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Transkript Lyrik der Gegenwart

Lyrik der Gegenwart? Geht es dabei nur um Gedichte, die gerade jetzt entstehen? Und haben diese Gedichte alle gemeinsame Merkmale? Die Antworten auf diese und weitere Fragen findest du in diesem Video. Fangen wir gleich mit einem Beispiel an.

Häng deine Hoffnung an ein Plastikschwein made in Taiwan
Häng deine Hoffnung an ein Pflasterstein und andern Kleinkram
Zur Show gibt es Kitsch
Zum Popstar das Image
Zur Schönheit die Bräunung
Zum Glück gibt's die Täuschung

Also:

Dran glauben!
Kram kaufen!
Augen schließen!
Den Schwindel genießen!

Poetry-Slam Gedichte

Die Strophe dieses Gedichts klingt ein bisschen wie ein Rap. Kein Wunder, “Dran glauben” von Bas Böttcher ist für Poetry-Slams, also Dichterwettstreite, geschrieben, für den mündlichen Vortrag. Welche Merkmale fallen noch auf? Vor allem der Rhythmus. Er entsteht aus Wiederholungen ähnlicher Wörter und Sätze. Der Text bekommt beim Sprechen einen melodischen Redefluss, wie beim Sprechgesang.

Merkmale moderner Lyrik

Die Reime sind oft unrein, viele Wörter haben eher einen ähnlichen Klang. Der Dichter verwendet Umgangssprache. Thema ist die Konsumkritik, der Zeitgeist sowie das unübersichtliche Leben durch die Globalisierung. Diese Form der gegenwärtigen Lyrik enthält meist eine Message, also eine Aussage. Bas Böttcher will uns sagen: Materielle Dinge, scheinbare Schönheit und Erfolg bedeuten nicht Glück und geben keinen Halt.

Merkmale traditioneller Lyrik

Damit haben wir schon einige Merkmale moderner Lyrik genannt. Aber gehen wir nochmal einen Schritt zurück - zur traditionellen Lyrik. Traditionelle Lyrik zeichnet sich vor allem aus durch: Reime, feste Strophenformen mit bestimmtem Metren, bildhafte Sprache, also Metaphern, Gleichnisse, Symbole, aber auch durch gehobene Sprache. Diese Merkmale sind in der modernen Lyrik seltener zu finden oder zumindest teilweise gebrochen.

Für die moderne Lyrik bedeutet das also: den häufigen Verzicht auf Reime und festgelegte Strophenformen. Rhythmus wird nicht durch ein bestimmtes Metrum erzeugt. Es wird eher Umgangssprache, Fachsprache oder Alltagssprache verwendet. In den Versen und Strophen finden sich Satzbrüche und Zeilenbrüche nicht nach grammatikalischem sondern nach gewolltem Sinn.

Mehrdeutigkeit in Gedichten

Es gibt häufig nur Wortgruppen und Ausdrücke statt Haupt- und Nebensätzen. Die Regeln der Zeichensetzung werden missachtet. Typisch ist verknappte, originelle Sprache: kühne Metaphern, Chiffren, Schlüsselwörter sowie die Verbindung paradoxer Elemente. Wichtig ist Mehrdeutigkeit statt Eindeutigkeit.

Themen der gegenwärtigen Lyrik

Wodurch zeichnet sich die gegenwärtige Lyrik thematisch aus? In der Alltagslyrik durch eine starke Subjektivität der Aussage, durch die Darstellung einer komplizierten, unpersönlichen Welt und durch den Ausdruck von Zukunftsangst. Die Liebeslyrik beleuchtet gerne die vielen Facetten des Liebesbegriffs, den realen Alltag einer Beziehung sowie Flüchtigkeit und Vergänglichkeit der Liebe.

Zuwendung zum eigenen Ich

Schauen wir uns nun die Entwicklung der Lyrik in den vergangenen Jahrzehnten an: Häufig werden Gedichte der 1970er Jahre noch zur Lyrik der Gegenwart gezählt. Hier kommt es zu einer Wende nach innen, einer Zuwendung zum eigenen Ich. Bei der sogenannten Neuen Subjektivität ist der Schreibprozess auf Selbsterfahrung ausgerichtet. Die Texte haben einen authentischen, direkten und einfachen Ton, sind gefühlsbetont, bekenntnishaft und tagebuchartig. Es geht um persönliche Träume und Probleme des Privatlebens.

Lyrik der 80er Jahre

Diesen begrenzten Erfahrungshorizont versuchte die Lyrik der 80er Jahre zu überwinden - ebenso die Trennung zwischen west- und ostdeutscher Literatur. Themen waren Fortschrittskepsis und Geschichtspessimismus. Durch die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann siedelten viele ostdeutsche Schriftsteller in die BRD über, beispielsweise Sarah Kirsch.

Sie ist eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen dieser Zeit. Ihre Gedichte haben meist eine offene Form, sie sind reimlos und haben kein Metrum. Dennoch ist ihr Rhythmus wichtig. Sie verwendet Zeilenumbrüche sowie Zeilensprünge und verbindet gern fachsprachliche oder altmodische Ausdrücke mit einem saloppen Ton - wie in ihrem Gedicht „Sonntag”:

Gedicht von Sarah Kirsch

Der Himmel wolkenbefahren an wenigen Sonneninseln bleibe ich hängen ich höre Den ganzen Tag Eric Clapton von meinen Untertänigen Recordern so ist mir tröstlich Trostlos zumute auf diesem verblichenen Planeten ich könnte glatt einen gefüllten Trommelsalutschußrevolver vergeuden an mir.

Helga M. Novaks Werke

Kirschs Dichterkollegin Helga M. Novak - teilte sich mit ihr das Geburts- und Sterbejahr. Auch ihr wurde wie vielen Schriftstellern die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt. Sie lebte in Berlin, Island, Jugoslawien und Frankfurt am Main. Die studierte Journalistin begann als Verfasserin von politisch geprägter Lyrik, prangerte die massiven Eingriffe des ostdeutschen Staates ins Privatleben an. Später ging sie zu realistischer Naturlyrik über.

Helga M. Novaks Lyrik ist formstreng, realitätshaltig, von klarer Sprache und großer Eindringlichkeit. “Solange noch Liebesbriefe eintreffen” heißt einer ihrer bekanntesten Gedichtbände. In den 90er Jahren erprobten viele Lyriker, zum Beispiel Ernst Jandl und Elfriede Jelinek, Sprachkritik, die Dekonstruktion von Sprachstrukturen und eine neue Sprachkunst.

In ihren Gedichten begegnen uns eine Abscheu vor allgemeingültigen Phrasen, Spaß an Wortneuschöpfungen und neue Sprach- und Denkräume. In Barbara Köhlers Gedicht “fermate” klingt das so:

Gedicht von Barbara Köhler

e i n h a l t e i n i n n e h a l t e n i n n e w e r d e n & n i c h t m e h r w e i t e r w i s s e n , w o l l e n i n a l l e s t i l l e f ä l l t d e r k l a n g d a s l o s g e l a s s e n e g e b ä r d e d e s e r i n n e r n s a u s b e r ü h r e n e n t s t e h n t ö n e s c h w i n g u n g e n g e s p a n n t e r s a i t e n b ö g e n h ä u t e – e i n k l a n g e i n v e r l o r n g e g e b e n e s.

Barbara Köhlers Gedichtbände “Deutsches Roulette” und “Blue Box” beinhalten zwar formal unterschiedliche Gedichte, lassen aber das Ich im sprachlichen Raum als übergeordnetes Thema erkennen. Auch die Gedichte von Durs Grünbein widmen sich dem modernen Ich. Frei von Illusionen und radikal begegnen sie beispielsweise der Großstadteinsamkeit.

Durs Grünbeins Schaffen

Im Gedicht „Farbenlehre” heißt es: Vom Fenster abgerutscht mit dem Schienbein aufgeschlagen am Gitterrand einer Hortensienrabatte sahst du zum erstenmal deinen Knochen bloßgelegt gelblichrot und wo kein Blut war elfenbeinweiß. So gesehen das weißt dumnun prägen sich Farben besonders fest ein.

Das Gedicht stammt aus dem Gedichtband „Grauzone morgens”. Außerdem sehr bekannt ist der Band „Schädelbasislektion” von 1991. Durs Grünbein wurde 1962 in der DDR geboren, also erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Dritten Reich. Somit ist er und seine Generation losgelöst vom Schatten der vVergangenheit**, was natürlich auch die lyrischen Werke prägt.

Auf Veränderungen der Nachwende-Zeit reagierten die Dichter oft mit Ironie und Sarkasmus. Die sogenannten Popliteraten wollten nicht mehr die Welt, in der sie lebten, verändern, sondern von ihr erzählen, den Zeitgeist einfangen: Film und Fernsehen, Medien, Musik, Lifestyle, Drogen, Reisen waren Bestandteil des Themenrepetoires.

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