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Transkript „Nathan der Weise“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Lessing)

Nathan der Weise (Lessing) - Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

Was ist Aufklärung? Diese Frage stellte sich der Philosoph Immanuel Kant im Jahr 1784. Seine Antwort: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ So entstand seine Schrift “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?”

Und er führt gleich selber aus, was er damit meint: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich selbst seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.” Das heißt, jemand ist nicht fähig, eigenständig, also ohne Anleitung, zu denken.

“Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen!” Jemand ist also nicht zu dumm, um alleine zu denken, sondern zu feige und zu faul. “Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Obwohl Kants berühmte Schrift erst fünf Jahre nach „Nathan der Weise“ entstanden ist, bringt sie das Programm der Aufklärung auf den Punkt. Jeder Mensch soll sich aus dem denkfaulen, bequemen Zustand befreien, indem er seinen Verstand benutzt. Ein Programm, das auch Lessings Lehrstück zugrunde liegt.

Der Protagonist Nathan führt es mustergültig vor. Er lässt sich nicht von Gefühlen leiten und ist nicht im Aberglauben oder in Vorurteilen gefangen. Sein eigenes vernunftgesteuertes Denken ist die Basis für sein ebenso vernünftiges Handeln.

Doch damit nicht genug. Nathan wirkt auch auf seine Mitmenschen erzieherisch. Er stiftet seine Tochter Recha, den Tempelherrn und den Sultan Saladin dazu an, ihren Verstand zu gebrauchen. In diesen drei Schlüsselszenen zeigen sich zudem Nathans Moralvorstellungen. Schauen wir uns zuerst die Szene mit Nathan und Recha an: Nathan kritisiert Rechas unvernünftigen Glauben an einen Engel und an göttliche Fügung. Sie verkennt damit, dass ein Mensch gehandelt hat, um sie zu retten.

Vor lauter Schwärmerei hat sie zudem vergessen, sich beim Tempelherrn für die Rettung zu bedanken. Nathan bewegt sie zum Umdenken. Er offenbart hier seine Abneigung gegenüber Wunderglauben und dem Glauben an göttliche Fügung - zumindest dann, wenn sie als Ausrede benutzt werden, um nicht selber handeln zu müssen.

Nathan steht für Toleranz ein und lebt sie selbst vor. Das siehst du in seiner ersten Begegnung mit dem Tempelherrn. Auch hier stützt sich Nathan vorbildhaft auf seine Vernunft. Von den Anfeindungen des Tempelherrn lässt er sich nicht provozieren. Vielmehr nimmt er ihn als Menschen und nicht als einen Angehörigen einer Religion wahr.

Indem er den Tempelherrn konsequent so behandelt und außerdem vernünftig argumentiert, bringt er ihn dazu, Nathan ebenfalls als Menschen wahrzunehmen. Gegen Ende des Gesprächs benutzt auch der Tempelherr seinen kritischen Verstand und erkennt die dogmatischen Glaubenskriege als „fromme Raserei“.

Das Herzstück von Nathans humanistischen Wertvorstellungen zeigt sich in der Ringparabel im Zentrum des Dramas. Auf die Frage Saladins, welche der drei monotheistischen Religionen die richtige sei, setzt Nathan seinen scharfsinnigen Verstand ein, um zu einer Lösung zu gelangen. Er erzählt eine Parabel.

Eine Parabel hat immer eine Bildhälfte und eine Sachhälfte. Die Sachhälfte zu entschlüsseln, ist Aufgabe der Leser oder Zuhörer. Saladin versteht Nathans Parabel mit den drei Söhnen und deutet sie richtig. Keiner von ihnen hat den richtigen Ring. Keiner hat also die Legitimation, dass sein Glaube der Beste sei. Worauf es hingegen ankommt, ist allein das Handeln. Alle sollen sich so verhalten, als hätten sie den richtigen Ring. Sie sollen also Toleranz und Mitmenschlichkeit leben und ihren Glauben in Nächstenliebe umsetzen. Mit dieser sehr einfachen und raffinierten Geschichte kritisiert Nathan den Absolutheitsanspruch der Religionen.

Somit ist „Nathan der Weise“ vor allem eines: Ein Lehrstück. Die Figuren innerhalb des Stücks und die Leser werden dazu angehalten, ihren eigenen Verstand zu benutzen und nicht blind Wunderglauben, Vorurteilen oder Dogmen zu folgen.

Während es diesen Lehrplan erfüllt, wurden dem Stück schon in den ersten Rezensionen dramaturgische Schwächen vorgeworfen. Es hat wenig äußere Handlung. Schiller, der den Nathan 1801 in Weimar inszenierte, kritisierte, es sei weder Tragödie noch Komödie. Ihm ist das Drama zu wenig emotional: „Im Nathan dem Weisen (...) hat die frostige Natur des Stoffs das ganze Kunstwerk erkältet.“ In späteren Rezensionen wird der Inhalt beziehungsweise die Aussage des Stückes wichtiger als die Form.

Heute ist „Nathan der Weise“ ein Klassiker und gehört eindeutig zum Bildungskanon. Seine Unaufführbarkeit wurde widerlegt: Er wurde und wird auf unzähligen Bühnen gespielt. Noch immer vermittelt er die Kernbotschaft der Aufklärung: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

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2 Kommentare
  1. Default

    Das Video und die Übungen sind gut. Nur sind die Lösungen nicht immer nur mit der Hilfe des Videos lösbar (z. B. benötigt man bei 3. und bei der Zusatzaufgabe tlw. Spezialwissen).

    Von Sass Schule, vor 9 Monaten
  2. Default

    Das beste Video zum Thema auf dieser Seite. Die Klasse hat es begriffen, worum es hier geht.

    Von Ralfpauli, vor etwa einem Jahr