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Transkript „Michael Kohlhaas“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (v. Kleist)

Seit es Kleists Novelle “Michael Kohlhaas” gibt, hört man den Volksmund häufig sagen: “Der ist aber ein ganz schöner Kohlhaas”. Wen man auch heute noch als Kohlhaas bezeichnet? Jemanden, der rechthaberisch, unbeirrt und aggressiv seine Angelegenheiten verfolgt, als Kohlhaas.

Doch wird dies Kleists Titelfigur gerecht? Wer ist dieser Michael Kohlhaas eigentlich? Ein Rebell? Ein Mörder? Ein Revolutionär? Ein Märtyrer? Ein Terrorist? Ist er rechtschaffen oder doch eher entsetzlich?

Rezeption

Innerhalb der Rezeptionsgeschichte der Novelle ist es erstaunlicherweise in allen Phasen der Geschichte gelungen, die literarische Figur des Michael Kohlhaas positiv für die eigenen Interessen auszulegen: Die Nationalsozialisten machten Kohlhaas zur Leitfigur ihrer Blut- und Bodenideologie, zu einer Verkörperung des “deutschen Rechtsgefühls”. Zu Zeiten des RAF-Terrorismus der 70er Jahre diente er als Rechtfertigung für das kompromisslose, brutale Kämpfen für eine bessere Weltordnung.

Muss also die eigentliche Frage lauten: Darf der Zweck die Mittel heiligen? Dürfen für eine gute Sache unschuldige Menschen sterben?

Kleist gibt keine Antworten, er stellt Fragen, die noch immer aktuell sind. Michael Kohlhaas ist eine der bekanntesten Gestalten der deutschen Literatur. Die gleichnamige Erzählung ist somit Kleists berühmteste und überdies seine längste.

Positive Kritik

Zahlreiche prominente Zeitgenossen und spätere Kollegen verehrten den Text: "Michael Kohlhaas” war Franz Kafkas Lieblingserzählung. Er hat sie wohl über zehn Mal gelesen. Für ihn war die Geschichte, mit Ausnahme des Schlusses, der ihn nicht ganz überzeugte, fast vollkommen.

Auch der Dramatiker Friedrich Hebbel lobte den Ereignisreichtum sowie das ausgewogene Verhältnis von Innen- und Außenperspektive der Novelle. Thomas Mann bezeichnet die Novelle sogar als eine der stärksten der deutschen Sprache.

Negative Kritik

Doch es gab auch kritische Stimmen, allen voran - wie so oft - Goethe. Nicht nur bei dieser Publikation unterstellte er Kleist Züge des Pathologischen und Abnormen. Theodor Fontane kritisiert vor allem die magischen Vorgänge um die Zigeunerin, die die Erzählung in der zweiten Hälfte unbedeutend machen würden.

Bearbeitung Oper und literarisch

Tatsache ist, dass es 49 Schauspielfassungen gibt, die sich auf “Michael Kohlhaas” gründen, fünf Bearbeitungen für Hörfunk, vier für Oper und fünf Romanadaptionen.

Berühmt ist unter anderem Volker Schlöndorffs Spielfilm “Michael Kohlhaas, der Rebell” von 1969. Hier werden Wittenberg und die 68er-Studentenrevolte gleichgesetzt. Auch in anderen Filmen gibt es oft das Motiv des ungerecht Behandelten, der sich brutal zur Wehr setzt, z.B. in “Rambo” oder “Falling down”.

Kein Prosawerk Kleists hat eine solche Verbreitung gefunden wie “Michael Kohlhaas”. Die Novelle wurde in allen Kleistausgaben, die in Deutschland erschienen sind, aufgenommen - es gibt über hundert deutschsprachige Einzelausgaben und über 30 Übersetzungen in andere Sprachen. Vor allem in Frankreich ist “Michael Kohlhaas” beliebt.

“Michael Kohlhaas” als Novelle

Heute gilt Kleist sogar als der Begründer der deutschen Novelle und “Michael Kohlhaas” als so etwas wie deren Grundstein. Bei dieser literarischen Gattung handelt es sich um eine Erzählung mittlerer Länge, die auf einer wahren Begebenheit gründet und deren Inhalt neu ist.

Im Zentrum steht dabei meist ein Ausschnitt aus dem Leben eines Menschen, der von schicksalhafter Begebenheit geprägt ist. Der Text ist in konzentrierter Form verfasst und vom Aufbau her mit der steigenden und dann wieder fallenden Handlung mit einem Höhepunkt an das Drama angelehnt. All dies findet sich in “Michael Kohlhaas” wieder.

Dingsymbol

Charakteristisch für eine Novelle ist außerdem, dass ein sogenanntes “Dingsymbol” vorhanden ist, Als Leitmotiv bildet es Sinnzusammenhänge ab. In “Michael Kohlhaas” können die Pferde sinnbildlich verstanden werden: Sie geben den Zustand wieder, in dem sich Kohlhaas gerade befindet: Sind sie ausgemergelt, ist Kohlhaas in einer misslichen Lage, stehen sie gut in Futter, triumphiert auch Kohlhaas.

Erzähler

Der Erzähler in “Michael Kohlhaas” zeichnet sich durch einen sperrigen, teils beißend ironischen Erzählstil aus. Sätze mit vielen Einschüben zeigen sein Bemühen um Genauigkeit.

Seine Erzählhaltung besteht aus einem Nebeneinander von nüchternem Berichtstil und entschiedenen Wertungen, die jedoch oft widerspüchlich sind und keineswegs auf einen souveränen Überblick über das Ganze der berichteten Geschehnisse beruhen. Schon die widersprüchliche Charakterisierung von Kohlhaas zu Beginn der Geschichte wirft ein doppeltes Licht auf alle folgenden Ereignisse und spricht die Tragik der Geschichte aus. Grundsätzlich überwiegen aber Wertungen zugunsten von Kohlhaas.

Wie so oft bei Kleist muss sich auch in “Michael Kohlhaas” der Protagonist in einer extremen Situation bewähren, in die er unverhofft geraten ist. Die Umstände machen es ihm unmöglich, dies mit rechtmäßigen Mitteln zu tun. Schließlich greift er zu Mitteln außerhalb von Recht und Ordnung, die vielen Menschen Leid zufügen und ihn selbst angreifbar machen.

Historischer Kontext

Kleist lebte in einem bewegtes Zeitalter, als er die Novelle schrieb. Es war geprägt von der französischen Revolution. Durch den Epochenumbruch im 18. und 19. Jahrhundert vereint “Michael Kohlhaas” diverse Elemente:

Der Grundgedanke der Aufklärung die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ist auch eine Forderung von Kohlhaas.

  • Dem Sturm und Drang entspricht die Figur Kohlhaas als Selbsthelfer und Kraftkerl.
  • Die Klassik findet sich im Schluss der Erzählung wieder: Das Recht wird hergestellt, aber Kohlhaas hingerichtet.
  • Der Romantik entsprechen die chronistische Darstellungsform, der authentische Stoff und die mystische Zigeunerin-Episode.

Schluss

Ist ein sogenannter “Kohlhaas” nun rechtschaffen und moralisch, da er für eine gute Sache kämpft, wenn auch mit grausamen Mitteln? Oder ist er egoistisch und brutal, denkt blind nur an die Durchsetzung seines Rechts und nicht an die unschuldigen Menschenleben?

Gemeinhin gilt er vor allem als Prototyp des Bürgers im Kampf um das Recht, das ihm Institutionen der Gesellschaft verweigern. Aber es ist nicht leicht, sich von Michael Kohlhaas ein eindeutiges, zweifelsfreies Bild zu machen. Das ist natürlich Kleists Absicht und bezeichnend für die Weltsicht des Autors: Er verweigert sich grundsätzlich glatten Lösungen, denn Menschen sind für ihn nicht entweder gut oder böse, sondern etwas dazwischen - oder vielleicht beides.

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