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Transkript „Mario und der Zauberer“ – Entstehungsgeschichte (Mann)

Reiseerlebnis wird zum tragischen Reiseerlebnis

Der Dichter Thomas Mann erzählt seinen Kindern, die nicht mit in den Ferien waren, von einer Zauberveranstaltung: Der Kellner hätte unter Hypnose den Zauberkünstler geküsst und sei danach beschämt weggerannt.

Am nächsten Tag hätte er die Familie Mann aber wieder vergnügt bedient und sei voll sachlicher Anerkennung für die Arbeit des Zauberers gewesen.

Da sagt die älteste Tochter des Dichters: “Also, ich hätte mich nicht gewundert, wenn er ihn niedergeschossen hätte.” Damit meint sie Mario und den Zauberer. Thomas Mann geht dieser Einwand nicht mehr aus dem Kopf.

So entsteht aus einem Reiseerlebnis überhaupt erst ein “tragische Reiseerlebnis”. Es ist also eher einem zufälligen Impuls zu verdanken, dass der erlebte Stoff zu einer Novelle wurde, dazu einer der bekanntesten Thomas Manns.

Nette Urlaubsanekdote wird eine politische Novelle

Tatsächlich erlebt haben die Manns also geschilderte Ferien in Italien. Vom 31. August bis 13. September 1926 verbrachten Thomas und Katja Mann mit ihren beiden jüngsten Kindern Elisabeth und Michael die Ferien in Forte dei Marmi, einem nicht sonderlich bedeutenden Badeort in Mittelitalien, Provinz Lucca.

Die Familie hatte Erholung nötig, allerdings war Ruhe und Ausgeglichenheit erstmal nicht zu finden. Denn die Zustände im Hotel waren mangelhaft: schlechtes Essen, unfreundlicher Service, ungleiche Behandlung der Gäste. Thomas und Katja Mann beschließen, das Hotel zu wechseln und kommen in der Pension Regina unter, die sie “viel sympathischer” finden.

In einem Brief an Hugo von Hofmannsthal schreibt Thomas Mann während des Urlaubs: “An kleinen Widerwertigkeiten hat es anfangs auch nicht gefehlt, die mit dem derzeitigen unerfreulichen überspannten und fremdenfeindlichen nationalen Gemütszustand zusammenhingen. [Sie] belehrten [uns], dass man jetzt nicht guttut, einen Badeort in der rein italienischen Hochsaison aufzusuchen.”

Man könnte hier also fast den Eindruck bekommen, Thomas Mann schildert in der Novelle rein biographisch seine Urlaubserlebnisse, denn auch einen Hypnotiseur hat er in diesem Urlaub tatsächlich gesehen. Im wahren Leben hieß dieser Gabrielli. In der Novelle wird der Zauberkünstler jedoch Cippola genannt.

Dazu sagt Mann: “Der “Zauberkünstler” war da und benahm sich genau, wie ich es geschildert habe. Erfunden ist nur der [tragische] Ausgang”.

Wie bereits erfahren, hat der Kellner Mario den Zauberkünstler nicht erschossen, sondern am Tag darauf sogar dessen Arbeit gelobt. Die Idee des Tötens kam von Thomas Manns ältester Tochter.

Erst drei Jahre später, im Sommer 1929, brachte er die Novelle in wenigen Wochen zu Papier. Das geschah während eines Ferienaufenthaltes im Kurhaus des Ostseebades Rauschen auf Samland und wieder waren die beiden jüngsten Kinder dabei.

Er begann die Eindrücke von 1926 zur Geschichte von Mario, dem Kellner und Cippola, dem Hypnotiseur, nieder zu schreiben - zunächst im Hotelzimmer, bald auch am Strand.

So “dramatisiert” Thomas Mann seine Urlaubsgeschichte zu einem tragischen Erlebnis, zu einer Erzählung voller Symbole und Anspielungen auf das frühfaschistische Italien und die Vorausahnung der Diktatur. Aus einer netten Urlaubsanekdote wird eine politische Novelle.

In Italien ist der Faschismus bereits seit 1922 an der Macht. Ministerpräsident Mussolini lässt sich jetzt offiziell als “Duce” also Führer titulieren und stattet sich 1926 mit diktatorischen Vollmachten aus.

Zusammenfassung

Aus einem privaten Reiseerlebnis hat Thomas Mann eine dramatische und politische Erzählung gemacht - durch die Bemerkung seiner Tochter.

“Mario und der Zauberer” zeigt, wie die nationalistische Stimmung bereits während Thomas Manns Urlaubs Jahre zuvor in Italien spürbar ist.

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