Video davor
Video danach
Textversion des Videos

Transkript Karoline von Günderrode – Leben und Werk

Karoline von Günderrode: Leben und Werk

Frauen als Schriftsteller? Das war für die Gesellschaft im 19. Jahrhundert nicht üblich! Mit Karoline von Günderrode begegnen wir einer mutigen, jungen Frau.

Sie wagt sich zunächst mit Hilfe eines Pseudonym an die literarische Öffentlichkeit. Es ist eine Zeit, in der die Literatur für weibliche Autoren noch weitgehend verschlossen bleibt. Karoline von Günderrode verarbeitet Themen wie die Existenz der Frau, Sehnsucht nach dem Tod und die unerfüllte Liebe literarisch.

Karoline von Günderrode wurde im Jahr 1780 geboren. Sie wuchs nach dem frühen Tod des Vaters bei der Mutter in Hanau auf. Mit 17 Jahren siedelte sie in ein evangelisches Damenstift in Frankfurt am Main über. Dort wurde Töchtern ehemals vermögender Familien ein standesgemäßer Aufenthalt geboten.

Ihr zurückgezogenes Leben ließ Günderrode Zeit für historische und philosophische Studien. Auch Naturwissenschaften und Mythologie interessierten sie. Schließlich versuchte sich die junge Frau an eigenen Poesien. Ihre ersten Gedichtbände veröffentlichte sie unter dem männlichen Pseudonym „Tian“: 1804 erschienen „Gedichte und Phantasien“. 1805 folgten „Poetische Fragmente“.

Die Titel lassen vermuten, dass Günderrode zur literarischen Romantik gehörte. Tatsächlich ist ihre Dichtung ohne das geistige Umfeld der Schlegels, des Tieck-, Novalis- und Brentano-Kreises undenkbar. Auch die Romantik war eine Reaktion auf emotionale und psychologische Defizite der Aufklärung – genauso wie bereits Empfindsamkeit und Sturm und Drang in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Statt einer Normierung durch Nützlichkeitsdenken, Ökonomie und Vernunft sollte Neugier und Phantasie wieder zu mehr Recht verholfen werden. Phantasien, Träume und unbewusste Äußerungen der menschlichen Seele interessierten romantische Autoren besonders.

Doch anders als ihre Vorgänger im 18. Jahrhundert glaubten sie nicht mehr an „Fürstenerziehung“. Sie hatten nicht mehr die Illusion, „volksnah“ im Interesse niederer Schichten zu wirken. Romantische Autoren sahen sich zwischen deutsche Kleinstaaterei und den französischen Machtanspruch Napoleons gestellt: „So fest umschlossen ringsum, bleibt uns nur übrig, den Blick hinaufzurichten zum Himmel oder brütend in uns selbst zu wenden“, schrieb Günderrode.

Thematisch umkreiste Günderrodes Dichtung Sinnfragen ihrer Existenz als Frau in ihrer Zeit. Damals gestand man nur Männern öffentliche Aktivität und tätiges Einwirken auf Zeitgeschehen, politisches Umfeld und Mitmenschen zu. Für Frauen war nach baldiger Heirat eine Rolle als Ehepartnerin, Mutter und Hausfrau vorgesehen. Für wissbegierige, begabte Mädchen war das kaum eine lohnende Zukunftsaussicht. So finden sich in Günderrodes Gedichten neben dem Wunsch nach bedeutsamen Taten ebenso Züge von Liebessehnsucht und Faszination vom Tod.

Für Karoline von Günderrode erfüllte sich der Traum von einer glücklichen Heirat nicht. Ihre Leidenschaft für Friedrich Carl von Savigny wurde von diesem nicht erwidert. Auch ihre spätere Bekanntschaft mit dem verheirateten Altertumswissenschaftler Friedrich Creuzer wurden von seiner Seite gelöst. Diese Enttäuschung endete für die Günderrode tödlich. Nach zweijähriger Liaison erhielt sie Creuzers Abschiedsbrief. Daraufhin erstach sie sich im Juli 1806 am Ufer des Rheins. Karoline von Günderrode wurde nur 26 Jahre alt.

Ihren dritten Gedichtband verfasste sie unter dem männlichen Pseudonym „Ion“. Er war Creuzer gewidmet und wurde diesem nach Günderrodes Tod zurückgezogen. Zeitzeugen beschreiben die Günderrode als schüchternes, freundliches und sanftes junges Stiftsfräulein.

Doch der tragische Ausgang einer unglücklichen Liebe war oft auch mitbedingt durch Mangel an lohnenden Lebensalternativen, an Sinngebung und Handlungsmöglichkeiten. Aus unerfüllter Liebe zu sterben wird dann zum Ausweg, wenn andere Lebenswege verstellt sind.

Am Beispiel des Lebenswegs von Karoline von Günderrode lassen sich übergreifende Zeitumstände nachzeichnen. Sie prägten Anfang des 19. Jahrhunderts die Wirkungsmöglichkeiten von Frauen aus begüterten Häusern: In freier Meinungsäußerung öffentlich wahrgenommen zu werden, war für Schriftstellerinnen geknüpft an die Zustimmung ihres Ehemannes. Andere weibliche Lebensentwürfe wurden nur selten öffentlich thematisiert.

Karoline von Günderrodes Ausdrucksform waren Gedichte, in denen sie sehnendes Gefühl, liebende Hingabe und Todesfaszination thematisierte. Sie äußerte aber auch den Wunsch, wie ihre Kollegen an der Umgestaltung des sozialen Umfeldes mitzuwirken.

Karoline von Günderrode hinterlässt uns ein schmales Gesamtwerk, jedoch die Möglichkeit der Identifikation für Schriftstellerinnen späterer Generationen.

Informationen zum Video