, dogmatischen Hamburger Pfarrer namens Götze - und das wollte er jetzt sozusagen ausbreiten auf einen Streit, den das Zeitalter durchzog, nämlich welche Religionsform ist die beste. Im Reich wurde vornehmlich darüber gestritten, welche christliche Konfession die beste sei. Lessing erweiterte das aufgrund seines humanistischen Ansatzes auf sämtliche Religionen, die es in der Welt gibt, und wurde persönlich nicht nur durch den guten Herrn Götze, der ihm richtig ins Revier hineinschiffte, sondern auch durch seine Freundschaft zu Moses Mendellsohn, einem Juden aus dem anhaltischen Dessau, später Berlin, der zwar als Jude im Reich gewisse Freiheiten genoss - wir dürfen nicht vergessen, dass auch deshalb so viele Juden im Reich lebten, weil sie hier eine größere Freiheit besaßen, als beispielsweise in England oder Frankreich, Italien oder Spanien - zumal diese Länder den Großteil ihrer Juden bereits im Mittelalter ausgerottet hatten, und in Deutschland bzw. im Reich konnten die Juden also relativ sicher leben, was auch etwas mit den theologischen Auseinandersetzungen im Reich zu tun hatte. Denn dadurch, dass relativ viele verschiedenen Konfessionen im Reich ihre Gebiete, ihre Rechte und Freiheiten erkämpft hatten, subtionierten sich darunter die Juden auch ein wenig, jedenfalls in der Richtung, denn den Katholiken war letztendlich der Jude genauso verhasst, wie der Protestant, sofern es sich um eherne, knöcherne Theologen handelte, und davon gab es nicht wenige um 1770. Das ist also der 2. Punkt, einmal herauszufinden, welche Religionsform die bessere bzw. die beste ist und das in ein poetisches Gleichnis zu bringen, also aufs Tapet, auf die Bretter, die die Welt bedeuten, und die publizistische Auseinandersetzung in irgendeiner Weise in eine Textform zu bringen, und da dürfen wir nicht vergessen, dass unser Freund Lessing  Determinist zugleich Freimaurer war und so versuchte, letztendlich seine theologischen Vorstellungen von der besten aller Welten in ein Gleichnis zu bringen und seine eigene Position hier zur Diskussion zu stellen. Schließlich hängt damit auch Lessings Entwicklung zum humanistischen Idealisten - könnte man fast sagen, wenn es nicht erst 1780 wäre. Lessing ist noch kein humanistischer Idealist - aber er bringt diese Idee des Humanismus durch "Nathan den Weisen" eigentlich wirklich erst ins Bewusstsein der deutschen literarischen Öffentlichkeit. Und vor allem dadurch, dass er die Unbeschränktheit humanistischen Handelns thematisiert bzw. problematisiert. Wir dürfen nicht vergessen, Humanismus bzw. Humanum est, also das Menschendasein, besteht nicht nur aus Gutherzigkeit, Freundlichkeit, Lebenszugewandtheit, sondern wir kennen auch das Wort Humus, also aus einer Substanz heraus, selbst aus dem Tod heraus ergeben sich immer neue Möglichkeiten für den Menschen. Der Mensch war Staub und wird Staub wieder werden. Dessen sollte er sich immer bewusst sein. Humanistisches Handeln ist also nicht nur handeln, was das Gute und Positive betrifft, sondern auch Negatives gehört zum humanistischen Handeln. Der Mensch ist ein Ganzes, ein aus Fleisch, Blut, Hoffnung, aber auch aus Gier und Hass usw., aus solchen Dingen bestehenden Elementen zusammengesetzt, und das bringt uns auch dazu, das ist im Drama eine wichtige, von vielen Lehrern oft nicht wahrgenommene Tatsache, dass Blut, das gemeinsame Blut und die gemeinsamen Schicksalslinien sind für Lessing von größter Bedeutung. Lessing war, wie gesagt, Determinist, d. h. dass er glaubt, dass alles vorherbestimmt ist, er glaubt, dass also die menschliche Freiheit nur darin liegt, den besseren Weg zum eigenen vorgegebenen Schicksal zu finden, also da eine Freiheit zu haben. Aber letztendlich ist es vorgegeben. Das finden wir auch in vielen, vielen Beziehungen im Drama selbst. Wir dürfen nicht vergessen, das sind alles familiäre Verwicklungen, die da stattfinden und es gibt immer auch auf der einen Seite das Blut, was das gemeinsame Band ist, auch in der Religion. Moses wird von allen Weltreligionen gewissermaßen anerkannt, entweder als Prophet oder als Stammvater oder Abraham, das sind also alles Dinge, die eine gemeinsame, blutsmäßige Verwandtschaft der Weltreligion, jedenfalls hier in unserem europäisch-asiatischen Bereich abgeben, und das Blut ganz speziell der Familie des Ritters, des Templers, der also hier sozusagen den männlichen Helden spielt, Konrad von Staufen, das sind alles Dinge, die von Lessing auch thematisiert werden und dagegen wieder, in antithetischer Verschränkung, dass, was man die Freiheit nennt, dass man Verwandtschaft nach Maßgabe von Nathan dann eben auch wählen kann. Nathan ist eben nicht der leibliche Vater, der blutsmäßige Vater von seiner Tochter, der Heldin, sondern er ist dann an Vatersstelle per Bewusstsein auch angenommen, und das ist eine schöne Antithese zu dem Blut- und Vorsehungsverhafteten, dass das Stück auch in gewisser Weise durchzieht, und wodurch dann böse Konflikte auch ihre Lösung erfahren. Die poetische Form ist die des Blankverses und der klassischen Dramenform. Er ist es, Nathan, Gott sei ewig Dank, so beginnt also der Text von "Nathan dem Weisen". Es ist das erste Mal, dass ein deutscher Dichter den 5-füßigen Jambus, hier mit männlicher Kadenz, benutzt, zwar noch nicht durchgängig, aber schon so, dass der Leser davon ausgehen kann, das ist also hier die Reminiszenz klassischer Versformen. Gleichwohl weder die Griechen noch die Römer, die hier von dem Zeitalter aus betrachtet als Klassiker gelten müssen, 5-aktige Stücke verfassten, meist ja nur in ein oder bestenfalls in zwei, oder gar nicht gekennzeichnet als Akt. Aber das hat etwas mit den französischen und englischen Einflüssen zu tun, mit denen Lessing ja auch kämpfte bzw. die er propagierte, je nachdem, auf welcher Seite er stand. Er war ja auch als Übersetzer von Diderot in Deutschland bekannt und hat sich immer für die englische Dramatechnik eingesetzt. Und das Besondere eben hier in diesem Stück ist, wir finden in den Figuren, die also von Lessing entwickelt werden hier keine dem Stand verhafteten Sprechblasenträger auf der Bühne vor, sondern wir haben freie Menschen, die aufgrund ihrer inneren Überzeugungen handeln. Sie sind zwar noch in ihrem gesellschaftlichen Kanon verhaftet, sie sind also dafür ausgebildet worden, gemäß ihrer gesellschaftlichen Position zu handeln, ob das der Sultan oder die Schwester des Sultans, ob das der Händler Nathan selbst, oder auch der Ritter ist, der im Auftrage seines Patriarchen nun bestimmte Aufgaben zu erfüllen hat. Aber im Laufe des Stückes entwickeln sich diese sogenannten Klischees, diese sozialen Termini, diese Determiniertheit, eben wieder typisch für Lessing, und werden durch ein eher freieres Handeln ersetzt. Gut, das sind alles Dinge, die relativ unproblematisch sind, die von Lessing auf das Tapet gebracht wurden, wir müssen aber auch einmal sehen, wo Lessings Grenzen liegen in diesem Stück, das unbestritten eines der größten Stücke der Weltliteratur abgibt bis heute. Die Ringparabel ist also eine Aufgabenstellung, also vermittelt eine Aufgabenstellung, die bis in unsere heutige Zeit gilt. Wenn man es einmal ganz kurz zusammenfassen kann: Ringparabel heißt ja nichts anderes, als dass die einzelnen Religionen nun beauftragt werden, im ewigen Streben um das Beste miteinander zu wetteifern. Eine Aufgabe, eine neverending Story, das hört also niemals auf, das Streben um das Beste, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, weil die Menschen, weil das Dasein als solches, die Umwelt usw. sich ändern, und trotzdem sich Gott - um es mal so zu sagen - niemals zeigen wird, um zu sagen, also der Islam ist die beste Religion, oder das Christentum, oder der Buddhismus, oder das Judentum, völlig gleichgültig, die Aufgabe, und das ist das Gleichnis, deswegen Parabel, lautet: Strebet um das Beste, und dann wird Gott euch schon in irgendeiner Weise dafür belohnen, und wenn es also so ausgehen sollte, dass die ganze Welt besser wird. Aber Gott wird sich nicht zeigen, aufstehen und sagen, so, du hast gewonnen, die anderen Religionen sind minderwertig. Und damit haben wir auch ein Problem verbunden. Das Textchen, das 5-aktige Riesentextchen, besitzt ein etwas kitschiges Ende. Nämlich es steht vorne zwar Tragödie dran, bzw. dramatisches Gedicht, aber eigentlich ist es kein dramatisches Gedicht, denn es geht gut aus, es ist positiv, und das hat etwas mit Diderots Meinung zum Kitsch zu tun, der einmal in einer seiner Schriften meinte, dass es Schauspiele gäbe, die dazu berufen seien, ein positives, freundliches Ende zu haben. Er nennt dann auch ein Beispiel, aber er fixiert es nicht genau, wie also ein solches Schauspiel aufgebaut sein muss, damit es also ein positives Ende hat. Wenn man solche großen Probleme hier anspricht, die also damals auf Teufel komm raus diskutiert wurden und nicht wenige Menschen auch in den Tod brachten, und man bringt dann ein solch positives Ende, dass also der Held mit seiner Frau in den Sonnenuntergang reitet und nun die Aufgabe an den Menschen zurückgebracht wird, sich anzustrengen, sich zu bemühen, immer das Beste zu geben, und dann wird das schon, das ist ein bisschen einfach, ein bisschen simpel, im wahrsten Sinne des Wortes, und das macht das Ende bzw. das ganze Stück etwas labbrig. Es ist dann eben doch bloß eine schöne kleine Geschichte von einem Ritter, der auszog das heilige Grab zu finden und versöhnt mit der Welt zurückkehrte, um nun in einem ewigen Kampf das Dasein zu verbessern. Ich weiß jetzt nicht, das ist irgendwie eine ganz merkwürdige Sache, die das Stück selbst so ... Es ist nicht das beste Ende. Vielleicht entwickelt jemand von euch eine Möglichkeit, wie man das eher Positive, zu Freundliche, zu "Eiapopeia-orientierte" Ende auflösen könnte. Letztendlich aber hat das auch bewirkt, dass das Stück eine ewige Bedeutung, eine lang anhaltende Bedeutung genießt, bis in unsere heutige Zeit, denn Lessing hat einen großen Gedanken in dem Stück auch poetisch umsetzen können. Das ist diese grandiose Schwerpunktverlegung. Er schaffte es, das, was in unserem Kopf klar ist, nämlich, dass wir uns bemühen müssen, dass wir für das Gute eintreten sollen, dass wir uns entwickeln sollen, dass wir alle unsere in uns liegenden Aspekte entwickeln, dass wir Freundschaft pflegen und auch unserem Glauben gewisserweise treu bleiben, dass wir auf das Blut hören und unsere Vorsehung, dass wir daran glauben, dass wir unseren Weg gehen und ein gewisses Gottvertrauen besitzen, all das kann dem einen oder anderen von uns im Kopf klar sein, aber Lessing schaffte es in diesem Stück, dass eben auch in diese poetische Form zu bringen, mit dem Ring, mit dieser verzwickten familiären Situation, die er schildert und dann auch auflöst. Er bringt das also aus dem Kopf in die Herzen. Vielleicht ist so der Kitsch, der mit diesem positiven Ende verbunden ist, auch etwas, was nun mal in das Theater gehört. Wir gehen auch ins Theater, um gerührt zu sein, um mitzuleiden und uns dann auch an einem positiven Ende zu erfreuen. Also könnte man das auch eher wieder positiv sehen, dass also dann der Kitsch selbst, dass das Eiapopeia uns doch im Herzen rührt und im Grunde unseres Herzens wir Menschen doch darauf aus sind, eine ausgeglichene, harmonische Beziehung mit unseren Liebe, mit unserer Umgebung zu führen. Und Lessing auch in persönlicher Bindung, er war in dieser Zeit schwer verliebt, traurig und verliebt zugleich in seine zu früh verstorbene Frau, dass er also versuchte, in dieser Weise eine Art Glückseligkeit für sich auch poetisch zu fixieren, die ihm letztendlich dann auch gelang, die Fixierung.       

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6 Kommentare
  1. Default

    Danke !

    Von Essi21, vor mehr als einem Jahr
  2. Rtzdfhfgh

    Danke für die Mühe.

    Von Luggiii, vor fast 3 Jahren
  3. Chaosbewaeltiger

    wenn es nur um die entstehungsgeschichte gehen soll, dann weiß da bereits hermann hettner (geschichte der deutschen literatur im 18. jhd., band II) ziemlich ausführlich nachricht zu geben: ich habe die betreffenden seiten eingescannt. sie sind über http://www.vonwolkenstein.de/images/nathanhettner1.jpg und http://www.vonwolkenstein.de/images/nathanhettner2.jpg abrufbar. (das bleistiftgeschriebene stammt von mir, nicht weiter ernstnehmen.)

    Von Robert Knorr, vor fast 3 Jahren
  4. Rtzdfhfgh

    Hallo Sarah,
    über deine Antwort habe ich mich gefreut.
    Ich will ja mit dir nicht streiten,
    und es wäre mir auch nicht wichtig wenn es nicht gerade das Thema
    meiner Bildungsinstitution wäre.
    Auf der Homepage lässt sich zwar ableiten er hätte es zu der Zeit verfasst,
    aber der Kontext ist bisschen unpräzise (seine Antwort auf Goeze ist Nathan der Weise) um diese Schlussfolgerung fest zu machen.
    Ich habe selbst lange gegoogelt aber nichts zu finden, muss wohl doch einen Wälzer aufschlagen.
    Danke für dein Engagement.
    Viele grüße aus dem trüben Hamburg ;)

    Von Luggiii, vor fast 3 Jahren
  5. Sarah redaktion

    Hallo Luggii, ja, das ist in der Tat völlig richtig: Lessing hat das Drama zu dieser Zeit verfasst, 1779 wurde es dann veröffentlicht. Das findest du unter anderem hier: http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/lessing.htm
    Ich hoffe, das hilft dir weiter. Liebe Grüße!

    Von Sarah Fischer, vor fast 3 Jahren
  1. Rtzdfhfgh

    er soll das Drama 1777 und 1778 geschrieben haben?
    Schreib mal ein Buch wenn Frau und Kind sterben, will ich sehen...
    Das halte ich nicht für realistisch, gibt es dafür irgend ein Beleg?
    Über denn würde ich mich sehr freuen ;)

    Von Luggiii, vor fast 3 Jahren
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