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Transkript „Mario und der Zauberer“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Mann)

Einleitung

“(...) “Mario und der Zauberer” ist eine sehr spannende Sommernovelle, von jungen Damen auf dem Strande zu lesen. Aber auch Ministerpräsidenten sollten sie in den Ferienkoffer packen”. Das schrieb Stefan Großmann 1930 über Thomas Mann`s Erzählung “Mario und der Zauberer”.

Was soll das heißen? Handelt es sich bei der Novelle jetzt um eine seichte Urlaubslektüre oder um ein politisches Werk?

"Mario und der Zauberer" - nur ein biographische Reisebericht?

Zugegeben, Thomas Manns berühmte Erzählung kann leicht als biographischer Reisebericht verstanden werden - und wurde es auch.

Eigentlich beschreibt gerade die Einleitung die sich steigernde nationalistische Stimmung im Lande. Diese richtet sich gegen den Erzähler und seine Familie als Touristen bzw. Ausländer. Es ist daher gerade die politisch brisante Situation, in die der Leser eingeführt wird.

Gesellschaftsrelevante Botschaft der Novelle

Die meisten Kritiker erkannten, was Thomas Mann hier eigentlich erzählt: “Es ist die Luft des faschistischen Italiens! Alles ist geschwängert von posierender Großartigkeit, nationalistischer Unduldsamkeit und einer tyrannischen Gewalttätigkeit...”

Die gesellschaftsrelevante Botschaft der Erzählung hüllt sich also n u r in das Gewand eines fast beiläufig wirkenden privaten Reiseberichts. Dass der Wesenskern der Erzählung weit über das Private hinaus geht, zeigt sich im Augenblick des Schusses.

Die nationalistische Überheblichkeit und die fremdenfeindliche Stimmung im damaligen Italien finden sowohl im Hotel als auch am Strand statt. Dadurch verschwindet die übliche Trennung zwischen Alltag und Freizeit, zwischen Öffentlichkeit und Privatleben.

Die faschistische Stimmung wird vom Erzähler als “Ortsdämon” bezeichnet. Anfangs durch den Hotedirektor, durch Fuggièro und den prüden Herrn verkörpert, steigert er sich ins beinahe Teuflische in der Person des Selbstdarstellers Cippola. Der ist für den Erzähler die “Personifizierung der Atmosphäre”.

Obwohl die Zuschauer Cippola nicht leiden können, verfallen sie seiner bannenden Macht.

Modellcharakter der Novelle

Im zweiten Teil hat die Novelle somit Modellcharakter: Sie zeigt Entstehen, Sieg und Sturz von autoritärer Gewaltherrschaft. Cippola tut im Kleinen, was die politischen Machthaben im Großen tun.

Er benutzt die Unterwerfungstechniken eines Diktators. Er entmündigt. Seine rhethorischen Fähigkeiten lassen Parallelen zu Mussolini und später auch Hitler ziehen.

Die Widerstandskraft der Menschen im Publikum ist unterschiedlich groß, jedoch immer vergeblich. “Eine Sache nicht tun wollen, das ist auf Dauer kein Lebensinhalt”, schließt der Erzähler. Auf die politische Ebene übertragen bedeutet dies, dass das italienische Bürgertum dieser Zeit von den Werten, die es zu verteidigen galt, nicht mehr überzeugt war. Deshalb unterwarf es sich dem “Duce”, dem Führer, wie später in Deutschland.

So verlässt sogar der Erzähler seine kritische Ausgangshaltung gegenüber Cippola nach und nach. Cippola erreicht ein totalitäres Regime im Saal, nämlich die vollständige Erfassung und Gleichschaltung aller Mitglieder der Gesellschaft.

Bei Mario allerdings überschreitet Cippola eine Grenze zur Intimsphäre: Seine Tat ist somit eine private Rache. Andererseits die letzte Lösung, sich eines Diktators zu entledigen: Tyrannenmord.

Der Mord ist übrigens “eine sich ereignete unerhörte Begebenheit” - laut Goethe die Hauptcharaktereigenschaft einer Novelle. Deren Handlung entwickelt sich gradlinig auf einen zentralen Konflikt, auf eine Katastrophe hin. Durch dieses Ende hat die Novelle auch eine für die Gattung typische formale Geschlossenheit.

Sprache und Erzählweise

Eine für Novellen typische Erzählperspektive gibt es nicht. In “Mario und der Zauberer” hat der Ich-Erzähler lange Passagen einen sprachlichen Bezug zur Familie, spricht von “wir”. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl grenzt von der feindseligen Umwelt ab. Außerdem bekommen seine Äußerungen dadurch eine Allgemeingültigkeit.

Der Erzähler schlägt den Ton eines vertrauten Freundes an, als würde der Leser seine Familie kennen. Das rückt das Ereignis in den Vordergrund. Der Leser wird zudem angesprochen, mit einbezogen und nach seinem Urteil gefragt - so kann er sich mit dem Erzähler identifizieren.

Der zeitliche Abstand macht hier auch die veränderte Wahrnehmung des Ich-Erzählers aus. Er versucht, sich im Nachhinein für sein Verhalten zu rechtfertigen oder es selbst zu verstehen, lässt durchblicken, dass wohl jeder sich so verhalten hätte.

Spannung erreicht der Erzähler dadurch, dass er die kommende “unerhörte Begebenheit” immer wieder andeutet. Während der Zauberveranstaltung unterbricht er immer wieder durch Reflexionen - genauso wie Cippola seine Kunststücke.

Ist das erste Drittel eher ein raffender Erzählbericht, wird der Cippola-Teil szenisch dargestellt. Aus erzählten Tagen werden Stunden werden Minuten. Im Kußmoment Mario-Cippola wird die Zeit sogar quasi angehalten bzw. gedehnt.

Zusammenfassung

“Das jähe Ende, es kann kein anderes geben, bestärkt den nachgenießenden Leser in dem Wissen, dass man als Erzähler immer auch Politiker ist.”

Die Erzählung ”Mario und der Zauberer” ist eine politische Dichtung. Sie thematisiert eine Problematik, die von entscheidender Bedeutung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts war - und uns noch heute beschäftigt: die Verführbarkeit der Menschen.

So ist die Novelle ein Gleichnis für die andauernde Gefährdung des Menschen und der Gesellschaft.

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