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Transkript Merkmale von Gedichten: Vers, Klang, Rhythmus, Metrum

Guten Tag, liebe Lernende. In diesem Lehrvideo geht es um Lyrik. Lyrik als Gattungsbegriff der Literatur, von Goethe als die aufgeregte Gattung bezeichnet. Aufgeregt deshalb, weil wir in dieser Gattungsform immer ein lyrisches Ich haben und Goethe im Zeitalter der Klassik bzw. des Sturm und Drangs immer mit dem Geniekult zu kämpfen hatte. Natürlich selbst auch das größte Genie war, allenthalben, und daher immer auch in einem quasi aufgeregten Zustand durch die Welt stiefelte, mit Siebenmeilenstiefeln, um sich alles anzuschauen. Wir sind bei den Textarten. Es geht in dem Sinne nicht unbedingt um Lyrik, sondern es geht darum, zu erfragen, woran man einen lyrischen Text erkennt. Bevor ich jetzt zu den einzelnen Untertextarten komme, die also alle der Lyrik subsumiert werden können, wollen wir erst einmal kurz erklären, was denn einen lyrischen Text unbedingt kennzeichnen muss. Hütet euch davor, den Reim als ein Kennzeichen des lyrischen Textes anzunehmen und jeder Text, der sich reimt, ist also automatisch ein lyrischer Text. Das ist nicht zwangsläufig so. Wichtiger sind andere Kriterien. Bleiben wir doch mal dabei: Kennzeichen genannt oder Kriterium. Der Vers ist wohl das Wichtigste, der Vers und der Klang. Was ist ein Vers? Ein Vers ist die Einheit eines lyrischen Textes. Eigentlich eine Sinneinheit, die auf einer Zeile im Buch steht. Sozusagen eine gedankliche Einheit für denjenigen, der diesen Text vorträgt oder vortragen soll. Oft genug allerdings, und das ist ein Kennzeichen der Lyrik, wird dieses Formdiktat gebrochen. Also, ihr werdet kaum einen Dichter kennenlernen, der es schafft, wirklich jeden Gedanken, den er hat, auf einen Vers zu bringen. Es wird der Vers ständig gebrochen, es geht dann in den nächsten Vers über. Enjambement nennt man das in der Fachsprache. Wichtig jedoch ist, in der Lyrik werden immer Verse geschrieben. Es wird nicht groß und am Ende dann Punkt, nein, das ist nicht entscheidend. Das gibt es auch, aber entscheidend ist, dass der Dichter einen Gedanken in irgendeiner abgeschlossenen Form auf einen Vers bringt, auf eine Zeile bringt und das nennt man dann einen Vers. Klang ist genauso wichtig. Gedichte klingen, es müssen nicht Reime sein, d.h. am Ende klingt etwas gleich, nichts anderes ist ein Reim, mein und dein, fein und sein, Maus und Haus, Klassiker, haben wir dann immer den gleichen Vokal am Ende, der uns dazu führt, das Ganze gleich klingen zu lassen. Nein, es gibt ja auch die sogenannten Konsonanten, die am Anfang klingen können. Dein dusseliger Daddy. Da reimt sich am Ende nichts, der Klang allerdings am Anfang, ddd. Ein sogenannter Stabreim. Der Klang ist entscheidend. Mit Stabreim fing alles an. Nicht die Reime am Ende, sondern der Reim am Anfang mit den Konsonanten, nicht mit dem Vokal. Klang.

Nächster Punkt. Individueller Ausdruck. Jedes Gedicht ist dann ein Gedicht, ein wirkliches Gedicht, ein besonders gutes Gedicht, ein Gedicht, das den Namen auch verdient, wenn der lyrische Sprecher, das lyrische Ich oder Majestades Porades, das lyrische Wir zu einer individuellen Ausdrucksform gelangt ist. Wer jetzt zum 65. mal ein Gedicht mit Herz und Schmerz reimt, der wird also sofort von mir der Endindividualisierung anheim befohlen. Individueller Ausdruck heißt, dass man eben neue Wege geht, auch in der Sprache. Und das ist das Problem in der heutigen Zeit, es ist quasi alles gesagt und deswegen wird es immer schwieriger, einen individuellen Ausdruck in die Gedichte hineinzubringen.

Rhythmus, Metrum und Strophik sind weitere Kriterien, die also das Gedicht kennzeichnen. Rhythmus heißt, dass also ein Gedicht dädümdädümdädümdüdädümdädümdädümdö, dass man also in der Sprache selbst so einen Rhythmus mitbekommen kann. Der kann gebrochen sein, ich habs gerade vorgemacht, dädümdädümdädümdüdädümdädümdädümdö, das ist nicht gleichförmig, dädödädödädö. Es gab Zeiten, in denen das Gleichförmige bettnässerisch, in Peter-Hans-Sax-Dichtung, also immer saß einer vorne und hat immer den Rhythmus vorgegeben, und jeder, der dort in dieser Meisterschule Meister werden wollte, der musste genau diesen Rhythmus einhalten. Es hat seine Vorteile, ist aber natürlich sehr einschläfernd. Heute dagegen neigen wir dazu, das alles zu synkopieren und ein tsadadaperabada, dass wir also dann nicht einschlafen, dass der Wechsel da ist.

Metrum. Vier Versfüße gibt es. Meter, immer ein Schritt. Ponchos, Daktylus, Anapäst und Jambus, das sind die Vier, die wir kennen. Die möchte ich jetzt im Einzelnen nicht erklären. Ein Gedicht sollte sie beinhalten, wird sie in der Regel auch beinhalten, weil selbst wenn ich einen Text habe, wie "Ich geh jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald", dann ist das immer auch noch ein bestimmtes Metrum, das ich analysieren kann.

Und Strophik, auch ein Kennzeichen selbst moderner Gedichte. Einheiten, Verse werden zu größeren Sinneinheiten zusammengefasst. Das Klassische ist dann vier Verse, eine Strophe, nächste vier Verse, 2. Strophe und dann 2x3 für Sonett, zack, dann haben wir also auch 2x2 und 2x3 für zehn Verse insgesamt, um das Metrum des Sonetts zu erfüllen. Das nennt man dann Strophik.

Das alles zusammen sind Kriterien, die also ausschlaggebend sind, damit wir einen Text, den wir vor unserer Nase liegen haben, als einen Lyrischen bezeichnen können. Und welche es jetzt im Einzelnen gibt, welche Klein- und welche Großformen der Lyrik, das wollen wir uns dann im Weiteren anschauen.

So, nachdem wir also jetzt geklärt haben, was alles formal dazugehört, damit wir von einem lyrischen Text sprechen können, wollen wir jetzt die eigentliche Arbeit aufnehmen und uns anschauen, welche Textarten es in Bezug auf Lyrik gibt. Man kann diese Gruppe grob in zwei Teile einteilen, diese beiden Textarten. Und zwar entweder in lyrische Kleinform oder in lyrische Großform. Lyrische Kleinform lernt man dann schon ab der 5./6. Klasse kennen, in Form von Haikus oder Limericks oder das berühmte Elfchen, das sogar eine grafische Form des auf dem Kopf stehenden Dreiecks besitzen muss. 4+3+2+1 Zeichen und dann also nochmal das entscheidende 11. Das sind also die Elfchen, die aber ansonsten keinem anderen Muster genügen müssen. Ein Reim oder dergleichen Dinge spielen hier keine Rolle. Dann haben wir Alltagslyrik oder konkrete Poesie. Alltagslyrik ist also das, was in Zeiten der Postmoderne besonders wichtig wurde, die Wahrnehmung des Alltags in Form einer poetischen Sprache, einer Alltagslyrik eben, dass also Dinge nicht der Größe, des Ewigen, des Besonderen, der Klassik also hauptsächlich, thematisiert wurde. Im Mittelpunkt stehen, sondern mehr die Dinge des Alltäglichen. Einkaufen gehen, Eheprobleme, heranwachsende Kinder, finanzielle Sorgen, usw. Dass das hier also im thematischen Widerspiegelung findet und gleichzeitig also auch dann Niederschlag in der Form findet, dass also dann auch auf diese klassischen Formmuster verzichtet wird und stattdessen, sagen wir mal, eine Alltagssprache Einzug in die Lyrik findet.

Konkrete Poesie, das Ganze dann eben auch noch zugespitzter, dass dann eben auch bestimmte Begriffe im Mittelpunkt stehen, die, sagen wir mal, die Form aufsprengen und sozusagen in der lyrischen Wahrnehmung des Ichs eine besondere Bedeutung und Funktion genießen.

Und schließlich die Großform, die es also hauptsächlich in der klassischen Zeit unserer Literatur gab. Die Ballade, wir erinnern uns an das Balladenjahr, Goethe und Schiller. Im dem also Ereignisse, historische Ereignisse oder besondere Ereignisse die Schicksale prägten oder aufs Augenscheinlichste die Bedeutung des Ichs in der Welt thematisieren, in Form einer abgeschlossenen Geschichte, also darstellen. Das sind Balladen, meist sogar mit der Moral von der Geschichte, aber auf die kann auch verzichtet werden.

Dann haben wir Sonette, uralte Form des Gedichts, besonders zu Shakespeares Zeiten, aber eben auch im Barockzeitalter in Deutschland, waren Sonette besonders gern benutzte Formen. Das Sonett ist knallhart vorgegeben mit vier Versen in der ersten Strophe, mit Vier in der zweiten, mit 2x3 in der dritten und vierten oder 1x6, sodass man also insgesamt auf 14 Verse kommt und das muss eben eingehalten werden, auch mit einem bestimmten Reimmuster und mit einer bestimmten Hebungsanzahl, Alexandrinum in der Form nach meistens, sodass also das Sonett eine gute Möglichkeit war, alle Inhalte in eine vorgegebene Gussform hineinzubringen. In unserer Zeit, eigentlich auch schon wieder 50-60 Jahre her, hat Berthold Brecht, dann noch mal Sonette geschrieben. Letztendlich ist das aber eine Form, die heutzutage gar nicht mehr benutzt wird.

Hymnen und Oden. Hymnen, der eher mit Reim behafteten Großform. Anspruch eines Dichters, große und erhabene Dinge zu besprechen, die Nation, die Liebe, die Freude, die Ode an die Freude, ja von Schiller. Eine Ode muss sich nicht reimen, eine Hymne reimt sich in der Regel immer. Großformen, die also große Dinge thematisieren.

Ja, das also zu den Textarten der Literatur, Abschnitt Lyrik.

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15 Kommentare
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    Super Video

    Von Moritz Und Tim B., vor etwa 12 Stunden
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    Bei mir ist es leider etwas zu leise kann fast nichts hören. :-(

    Von Nadja Moeller, vor 11 Tagen
  3. Rene redaktion

    Liebe Andrea,

    unsere aktuelleren Videos werden in einer anderen Produktionsweise hergestellt, bei der die Tutoren nicht mehr im Vordergrund stehen.

    Beste Grüße
    Ihre Redaktion

    Von René Perfölz, vor 6 Monaten
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    Hallo, ich finde,dass der Sprecher und die Mimik im Bild zu sehr vom Wesentlichen ablenkt. Man ist kaum in der Lage, sich auf das Wichtige zu konzentrieren.
    Das nur als kleine Anregung...
    VG

    Von Andrea Juette, vor 7 Monaten
  5. Rene redaktion

    Liebe Mira,

    das Versmaß/Metrum im einem (deutschen) Vers ergibt sich aus der Aneinanderreihung der natürlichen Wortakzente und damit aus dem regelmäßigen Wechsel von betonten und unbetonten Silben. Obwohl du die Wortakzente auch in der gesprochenen Alltagssprache wiederfindest, musst du sie aber vom Vers unterscheiden, weil jener nach bestimmten Regeln strukturiert ist. In der Alltagssprache hast du zudem auch einen Satzakzent, dass heißt neben den Wortakzenten (Betonung im Wort) findest du ein besonders betontes Wort im Satz (Betonung im Satz).

    Zur Übung könntest du verschiedene Gedichte mit unterschiedlichem Versmaß lesen, vielleicht kann dir dein Lehrer/deine Lehrerin ein paar Beispiele geben. Du musst sie dazu nicht laut lesen, sondern kannst sie innerlich mitsprechen. Vielleicht hilft dir auch ein Vergleich mit Rapmusik, also ein bestimmter Hintergrundbeat, der das Sprechen begleitet (Dieser orientiert sich aber an den natürlichen Wortakzenten, das heißt für einen regelmäßigen Rap müsstest du passende Wörter aneinanderreihen).

    Ich hoffe, das konnte dir ein wenig weiterhelfen.

    Beste Grüße
    Die Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor mehr als einem Jahr
  1. Chaosbewaeltiger

    das mit den konjunktionen, die unbetont sein sollen, vergiß schnell wieder! halte dich an die semantik, die hilft Dir da eher. frage Dich also, wo die bedeutung des wortes liegt. da kannst Du in jedem fall einen akzent setzen. da ZWEI akzente nur in den seltensten fällen aufeinander folgen, hast Du schon einmal eine basis fürs metrum.

    ABER wird immer trochäisch sein, weil das A hier den negationspart ausmacht, der den sinn des darauffolgenden nachstellt. der franzose würde aBÄHR sagen, ich übertreibe mal, aber wir sagen Abr - das E verschlucken wir sogar.
    DENNOCH ist auch trochäisch. meist, denn DENN ist der sinnträger in dieser zusammenrückung.
    SOWOHL ist jambisch, weil es aufs WOHL ankommt.
    wenn du sagst: "ich fühle mich so wohl.", dann hast Du zwei hebungen, mußt also eine Sprechpause zwischen SO und WOHL einlegen, damit es verstanden wird.

    laufen, spingen, hineingeraten...
    '- '- -'-'-

    das -en ist immer unbetont. hin- und her- sind präfixe, die unbetont bleiben, weil der sinnträger erst folgt. GE- ist immer unbetont, weil präfix und der sinnträger folgt.

    Von Robert Knorr, vor mehr als einem Jahr
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    außerdem kann ich ja nicht in einer Klausur anfangen laut zu lesen..es muss doch eine Möglichkeit geben das Metrum sicher und ohne laut und nach "Gefühl" zu lesen zu bestimmen!

    Von Mira E, vor mehr als einem Jahr
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    Ich verstehe nicht wie man ein Metrum bestimmt. Ich habe versucht Gedichte beim Lesen verschieden zu betonen bzw. die Silben aber ich kann nicht zwischen betonte und unbetonte Silben unterscheiden (ich habe so getan als wäre das Gedicht jambisch und anschließend so getan als wäre das Metrum ein Trochäus usw. -um zu herauszuhören welches Metrum das vorhandene ist) . Das Problem ist, dass ich das nicht heraushöre was das richtige Metrum ist ! Ich komme nur durcheinander ...gibt es einen Trick wie man das lernen kann ? ( ich habe mal gehört, dass der Wortstamm immer betont ist und z.B. Konjunktionen unbetont sind..aber ich habe das nur irgendwo aufgeschnappt)

    Von Mira E, vor mehr als einem Jahr
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    Bitte einbisschen Lauter sprechen nicht Laut Leise Laut Leise . NAJA :(

    Von Hoffmann Wp, vor fast 2 Jahren
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    Gut. Hab alles verstanden.:-)

    Von Antoni29, vor fast 3 Jahren
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    Wieso kann ich das Video nicht komplett ansehen?!

    Von Nadja Sophia92, vor mehr als 3 Jahren
  7. Chaosbewaeltiger

    wenn du fragen hast, stell sie nur. ich bin bis zwei inhäusig und kann sie dir vielleicht beantworten. ich schlage dir vor, daß du ne sammelanfrage machst, dann arbeite ich die fragen systematisch ab. falls du es selbst stemmen willst (abschluß), nur zu! ich wünsche dir viel erfolg.

    Von Robert Knorr, vor mehr als 4 Jahren
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    Die Beispiele für Elfchen habe ich schon gefunden. Nur Sie sagen im Video, dass diese die grafische Form eines ... Dreiecks haben müssen, und die habe ich nicht gefunden.
    Sie sind wirklich eine große Hilfe für mich, denn als Fernschüler, der sein Abi per Lehrhefte macht, ist das hier immer eine super Sache, mal vom sturen Lesen, Lesen wegzukommen und es auch mal zu hören und zu sehen. Danke noch einmal für Ihre Antworten. Kann aber nicht versprechen, dass noch mehr Fragen kommen, da ich gerade hier den Abikurs Bayern durcharbeite.

    Von Murks, vor mehr als 4 Jahren
  9. Chaosbewaeltiger

    elfchen. beispiele dürftest du in jedem literaturforum finden.
    vierzehner bezieht sich auf die versanzahl. es gibt zwei grundlegende aufteilungen für die verse bei den strophen beim sonett: 4-4-3-3 oder 4-4-6. die 4-4-6 ist die eigentliche grundform (thesis-antithesis-synthesis) und gilt als die höchste form des lyrisierens. wer als dichter etwas leisten wollte, der versuchte sich an einem sonettkranz.

    Von Robert Knorr, vor mehr als 4 Jahren
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    Hallo,
    ich habe mal im Internet nach verschiedenen Beispielen für ein Elfechen gesucht, aber nie eines gefunden, das die Form eines auf dem Kopf stehenden Dreiecks gehabt hätte. Meist stand in der "Beschreibung", dass dieses Gedicht aus 11 Wörtern besteht und die Anzahl für die Reihen vorgeschrieben sei? Nun bin ich doch etwas ratlos...
    Dann noch eine Frage: Was meinen Sie denn mit der Einhaltung der Vierzehnerregel? Das sagen sie bei der Erklärung des Metrums. Gilt diese Regel nicht nur immer für das Sonett, wenn es auf Verse bezogen ist?
    Für Ihre Antwort schon jetzt vielen Dank!

    Von Murks, vor mehr als 4 Jahren
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