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Transkript „Iphigenie auf Tauris“ – Entstehungsgeschichte (Goethe)

Kennst du das? Du schreibst eine Email an einen Freund, hast gerade einen Satz beendet und trotzdem danach das Gefühl, dass er einfach noch nicht richtig sitzt. Er sagt einfach noch nicht genau das, was du eigentlich ausdrücken möchtest. Du ergänzt, korrigierst oder streichst den Satz am Ende womöglich sogar komplett.

Nun hat Goethe zwar noch keine Emails geschrieben, aber auch er kannte dieses Gefühl gut. Sehr gut sogar! Denn um die richtige Sprache für sein Drama "Iphigenie auf Tauris" zu finden, hat Goethe knapp 8 Jahre gebraucht. Werfen wir also gemeinsam einen Blick auf die nicht unproblematische Entstehungsgeschichte dieses Werkes.

Entstehungsgeschichte

Goethe erwähnt seine Arbeit an der Iphigenie erstmals im Frühjahr 1779 in seinem Tagebuch. Dem vorausgegangen war eine Beschäftigung Goethes mit dem Stoff des antiken Mythos der Iphigenie seit 1776. Im März 1779 beendete Goethe seine erste Fassung des Dramas in Prosa und das Stück wurde noch im selben Jahr auf einer Liebhaberbühne in Weimar uraufgeführt.

Goethe spielte dabei übrigens höchstpersönlich den Orest. Wenn von der Prosafassung die Rede ist, so meint Prosa eine Form der Sprache, die nicht durch Reim, Verse oder Rhythmus gebunden ist. Etwas platt gesagt also: Normale Sätze.

Doch damit war Goethe noch nicht recht zufrieden. Die Sprache floss ihm noch nicht ruhig genug. Ihm kam es darauf an, seinem Stück, so Goethe in einem Brief, "noch mehr Harmonie im Stil zu verschaffen". Er arbeitete das Stück daher um und legte 1780 eine zweite Fassung vor – diesmal in freirhythmischen Versen. Dabei handelt es sich um Jamben mit variabler Hebungszahl. Kurz zur Erinnerung: beim Jambus folgt auf eine unbetonte immer eine betonte Silbe. Jamben werden oft als frisch und dynamisch beschrieben, können aber auch fest und schwer wirken.

Doch auch diesmal war Goethe noch nicht gänzlich zufrieden. Es brauchte den Umweg über eine dritte Fassung, die erneut in Prosa war, bis Goethe im Dezember 1786 die vierte und finale Fassung der Iphigenie fertig stellte. Die erneute Befassung des Autors mit seinem Stück wurde begünstigt durch Goethes berühmte Reise nach Italien. In dem Sehnsuchtsland der deutschen Klassik fand der Schriftsteller Zeit und Muse, um das Drama erneut umzuarbeiten.

Die vierte, sogenannte römische Fassung erschien schließlich auch in Buchform und ist diejenige, die heute in den Schulen zumeist gelesen wird. Sie gilt als die kunstvollste unter den vier Fassungen. Wie schon die zweite Fassung, ist auch die vierte in Versen abgefasst, genauer gesagt in Blankversen, welche Lessing zuvor mit seinem Drama "Nathan der Weise" (1779) erfolgreich in der deutschen Literatur etabliert hatte. Beim Blankvers handelt es sich um fünfhebige Jamben ohne Reim.

Um dir die unterschiedliche Wirkung von Prosatext und Blankvers zu demonstrieren, hier ein Beispiel.

Die Prosafassung von 1779 beginnt so:

"Heraus in eure Schatten, ewig rege Wipfel des heiligen Hains, hinein ins Heiligtum der Göttin, der ich diene, tret’ ich mit immer neuen Schauer und meine Seele gewöhnt sich nicht hierher!"

In der vierten Fassung mit Blankversen klingt das dann so:

"Heraus in eure Schatten, rege Wipfel Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines, Wie in der Göttin stilles Heiligtum, Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl, Als wenn ich sie zum ersten Mal beträte, Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher."

Ich denke du hast den Unterschied gehört - der Blankvers mit seinem getragenen Sprachfluss trägt viel zum hohen Stil des Werkes bei. Alles hat seine Ordnung. Es entsteht beim Leser oder Hörer ein besonderes Gefühl von Klarheit und Würde.

Antiker Iphigenie-Mythos als Vorlage

Über die unterschiedlichen Fassungen hinaus ist es noch wichtig zu wissen, dass Goethe sich im Fall der Iphigenie eines antiken Stoffes bediente, den vor ihm schon andere Schriftsteller bearbeitet hatten. Auch die altgriechischen Dichter Aischylos und Euripides hatten den Iphigenie-Mythos genutzt und ihn bereits in Dramen umgesetzt.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Iphigenie Goethes und den Dramen des Aischylos und Euripides ist in der Rolle der Götter bzw. im Grad der Selbstbestimmung der Figuren zu sehen.

In Aischylos' Drama "Agamemnon" wird Iphigenie auf göttliche Weisung hin geopfert. In Euripides' Stück "Iphigenie bei den Taurern" wird sie vom göttlichen Schicksal bestimmt, schließlich aber durch Athene vor der Opferung gerettet. In beiden Stücken aber haben die Götter die Macht.

Goethe unterzieht den Stoff nun einer radikalen Verjüngungskur und passt ihn an das Programm der Aufklärung und Klassik an. Bei ihm sind nicht länger die Götter bestimmend für Iphigenies Schicksal, vielmehr bestimmt sie ihr Schicksal ganz allein. Die Leistung Goethes in Bezug auf den Stoff besteht also vor allem darin, die Macht von den Göttern auf den Menschen übertragen zu haben.

Schluss

Wenn du also das nächste Mal an einer Email feilst und dich ärgerst, dass es so lange dauert, dann denke einfach an den alten Goethe und die lange Geburt seiner "Iphigenie". Du wirst dich gleich viel besser fühlen – versprochen! ;)

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