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Transkript Interpretation Goethe

Guten Tag liebe Lernende. In diesem Lehrvideo geht es um einen allgemeinen Interpretationsansatz für sämtliche Werke Goethes. Das hat man bei Dichtern oft, dass sie Grundprobleme durch ihr gesamtes Leben schleppen und man einen Text, den ein Dichter mit 20 Jahren schrieb und einen Text, den er mit 80 Jahren schrieb nebeneinanderlegen kann, und sieht bestimmte Unterschiede, aber man sieht auch Gemeinsamkeiten, die meist darauf fußen, dass der Dichter deshalb überhaupt schreibt, weil er in sich Grundkonflikte spürt, die er durch Worte thematisieren kann. Und wir, die wir diesen Text lesen, fühlen uns dann seltsam daran erinnert, was in uns selbst an Grundwidersprüchen tobt. Bei Goethe nun haben wir vier Grundkonflikte, die ihn zeitlebens beschäftigten und die wir, als diejenigen, die jetzt den Text zu interpretieren haben, sagen wir mal auf den Text legen können, und dann können wir diese verschiedenen Grundprobleme, die Goethe also antrieb, decodieren. Wir finden die dann in diesem Text und können sozusagen diese in unsere heutige Sprache übertragen. Welche vier Grundprobleme sind das, bzw. Grundkonflikte? Das es sich um einen Konflikt handelt jeweils, habe ich durch diesen wechselseitigen Pfeil angezeigt. Der erste Grundkonflikt ist der, zwischen dem Ganzen und der Beschränkung, beziehungsweise der Form. Für Goethe war der Dichter jeder. Jeder Mensch besitzt nach Goethe ein Organ zur Erfassung des Ganzen. Das Ganze ist die Verbindung von Subjekt und Objekt. Das Ganze ist die Entwicklung des Ganzen, also des Subjekts und des Objekts, und das bedeutet, dass der Einzelne sich ständig neu definieren muss, wenn er lebt. Und weil er lebt, häuft er auch Wissen an. Das Wissen selbst, das ständig neu erworben werden muss, jeden Tag neu, steht in einem Widerspruch zum sich entwickelnden Objektiv. Das Ganze ist die Verbindung von Subjekt und Objekt. Im Gedicht selbst geht es dann darum, bzw. im literarisch geschaffenen Text, geht es dann darum, einen Teil aus dem Ganzen in eine Form zu bringen - und zwar so, dass demjenigen, der das liest, das Ganze durch diesen Teil durchschimmert, um es mal so zu sagen, symbolisch erfassbar wird. Deswegen haben wir hier diesen Widerspruch. Wir haben das Ganze und wir haben die Beschränkung, die im Dichten auf das symbolisch gelegt werden muss, wo es dann durchscheint. Das ist das Erste. Das Zweite was wir hier haben, den zweiten Grundwiderspruch bei Goethe, den des Unterscheidens und des Zusammenführens des Gegensätzlichen oder wie es im lateinischen heißt, coincidentia oppositorum. Das Unterscheiden ist das Ausklammern aus der Wirklichkeit, die Betonung einer Subjekt-Objekt-Problematik. Das Differenzieren, das Herausnehmen, das Einteilen in gut und böse, in schwarz und weiß, in lebendig und tot und so weiter, das Unterscheiden, das nimmt Goethe in jedem Text in irgendeiner Weise vor. Er differenziert Wirklichkeit oder, was jetzt den Menschen betrifft, er differenziert das Verhältnis vom Ich zum Es oder vom Ich zum Du oder das Verhältnis zwischen den zwei Dus. Jedenfalls er unterscheidet, er klassifiziert, er nimmt Einteilungen vor. Und auf der anderen Seite versucht er dann, dieses gegensätzliche, dieses Unterschiedene, wieder in ein Zusammenhängendes zu bringen. Entweder in Form eines Symbols, in Form eines neuen Begriffs oder in Form einer Darstellung von Sachverhalten. Denke man nur an so ein schönes Wort wie Wahlverwandtschaft, was Goethe dann also benutzte, um das anzuzeigen, dass eigentlich nicht Zusammengehöriges sich doch zusammenfinden kann, weil entweder ist man verwandt oder man ist nicht verwandt, das kann man sich nicht aussuchen. Aber eine Wahlverwandtschaft bedeutet ja, dass ich mir eine über das Blut nicht definierte Verwandtschaft zulegen kann - und das ist hier z. B. mit gemeint, das Zusammenbringen des Gegensätzlichen. Das führt aber nur dann zu einem Sinn, wenn ich vorher etwas unterschieden habe, also wenn ich vorher gesagt habe, das ist A und das ist B. Die Zusammenführung wäre dann A-B, neues Wort, ab, meinetwegen. Dritter Grundgedanke, den Goethe auch zeitlebens beschäftigte, ist das Ursächliche zwischen Gott und Natur. So, und damit sind wir nun bei einem ganz wichtigen Punkt. Viele behaupten nämlich, dass Goethe Spinozist gewesen sei, das ist Unsinn, weil Spinoza, bzw. der Pantheismus, der sich hier verbirgt, geht von einer Einvernehmlichkeit zwischen Gott und der Natur aus. Das Gott sozusagen in allem ist. Das Eine, um es philosophisch auszudrücken, ist im Anderen. Eine Durchwobenheit von Gott und Natur. Für Goethe allerdings wirkt Gott auf die Natur. Das ist etwas ganz anderes. Es gibt das Eine und es gibt das Andere und manchmal wird die Natur zum Allumfassenden, weil die Natur dasjenige ist, was in uns selbst immer nach Vergegenwärtigung schreit und nach dem vis-a-vis schreit und nach dem Anderen, Gleichen, dem Symbolischen, Verwobenen, nach allem, nach irgendetwas. Die Natur fordert, die Natur besitzt Gesetze, Gott besitzt Gesetze, Gott der im Sittlichen die Natur eben, wie der Name schon sagt, im natürlichen Bereich. Zwischen diesen beiden Bestandteilen gibt es bei Goethe auch immer diese anziehende Abstoßung, um es mal so zu sagen. Es zieht sich an und stößt sich ab und da entsteht ein Kraftfeld, indem also der Dichter, Goethe selbst, Formen sucht, Symbole sucht, das Gegensätzliche zusammenbinden möchte, um dann Ausdrücke zu finden, die also in schriftlicher Form, für denjenigen der das liest, etwas erlebbar machen, was der Dichter selbst erlebte und was ihn weiterbrachte, womit er sein Organ des Dichtens entwickelte. Diastole, das Herz, das Dichterherz, das durch das Dichten selbst, wächst, und immer mehr zum Eins in Allem wird. Und schließlich kommen wir dadurch zum letzten Punkt, der jetzt mehr ins Politische geht. Das Monadentum versus, bzw. gegen, die Gemeinschaft. Der späte Goethe hat diesen Aspekt mehr betont, der frühe Goethe hat diesen Aspekt mehr betont. Das Genie ist am stärksten und kräftigsten allein, wie Schiller das nannte. So ähnlichen können wir das bei Goethe auffassen. Trotzdem bleibt es zeitlebens ein Widerspruch der Goethe antrieb und der in seinen Texten immer wieder auffindbar ist. Die Monade, das Einzelne, das Einzelwesen, und die Gemeinschaft, die Zusammenbindung vieler verschiedener Monaden. Das ist also ein mehr politisches, aber auch, wie soll ich sagen, sittliches, ästhetisches Problem. Wie kann das Einzelne als etwas Schönes empfunden werden? Wär unser Aug' nicht sonnenhaft, wie könnte die Sonne es erspähen? Also schreibt Goethe eine Abbildtheorie. Ich kann nur das als schön und als gut empfinden, weil es in mir liegt und so kann sich dann nur eine Gemeinschaft bilden, die also ähnlich wie ich empfindet, die ähnlich wie ich die Dinge betrachtet. Und das ändert nichts daran, dass die Gesellschaft zunehmend in Einzelteile zerbröselt und dennoch, auf der anderen Seite, die Staatlichkeit, die Überindividualisierung, also immer weiter wächst. So, das sind die vier Grundaspekte, die zu Interpretation von Goethe dienen sollten und man braucht die quasi bloß abzuarbeiten, egal welchen Text man liest. Ob das jetzt der Wärther ist oder ob das jetzt ein Liebesgedicht ist oder ob das eben eine naturwissenschaftliche Arbeit Goethes ist, letztendlich kann man immer wieder diese vier Punkte in Goethes Text finden. Mal den einen mehr, mal den anderen weniger, aber das ändert nichts daran, dass das also sozusagen die Quintessenz, der Interpretationsansatz für Goethes Werk ist.

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