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Transkript Gedichtinterpretation – Theorie (2)

Guten Tag liebe Lernende, wir wollen uns heute mit dem Interpretationsmodell für lyrische Texte beschäftigen. Zuerst machen wir das ein klein wenig theoretisch und dann nehmen wir einen Beispieltext und wollen das exemplifizieren, was wir hier in der Theorie zuvor besprochen haben. Ich habe dieses Modell in 6 kleine Kästchen gepackt und diese 6 kleinen Kästchen lassen sich unterschiedlich schwer aus dem Möbel herausziehen.  Ich habe das durch diese Pünktchen gekennzeichnet. Was mit einem Punkt versehen ist, ist relativ einfach zu bewerkstelligen, zwei dann schon etwas schwieriger und drei dann am schwersten. Daraus können wir erkennen, dass letztendlich bei nur einigermaßen durchschnittlichem Verständnis für die deutsche Sprache, schon eine gute Note erreicht werden kann. Man muss ja nicht auf Teufel komm raus alle 6 Kästchen aufziehen, sondern manchmal reicht es auch schon, wenn man mit 5 Kästchen zufrieden ist. Man muss seine Grenzen auch kennen. So, fangen wir mit dem Einfachsten an. Das einfachste ist das Grafische. Was ist das? Das Grafische, das ist die äußere Gestalt von einem lyrischen Text. Wir erinnern uns an die kleineren Klassen. Dort hatten wir zum Beispiel das Elfchen. Das Elfchen hatte also immer diese Form von einem breiten ersten Vers hinunter bis zu dem Ein-Wort-Vers ganz unten. Daran konnte man erkennen, dass es sich um ein Elfchen handelt. Es mussten  dann auch 11 Wörter in diesem Vers stehen. Und so gibt es also Texte, die schon durch ihre Form, durch ihre äußere Form zu erkennen geben, was der Autor mit diesem Text verfolgt, oder zumindest mitverfolgt. Es muss ja nicht der alleinige Zweck des Textes sein.

Außerdem gehört zum Grafischen die Betrachtung der Buchstaben, stehen dort also nur Normbuchstaben, oder benutzt der Autor auch Initiale, fremdländische Buchstaben, benutzt er Sonderzeichen, die wir in unserer Sprache sonst nur aus ganz speziellen Anwendungsgebieten kennen - Fachsprachen, Formeln und dergleichen mehr. All das ist durch einen Blick auf den Text zu erkennen und dann hinzuschreiben. Dann schreibt man eben hin: In Zeile 4, in dem Falle sogar Vers 4, taucht das römische Zeichen für 100 auf. In Vers 7 benutzt er eine Formel von Albert Einstein und in Vers 19 taucht im Text auf einmal eine Lücke auf, da fehlen 3 Wörter, da ist eine Leerstelle. All das ist mit bloßem Auge zu erkennen und kann dann bei der Interpretation am Anfang, wenn man sich also mit dem Text als grafischem Gebilde beschäftigt, notiert werden. Wie ich das dann im Einzelnen zu interpretieren habe, das ist eine andere Frage. Also, ob jetzt dieser Text dadurch, dass dieses besondere Graphem benutzt worden ist, eine besondere Bedeutung hat, das kann man dann immer nur am Einzelbeispiel erkennen.

Wir machen dann ein kleines Beispiel, da werde ich euch das zeigen. Das Zweite, was man untersuchen muss, ist das Metrum. Also, die metrische Ebene eines Gedichts. Metrum - wir kennen das Wort Meter. Was ist ein Meter? Ja, sozusagen eine Längeneinheit. Beim Gedicht gibt es das auch und jetzt auf die Sprache bezogen heißt es, ob wir also lange und kurze Silben haben. Ob es eben "Himml" oder "Himmel" heißt. Oder ob es Auto oder Atta heißt, um es mal so zu sagen. Und da haben wir in der Literatur 4 Versfüße, so nennt man dann diese verschiedene Einheiten beim Metrum: den Jambus, den Anapäst, den Daktylus und den Trochäus. Das sind die 4 und die kann man also in dem Text dann auch finden. Meist jedenfalls. Sofern es sich um klassische Texte handelt, findet man so etwas immer. Sofern es sich um moderne Texte handelt, wird also das Metrum an der einen oder anderen Stelle schon gebrochen. Und das muss man dann eben einfach durchführen. Das machen wir auch nachher am Beispiel. Jetzt geht es erst mal, dass wir eben wissen, die zweite Ebene der Interpretation ist dann eben die metrische, dass wir dann also den Versfuß bestimmen, ob er durchgängig ist, ob er gebrochen ist, ob es eine Einheitlichkeit gibt, oder, ob es keine gibt. Das sind also die Punkte, die wir hier untersuchen müssen. Und damit hängt zusammen auch der Rhythmus eines Textes. Der Rhythmus selbst bricht relativ oft das Metrum. Auch bei klassischen Texten. Und genau an den Stellen, wo der Autor den Text sozusagen synkopiert, also einen Rhythmuswechsel vornimmt, das nennt man auch Kontradiktion, also wo ein Gegengewicht gesetzt wird zu dem einheitlichen Metrum, was eigentlich sonst vorherrscht, wenn das passiert, dann sprechen wir von einer Kontradiktion und das hat dann meist auch inhaltliche Bezüge. Das ist der Punkt. Und deswegen ist der Rhythmus ganz wichtig in einem Text. Manchmal kann man dann auch streiten, ob jetzt der oder jener, ja, betont werden muss. Ob jetzt die erste Silbe oder die zweite Silbe Betonung findet. Und das hat was mit dem Rhythmus zu tun. Einheitlich, uneinheitlich, durchgängig gleich, gebrochen, oder überhaupt kein Rhythmus. Das kann also in manchem Text auch passieren. Das zu bestimmen, ist relativ schwierig. Gut kommen wir zu den 3 unteren Bereichen, zu den 3 unteren Ebenen der Interpretation. Wir fangen an mit der Lautlichen. Das ist das, was eigentlich jedem sofort einfällt. Nämlich, hat der Text einen Reim, hat der Text einen Anfangsreim oder einen Endreim, einen Binnenreim, einen Halbreim und so weiter. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das lässt sich sehr leicht feststellen, man braucht ja bloß ganz genau an die Enden zu gucken und dann sieht man schon, also Reim vorhanden, oder gibt es ein Muster usw., das ist relativ leicht festzustellen. Schließlich kommen wir zur semantischen Ebene von lyrischen Texten. Semantik ist die Lehre von den Wortbedeutungen. Das ist jetzt schon wieder schwieriger als die Reimebene zu betrachten, nämlich, ob in dem Text besonders markierte Wörter stehen. Ob besonders umgangssprachliche oder besonders gehobene Worte benutzt werden, ob der Sinn manchmal entstellt ist, ob der Sinn durchgängig, gleichförmig, ob er sich entwickelt, oder ob er auf einer Ebene bleibt, ob der Text sozusagen sehr viele schwierige Wörter enthält, oder Wörter, die verschiedene Bedeutungen besitzen, all das verbirgt sich hinter dem Wort semantisch. Das muss man dann im Einzelfall prüfen. Ein Wort wie Bank kann in dem einen Fall ein Sitzmöbel sein und in dem anderen Fall eine Gegend, auf die Schiffe auflaufen. Oder was einem vielleicht noch zum Wort Bank einfallen könnte, wo jemand der Geld besitzt es hinbringen könnte, aber vielleicht nicht sollte. Und schließlich, die schwierigste Ebene von allen, die wieder in einer Kontradiktion zu dieser Bedeutungsebene liegt, oder oft liegt, das ist die sogenannte bildliche Ebene. Das, womit man also Schüler gerne jagt, nämlich der Einsatz von rhetorischen Mitteln, besonderer sprachlicher Varietäten in Form von Synekdochen, Metaphorik, Personifikation und all das, was einem Text erst die richtige Würze gibt, einem lyrischen Text. Besonders wie verwendet der Autor die Bilder, die in dem Text selbst auftauchen. Wie werden sie in ein semantisches Gesamtgemälde einzubetten sein, oder stehen die einzelnen Bilder für sich? Kann man aus den Bildern herauskommen, oder greifen die Bilder einen selbst an? Das sind also die 6 Bestandteile der Interpretation für das Modell Lyrik. Wenn man die systematisch abarbeitet und bei jedem einzelnen Punkt, besonders bei dem bildlichen und bei den semantischen Aspekten immer auch die persönliche Empfindung mit hineinbringt, die persönliche Bewertung für die einzelnen Bilder und das Ganze an die Autorenintention zurückbinden kann, ob man nun im Text bleibt, oder über den Text hinausgeht, das ist nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass man zu den einzelnen Emotionen, die der Text auch vermitteln soll, in den meisten Fällen jedenfalls, seine persönlichen Aspekte einbringt, also die Semantik ist da so ein Bereich. Jeder Mensch empfindet einen Begriff wie Haudegen oder Söldner oder schnurzpiepegal, egal wie das Wort jetzt heißt, das empfindet er anders und da muss er Zusammenhänge herstellen, auch zwischen den einzelnen Bedeutungsträgern, die im Text auftauchen, und muss das Ganze auch in die Bildhaftigkeit, die der Autor benutzt hat, Rückbinden. Das sind also alles Dinge, die bei dem Modell Lyrik eine Bedeutung spielen. Wir werden das jetzt am Beispiel extemporieren, damit wir sehen, dass das Ganze nicht nur eine theoretische, sondern auch eine praktische Relevanz besitzt.

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2 Kommentare
  1. Default

    Das haben Sie super erklärt. Mir sind bei den bisher angeschauten Videos von Ihnen schon so manche Schuppen von den Augen gefallen, dass ich glatt denke, ich könnte gar nicht mehr schlecht abschneiden. Also gold wert!!! Weiter so :)

    Von Denise Trzoska, vor 9 Monaten
  2. Image

    Omg

    Von O O Lisa Oo, vor mehr als 2 Jahren