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Transkript „Jakob der Lügner“ – Personenkonstellation (Becker)

160 000 Menschen lebten zusammengepfercht im Ghetto von Lodz auf nur vier Quadratkilometern. Regeln und Bestimmungen entindividualisierten die im Schatten des Todes lebenden Menschen. Ab sofort waren sie eine scheinbar graue Masse ohne Persönlichkeiten. Jurek Becker gibt ein paar von ihnen ein Gesicht, einen Namen, einen Charakter - und eine Geschichte.

Der Erzähler

Diese Geschichte wird vom Erzähler geschildert. Er ist zwar Teil des Geschehens, wir erfahren aber wenig über sein erlebendes Ich. Denn er erzählt vor allem Jakobs Geschichte, die wiederum der selbst erzählt hat.

Immer wieder nennt der Erzähler seine Quellen, denn er hat diese Begebenheiten nun mal nicht selbst beobachtet. Er benutzt das Wir also vielmehr, um seine Zugehörigkeit zum Kollektiv der Opfer deutlich zu machen.

Allerdings teilt er einen entscheidenden Punkt des Schicksals seiner Leidensgenossen nicht: Er hat überlebt. Deshalb kann und muss er immer wieder von dieser Geschichte sprechen. Das Erzählen ist ihm ein inneres Bedürfnis, fast ein Zwang, er versucht dadurch zu bewältigen, was er erlebt hat und dass er es überlebt hat. Ob er Schuldgefühle deshalb hat, wird nicht klar.

Zumindes kann er nicht vergessen, deshalb ist er nach dem Ende des Krieges in “unser Ghetto” gefahren. Er hat Jakobs und Mischas Zimmer angesehen.

In seinem Ghetto hat es - im Gegensatz zu anderen Ghettos - keinen organisierten Widerstand gegeben. Er macht sich Vorwürfe, bis zum Ende keinen Beitrag zur eigenen Befreiung geleistet zu haben.

Der Erzähler ist “21” geboren und entscheidende Dinge in seiner Biographie hängen mit Bäumen zusammen: Aufgrund eines Sturzes vom Baum kann er seine Finger nicht mehr gut bewegen und musste das Geigenspiel aufgeben. Seine Frau starb unter einem Baum.

Näheren Kontakt zu Jakob bekommt der Erzähler erst über Lina im Waggon. Ausgerechnet ihm erzählt Jakob seine Geschichte. Ausgerechnet er überlebt.

Immer wieder betont der Erzähler, dass es sich um eine fiktionale Geschichte handelt, vor allem auch durch die zwei Enden. Als auktorialer, also allwissender Ich-Erzähler wendet er sich an Leser und Figuren. Häufig wechselt er in die personale Perspektive und schildert die Ereignisse aus der Sicht der Figuren, meistens aus Jakobs Sicht.

Jakob

Jakob ist die Zentralfigur des Romans. Durch einen Zufall wird der Kartoffelpuffer- und Eisverkäufer zum Helden - denn es ist reine Willkür, dass er das Revier wieder lebend verlässt.

Damit Jakob Mischa davon berichten kann, dass die Rote Armee sich nähert, erfindet er also den heimlichen Besitz eines Radios. Mit dieser Notlüge schafft es Jakob, Mischa von dem gefährlichen Vorhaben des Kartoffeldiebstahls abzuhalten - und gibt ihm Hoffnung. Plötzlich gibt es auch für Jakob ein “hinterher”, eine Zukunft. Mit seiner Lüge erzeugt Jakob Lebenswillen bei den Ghetto-Bewohnern: plötzlich wird wieder geheiratet, die Selbstmordziffern sinken.

Die eigentlich negativen Lügen wirkt sich also überraschenderweise positiv aus. Deshalb wird Jakob auch nicht “Jakob, der lügt” genannt, sondern “Jakob, der Lügner” - fast wie eine Auszeichnung.

Viele Ghettobewohner halten es aber für gefährlich, dass Jakob ein Radio versteckt. Dies lässt Jakob zweifeln. Aber Jakob merkt, dass Gewissensbisse keine Hilfe sind - also macht er seine Lüge zur Strategie: er setzt sie gezielt, geplant und im großen Stil ein. Als Kowalski sich umbringt, nachdem er erfahren hat, dass es kein Radio gibt, macht Jakob sich wieder Vorwürfe.

Diese Selbstzweifel machen einen Teil des Heldentums von Jakob aus: er ist menschlich, hat auch Angst, er ist kein Kerl wie ein Baum, er ist wie alle anderen. Heldenhaft ist auch, dass er es aushält, wegen des Besitzes des Radios teilweise angefeindet und isoliert zu werden.

Zudem zeichnen ihn weitere Qualitäten aus: Er ist mutig, fürsorglich, hilfsbereit. Er versteckt Lina, die sonst keine Überlebenschance im Ghetto hätte. Das bringt ihn selbst in Todesgefahr. Dennoch kümmert er sich liebevoll um sie wie um eine Tochter. Er fühlt sich verantwortlich für seine Mitmenschen- auch für Mischa - deshalb seine Lügen.

Schon vorher ist Jakob anscheinend ein “Seelentröster” gewesen, der ein bisschen überzeugender als andere “Kopf hoch” sagen konnte. Jakob ist zudem phantasievoll - und hat sich diese Phantasie trotz oder gerade wegen der schrecklichen Zeit bewahrt.

So schafft er einen wirklich magischen Moment, als er für Lina selbst zum Radio wird, Musik nachmacht und Märchen erzählt: er kreiert einen hellen Ort ohne Grenzen, mit Freude statt Angst. Gleichzeitig entlastet er sein Gewissen, denn Lina erkennt, dass es kein Radio gibt.

Jakob Heym ist zudem ein sogenannter sprechender Name. Heym kann in Anlehnung an die hebräische Lautung auch chaim geschrieben werden, was “Leben” heißt. Spricht man seinen Namen wie Heim aus, bedeutet das Geborgenheit, Sicherheit, Wärme und Vertrauen. In der Bibel ist Jakob der spätere Israel - sein Vorname steht also auch für Heimat und die Ankunft in der Gemeinschaft des jüdischen Kollektivs.

Kowalski

Ein Stück Heimat für Jakob ist auch Nachbar und Freund Kowalski, der Friseur. Die beiden kennen sich seit vierzig Jahren, die aber auch von kleinen Streits geprägt waren. Kowalski ist kein Heiliger, sondern ein Mensch mit Fehlern. Er wird als misstrauisch, ungeschickt, geschwätzig, neugierig und obergescheit bezeichnet - was im Nachhinein als liebenswert erscheint.

Als es drauf ankommt, rettet er Jakob das Leben. Das hätte der nicht von ihm erwartet. Auch nicht, dass Kowalski wohl gute Nachrichten mehr als andere gebraucht hat: Nachdem er erfährt, dass es das Radio nicht gibt, erhängt Kowalski sich.

Mischa und Rosa

Eine weitere Person aus Jakobs Umfeld ist Mischa. Von ihm hat der Erzähler ebenfalls Informationen bekommen. Dadurch, dass Jakob ihn vom Kartoffelstehlen abhalten möchte, entsteht überhaupt erst die erste Lüge.

Mischa profitiert doppelt davon: Er lässt von seinem gefährlichen Plan ab und er schöpft wieder Mut, hat Zukunftshoffnung. Dadurch hält er bei Rosas Eltern um deren Hand an. Nur der Verweis auf Jakob Heyms Radio lässt die Eltern zustimmen.

Mischa bedient sich ebenfalls einer Lüge im Kleinen: Er behauptet vor Rosa, sein Mitbewohner sei taubstumm. Eine Lüge, die Rosa aber einen schönen Moment bereitet.

An dem Paar Rosa und Mischa zeigt sich aber vor allem, dass Jakobs Lügen zwar Hoffnung geben, die Wirklichkeit aber unumgänglich weitergeht. Nachdem Mischa nur Rosa, aber nicht deren Eltern vor der Deportation retten kann, geht Rosas Unbefangenheit verloren. Sie zieht bei Mischa ein, macht aber keinen Hehl daraus, dass ihr klar ist, dass alle lügen und sich nichts ändern werde.

Das Ehepaar Frankfurter

Rosas Vater, Felix Frankfurter, lebt in seinen Erinnerungen: Als einst wenig erfolgreicher Schauspieler nimimt er den Künstler, spielt Normalität vor und raucht Meerschaumpfeife ohne Tabak. Der füllige Mann ist durch den Ghetto-Alltag mager geworden. Während er abgrundtief pessimistisch ist, hat sich seine Frau einen fast naiven Alltagsoptimismus zugelegt. Sie macht sich ernsthaft Gedanken, wie ein zukünftiges Kind von Rosa und Mischa heißen könnte.

Felix Frankfurter zweifelt keinen Moment daran, dass Jakob Heym ein Radio besitzt, denn er hat selbst eines im Keller versteckt. Zusammen mit seiner Frau zerstört er aus Angst das Radio - und damit die Quelle für wichtige Nachrichten. Herr Frankfurter ist somit eine Kontrastfigur zu Jakob, der durch erfundene Nachrichten den Menschen eine Zukunft gibt.

Herschel Schtamm

Auch Herschel Schtamm sieht in dem Radio eine Gefahr für die Ghettobewohner. Er ist ein streng gläubiger Jude und Diener der Synagoge. Aber er hält täglich mit Gott Zwiesprache und betreibt stillen Widerstand: seine Schäfchenlocken - ein Zeichen seiner Frömmigkeit - verbirgt er unter einer Mütze. Er versucht also, seine Würde und sein altes Leben beizubehalten.

Herschel Schramm nutzt dann aber die Nachrichten aus Jakobs Radio, um Eingeschlossenen in einem Waggon Hoffnung zu machen. Dadurch verliert er sein Leben. Für Jakob ein Schock - aber schließlich auch Anlass für den Entschluss, seine Lügen ab jetzt gezielt einzusetzen.

Zusammenfassung

Schon diese kleine Gruppe der hervorgehobenen Ghetto-Bewohner zeigt, wie vielfältig das jüdische Leben ist. Nur das Diktat der Rassentheorie hat sie als einheitliche Masse betrachtet oder durch den aufgenähten Stern dazu gemacht.

Die Gruppe der Täter bleibt im Roman eher konturlos. Lediglich die SS-Männer Preuß und Meyer sind etwas deutlicher gezeichnet. An Preuß macht der Erzähler zudem deutlich, wie Tätern in der Nazi-Zeit die Integration in die Nachkriegsgesellschaft gelingt. Der Lagerkommandant Hardloff taucht als Figur nicht auf.

Die Täter werden nicht dämonisiert: Sie betreiben ihr mörderisches Handwerk bedenkenlos , können aber auch verständnisvoll und großzügig sein. Sie vereinen Brutalität und menschliche Züge, rassistisches Gedankengut und förmliches Auftreten. Sie verbindet das Fehlen jeglicher moralischer Skrupel. So sehr das Leben im Ghetto geregelt ist, so willkürlich handeln die “Peiniger”.

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