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Transkript „Jakob der Lügner“ – Entstehungsgeschichte (Becker)

Der Held im Ghetto

“Ich habe im Ghetto Lodz einen Mann gekannt, der ein großer Held gewesen ist”, erzählt Vater Becker seinem Sohn Jurek.

“Er hat ein Radio versteckt, was bei Todesstrafe verboten war. Er hat mit diesem Gerät Radio Moskau und Radio London gehört und gute Nachrichten bei den anderen verbreitet und somit quasi Hoffnung. Eines Tages ist das der Gestapo zu Ohren gekommen (...), und dieser Mann ist verhaftet und erschossen worden.”

“Schreib über ihn, setze ihm ein Denkmal”, fordert der Vater. “Dieser Mann war ein Held!”

Der Held wird zum Anti-Helden im Roman

Der Mitte-Zwanzig-jährige Jurek Becker findet auch, dass dieser Mann ein Held ist. Aber er hat keine Lust, über ihn zu schreiben. Denn fast immer, wenn er etwas über diese Zeit las, war von diesem Mann die Rede.

Jurek Becker scheint es unergiebig, nochmals “über solche Menschen und über solche bewundernswerten Helden” zu schreiben. Er vergisst die Geschichte wieder.

Doch dann kommt ihm eine Idee, die man durchaus künstlerisch nennen kann: Ihm fällt dieselbe Geschichte ein, “nur mit dem Unterschied, dass die anderen nur denken, dass der Mann ein Radio hat, er hatte in Wirklichkeit aber gar keines.”

Da hat Jurek Becker gerade Film-Szenarium in Babelsberg studiert und viele Kabarett-Texte geschrieben. 1965 verarbeitet er diese Idee der Abwandlung der realen Ereignisse zu einem Drehbuch.

Die Deutsche Film AG, kurz DEFA, lehnt die Drehbuchfassung von “Jakob der Lügner” allerdings ab. Dennoch arbeitet Jurek Becker in dem Filmunternehmen der DDR in Babelsberg als Drehbuchautor.

Als vier Jahre später, 1969, der Stoff als Roman veröffentlicht wird, macht “Jakob der Lügner” Jurek Becker schlagartig bekannt - auch durch die wenig betroffene und wenig düstere Art und Weise, mit der er mit dem Thema Holocaust umgeht.

Sozialistischer Realismus und "unheroische Helden"

Auch ist seine Hauptfigur Jakob ein sogenannter Anti-Held. Gängig ist zu dieser Zeit eher der bewundernswerte Heldentypus, wie ihn auch der Vater geschildert hat und über den Jurek Becker nicht schreiben wollte. Dieser findet vor allem in der “antifaschistischen Literatur” statt und wird von den DDR-Offizieren gerne gesehen. Jurek Becker will sich davon abgrenzen:

“Ich habe schon sehr früh die im Staat DDR existierende Überzeugung für unsinnig gehalten, dass man Ansichten, wenn sie nur oft genug wiederholt werden, irgendwann gefressen hat.”

Jurek Becker, zwar Sozialist und in der SED, hat wachsende Zweifel am System der DDR. Bereits etliche Schriftsteller und Schriftstellerinnen der DDR übten in literarischen Werken Kritik an der Entwicklung. Sie wollten sich wie Becker nicht in das Korsett des “sozialistischen Realismus” pressen lassen, sondern versuchen, sich aus einer dogmatischen Fehlentwicklung zu lösen. Ihre Erzählstrategien sind variabler und folgen nicht mehr den Mustern mechanisch-klischeehafter Abbildungen einer geschönten Wirklichkeit des DDR-Alltags.

Dazu gehören auch “unheroische Helden” wie Jakob der Lügner einer ist - der Roman hatte trotzdem oder deshalb großen Erfolg in der DDR. In der DDR wurde mehr gelesen als anderswo - denn in der Literatur war es wenigstens zu großen Teilen noch möglich, eine Art Meinungsverschiedenheit auszutragen, die in den Medien der DDR undenkbar gewesen ist. Dennoch unterlag auch die Literatur einer stetigen sozialistischen Zensur.

Jurek Becker sagte einmal: “Nach meiner Überzeugung ist der wichtigste Antrieb zum Schreiben von Literatur Unzufriedenheit, eine Art von Nichteinverständnis.”

Biographischer Antrieb

Der Schriftsteller hatte aber durchaus noch einen anderen Antrieb, diesen ersten Roman zu schreiben - seine Biographie. Jurek Becker selbst kam im Alter von zwei Jahren in das Ghetto seiner Geburtsstadt Lodz. Im Alter von fünf Jahren wurde ins Konzentrationslager gebracht. Seine Mutter war gestorben. Seinen Vater hatte er aus den Augen verloren. Als er ihn schließlich nach dem Krieg über einen amerikanischen Suchdienst wiederfand, war klar, dass sie beide und eine Tante die einzig Überlebenden ihrer Familie waren.

Jurek Becker erzählt also mit “Jakob der Lügner” auch die Geschichte seiner Familie und seiner Geburtsstadt Lodz. Das Ghetto Lodz wurde 1940 eingerichtet. 160 000 der vormals 230 000 Juden der Stadt wurden dort isoliert.

Natürlich erzählt er auch ein Stück deutscher Geschichte: Die Historie der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch den deutschen Faschismus. In seinem Roman geht es um Identitätsbewahrung zur Zeit der NS-Diktatur und das Überleben im Ghetto. Jurek Becker selbst erinnert sich übrigens kaum an die Erlebnisse dort:

“Ohne Erinnerung an die Kindheit zu sein, das ist, als wärst du verurteilt, ständig eine Kiste mit dir herum zu schleppen, deren Inhalt du nicht kennst. Und je älter du wirst, umso schwerer kommt sie dir vor, und umso ungeduldiger wirst du, das Ding endlich zu öffnen.”

Becker macht dabei gerne deutlich, dass das Erzählen einer Geschichte für ihn nicht bedeutet, die Wirklichkein im Verhältnis 1:1 abzubilden: Wo der reale Held im Ghetto von Lodz den Menschen Hoffnung gegeben hat, weil er ein Radio hatte, gibt Jakob den Menschen Hoffnung, obwohl oder weil er gar kein Radio hat.

Zusammenfassung

Jureks Vater hat ihm die Geschichte des Helden erzählt, damit er sie aufschreibt. Schließlich sei er ja jetzt Schriftsteller. Für den Vater war es nämlich ein harter Schlag gewesen, dass sein Sohn Schriftsteller geworden war. Es dauerte eine Weile, bis er sich damit abgefunden hatte.

Dass genau seine Heldengeschichte mit Radio als eine Anti-Helden-Geschichte mit erfundenem Radio so erfolgreich wurde, sollte ihn von den Fähigkeiten seines Sohnes als Schriftsteller überzeugt haben.

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