Advent, Advent, 1 Monat weihnachtliche Laufzeit geschenkt.

Nicht bis zur Bescherung warten, Aktion nur gültig bis zum 18.12.2016!

Textversion des Videos

Transkript Lessings Weltanschauung

Guten Tag, liebe Lernende. In diesem Lehrvideo soll es uns um die weltanschaulichen Grundzüge der Lessingschen Weltwahrnehmung gehen. Was hat der gute Mann an Theologischem, Philosophischem, Politischem - in dieser Richtung - gedacht, zeit seines Lebens an Grundsätzen. Wie nahm Lessing die Welt wahr, wo liegen seine Stärken, wo liegen seine Schwächen? Bevor wir uns dann mit einzelnen Werken von Lessing beschäftigen wollen, also erst einmal etwas Grundsätzliches zur Lessingschen Weltauffassung. Lessing ist, wie viele deutsche Dichter und Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, ein Sohn aus protestantischem Elternhaus. Er war geboren 1729 in Kamenz zu Sachsen und starb 1781 in Wolfenbüttel in Niedersachsen, ist also quasi in einer Höhe geblieben, bloß ein paar Kilometer weiter nach Westen gewandert. Der gute Lessing, Gotthold Ephraim geheißen, Ephraim war damals ein Name, den relativ viele Pfarrerskinder bekamen, eine alttestamentarische Gestalt. Dieser Lessing kann als ein Determinist bezeichnet werden. Das bedeutet, er glaubte, dass die Welt in einem strikten Ursache-Folge-Verhältnis zu begreifen sei. Deterministen haben das große Problem, dass sie mit dem Begriff der Freiheit nicht sehr viel anfangen können. Streng genommen muss jeder Determinist den Begriff der Freiheit ablehnen. Er muss sagen, das gibt es nicht. Alles hat seine Ursache und daraus folgt dann eben immer die Wirkung. Die Welt als einen ewigen Ablauf von Ursache und Wirkung zu begreifen, ist natürlich relativ einfach. Das erspart uns viel Mühe, das erspart uns vor allen Dingen das Nachdenken und das spart uns vor allem das entscheiden müssen. Wer deterministisch durch die Welt geht, der kann sich letztendlich immer darauf berufen, dass er als kleinstes Rädchen in einem großen Getriebe missbraucht worden ist von den Umständen, das also immer irgendetwas dazu geführt hat, dass er so handelte, wie er eben handeln musste. Insofern ist Lessing also ein typisches Kind seiner Zeit, weil, nicht wenige in seinem Zeitalter - in der Mitte des 18. Jahrhunderts - waren deterministisch eingestellt. Denken wir da nur an Rousseaus Buch "Jacques der Fatalist und sein Herr", ein anderes Wort für Determinismus ist eben auch Fatalismus, dass man also glaubt, das Schicksal sei vorgegeben, und alles, was man tut ist letztendlich nur ein Teil des Gesamtprozesses, der sowieso für einen vorgesehen ist und man hat sowieso keine Möglichkeit, gegen diesen Gesamtprozess vorzugehen. Andererseits war Lessing aber auch Freimaurer, und das zeigt uns die ganze Antithetik, die in diesem Menschen steckt. Wir müssen also hier zwischen dem Deterministen und dem Freimaurer das kleine und-Zeichen einsetzen. Freimaurer zu sein bedeutete im 18. Jahrhundert nichts anderes, als dass man jedes Mittel einsetzt, um seine guten Zwecke zu erreichen. Also, dass man auch verschlungene Wege gehen muss, da die politische Situation so ist, dass der freie Wille des bürgerlichen, gutgläubigen Gutmenschen nicht in der bösen aristokratischen Welt zum Durchbruch kommen kann. Dummerweise waren die meisten Freimaurer allerdings Adlige, also, die waren nicht einmal Bürgerliche, aber entscheidend ist, dass dieser Begriff des Freimaurers und Lessing, dass da auch eine Kontradiktion Ajekto bestand, nämlich ein Widerspruch in sich selbst. Wer einen guten Zweck verfolgt und böse Mittel einsetzt, ist denn der besser? Heutzutage hören wir das auch ganz oft "Der Zweck heiligt die Mittel". Das ist genau der Unterschied zwischen dem deutschen Denken und dem westlichen Denken, dass eben die Deutschen gesagt haben, nein, der Zweck heiligt nicht die Mittel. Nur wer positive und gute Mittel einsetzt, der kann auch einen guten und positiven Zweck verfolgen. Es gibt da sozusagen eine Koinzidenz zwischen diesen beiden Dingen. Die fallen zusammen. Darum haben die Freimaurer im deutschen Raum auch nicht mehr die Bedeutung erlangt, die sie im englischen, französischen und amerikanischen Raum haben, bis in die heutige Zeit. Wir erinnern uns nur an diesen fürchterlichen Begriff der Kollateralschäden, wenn also davon gesprochen wird, na gut, da sind eben wieder 5000 Menschen umgekommen, aber wir haben ja 100000 befreit. Da muss man sich dann natürlich fragen, wozu befreit? Dass die dann wiederum 5000 umbringen, die ja nicht ihrer Meinung sind, oder wie? Also, was bedeutet  das jetzt: Kollateralschaden? Also, guter Zweck, schlechte Mittel - wir haben schlecht gespielt, ich habe in der 90. Minute den Elfmeter rausgeholt. War zwar unfair, aber wir haben das Ding gewonnen, egal. Viele jubeln, wir haben gewonnen, aber eigentlich hat das was mit dem Geist des Spiels zu tun? Also, man darf dann immer fragen: Heiligt der Zweck die Mittel?   Lessing hat also hier auch dazwischen gelebt, zwischen diesem Glauben, dass die Welt eingerichtet ist und einem guten Endzweck zustrebt, dass man aber auch gegebenenfalls Mittelchen im Untergrund, im Verborgenen einsetzen sollte um diesem Fortgang des Ganzen ein wenig auf die Sprünge zu helfen, also als Freimaurer war er da auch aktiv. Weiter geht es: Im psychologischen und philosophischen Sinne glaubte Lessing, dass das Intelligible, also das, was tief in uns west, dem Sittlichen vorgebaut sei und das daraus letztendlich eine Erziehung zum Besseren folgen müsse. Das war der entscheidende Grundgedanke, den Lessing hatte, also in uns selbst hat Gott die Möglichkeit angelegt, zum Guten und zum Sittlichen fähig zu sein, wir müssen das in uns nur entwickeln und daraus folgt natürlich auch die Notwendigkeit zu einer entsprechenden Erziehung und da setzt dann auch der Dichter und der Aufklärer, der Philosoph und der Bibliothekar ein, das zu leisten sei eben die Aufgabe, um die in den Menschen angelegten Intelligiblen, das heißt, auf dem Geist und auf Gottes Willen basierende Grundlagen, die eben zu einem sittlichen, das heißt zu einem positiven Bestandteil innerhalb der Gesellschaft und innerhalb der Kultur zu führen. Und das kann man also mithilfe einer vornehmlich christlichen, sittlich orientierten Erziehung, die diejenigen leisten, die dafür die besten Beweggründe und Voraussetzungen haben. Er hatte ein weltanschauliches Vorbild, merkwürdigerweise, den Katholiken Leibniz, der zwischen dem Glauben und dem Wissen ein Gleichheitszeichen setzte. Das ist heute auch sehr umstritten. Viele sagen: Glaube ist nicht Wissen. Lessing und Leibniz meinten, dass Glaube gleich Wissen sei. Ähnlich wie die Descartes'sche Formel Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich, ich glaube, also weiß ich, ich weiß zumindest, dass ich glaube. Also git es da in irgendeiner Weise eine Gleichheit. Die Glaubensgewissheit, wie wir sie ja auch heute noch kennen vom Wort her, ich weiß, dass ich ein gläubiger Mensch bin, ich weiß, dass Gott ein Auge auf mich geworfen hat, dass er bei mir ist, mich bewacht. In dem Moment, wo ich an Gott glaube und an das Gute glaube kann ich also selbst der Gewissheit sein, dass ich das weiß. Also da ist eine Form des Wissens da. Und da trafen sich der Katholik Leibniz, der Mann der Differenzialrechnung, der Mann der Infinitesimalrechnung und der Bibliothekar aus Wolfenbüttel, Lessing. Glauben und Wissen sind für sie also zwei Teile einer Muße, sie gehören unmittelbar zusammen. Und daraus ergab sich dann auch dieser theologische Umschwung zum Christentum, der mit Fortschritt gleichzusetzen war. Determinismus kann natürlich auch zum Negativen führen, man kann glauben, dass alles immer schlechter wird, alles wird immer schlimmer, alles wird immer mieser. Aber nein, bei Leibniz ist es anders, bei Lessing dementsprechend auch, da wurde nämlich das Christentum und der Fortschritt des Menschheitlichen auch in eine Einheit gesetzt. Christentum ist für die beiden Fortschritt, weil, Christentum bedeutet aktive Nächstenliebe. Und aktive Nächstenliebe kann nur dann vorgenommen werden, wenn das Sittliche in uns entwickelt worden ist. Gott hat in uns die Möglichkeit gesetzt, das Sittliche zu erfahren. Wir hatten dazu erzogen, das macht uns zu guten Christen und daraus wird dann der ganze Menschheitskomplex zum Fortschritt gebracht werden. So, aber was steht dagegen? Das Böse. Allen ist klar, dass das Böse in der Welt ist. Krankheit, Tod, Krieg, Umweltzerstörung und was nicht alles als Böses in der Welt wahrgenommen wird - wie löst jetzt Lessing dieses Problem? Er löst es ganz einfach, und das überrascht uns jetzt sehr. Er sagt nämlich, das Böse ist Teil Gottes. Und das ist ganz schwierig zu verstehen. Wie ist das gemeint, Teil Gottes? Ist Gott nicht der Allmächtige? Wie kann Gott es zulassen, dass das Böse, dass der Krieg und dass das Schreckliche in der Welt ist? Eine unvollstellbare Behauptung von Lessing und trotzdem gibt das Sinn, weil nämlich es nichts anderes bedeutet, als dass das Böse eine Aufgabe für uns Menschen ist, die wir das Intelligible in uns auch tragen, und Teil unserer Freiheit ist, mit dem Bösen selbst als Antriebsmoment umzugehen, und Gott, der nicht starr und festgefügt für alle Zeiten in einem Zustand verharrt, selbst durch uns zu entwickeln. Gott und Jesus Christus und der Heilige Geist ergeben für Lessing und auch für Leibniz, für alle Christen die sogenannte Dreieinigkeitslehre, sie sind Teil der Trinität, Teil und doch das Ganze. Vater, Sohn und Heiliger Geist werden letztendlich zum Fortschritt der Menschheit in einer Einigkeit aufgefasst, die Glauben und Wissen zusammendenkt und den Menschen dazu bringt, das Böse immer wieder neu in seinen verschiedenen Konfigurationen zu überwinden. Das ist die Aufgabe, die die Menschheit hat. Wohin das führt, das weiß Lessing nicht und dafür gibt er auch keinen Anlass, uns irgendwie ein Zeichen, dass wir wissen, wie er das nun meint. Es ist entscheidend, dass also dieser Prozess nicht aufhört, dass also Gott nicht ein Starres und Unbewegliches ist, wie viele Gott verstehen, sondern dass Gott selbst in einer Entwicklung ist, dass Gott selbst die Menschen dazu befähigt hat, sich zu entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Sie können den Weg gehen, den er ihnen sozusagen vorgegeben hat, indem sie die Welt völlig deterministisch betrachten und einfach nicht aus ihrer Haut herauskommen. Sie haben aber auch die Möglichkeit, das, was um sie herum passiert als Teil des Bösen selbst aufzufassen und tatkräftig zu überwinden. Das ist also Lessings Theologie und auch zugleich seine Philosophie, die wir in verschiedenen Werken, die Lessing schrieb, immer wieder finden in der einen oder anderen Form. Und zu diesen Werken kommen wir dann demnächst.                  

Informationen zum Video
4 Kommentare
  1. Chaosbewaeltiger

    moses mendelssohn war lessings bester kumpel. mit der figur des nathan schuf er ein literarisches abbild seines freundes. und ja, moses war jude. http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=moses_mendelsohn

    Von Robert Knorr, vor fast 3 Jahren
  2. Rtzdfhfgh

    Hey,
    vielleicht passt das hier nicht soooo ganz rein, aber ich denke hier stoße ich auf einen sehr kompetenten Ansprechpartner!
    Moses Mendelssohn, von seinem Vater ist nicht besonders viel bekannt.
    Kann man Mendelssohn als Jude bezeichnen? (Interessant für Lessings Entwicklung, sicherlich eine prägende Tatsache wenn...)
    Oder war Mendelssohn Halbjude oder gar nicht religiös?
    Liebe Grüße
    Lukas

    Von Luggiii, vor fast 3 Jahren
  3. Chaosbewaeltiger

    da habe ich jacques nun schon einige male im unterricht behandelt und weiß immer noch nicht, wer ihn schrieb. ich dummerle.
    natürlich schrieb der enzyklopädist diderot dieses wundervolle werk. danke für die korrektur.

    Von Robert Knorr, vor etwa 4 Jahren
  4. Default

    Sehr geehrter Herr Knorr,
    mir gefiel das Video recht gut.
    Allerdings ist mir eine kleine literarische Verwechslung aufgefallen:
    Sie sprachen im Video von Rousseaus Buch "Jacques der Fatalist und sein Herr". Der Autor dieses Romans war jedoch nicht Jean-Jacques Rousseau, sondern Denis Diderot. (Die waren zwar beide Schriftsteller und Philosophen im 18. Jh., aber das genannte Werk stammt trotzdem von Diderot.)

    Von Sofatutor@Crowdguru.De, vor etwa 4 Jahren