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Transkript Gedichtinterpretation – Modell 2

Guten Tag liebe Lernende, in diesem Lehrvideo soll in praktischer Weise gezeigt werden, wie man also Daten zusammenbringt, um eine Interpretation zu schreiben. Es ist der Teil, der sich mit dem lautlichen, semantischen und bildlichen Bestandteil einer Lyrikinterpretation beschäftigt. Ich werde jetzt nur anzeigen, wie man das machen kann, wie man vorgehen kann, wie man die Untersuchung selbst durchführen kann, und nicht die Interpretation selbst schriftlich fixieren, sondern bloß Gedankenanstöße geben, wie man also diesen Text sich vergegenwärtigen, wie man diesen Text durcharbeiten kann hinsichtlich der über mir stehenden drei Kriterien, lautliche, semantische und bildliche Ebene eines Textes. Beginnen wir mit der lautlichen Ebene. Lautlich bedeutet, dass wir also nach Reimmustern schauen. Reime können am Anfang stehen, sie können in der Mitte stehen oder sie können am Ende stehen. Das sind die drei Positionen, die ein Reim haben kann. Er kann am Wortanfang stehen, er kann am Versanfang stehen, er kann am Versende stehen, er kann mittenmang im Vers stehen. Das sind also alles Positionen, die hinsichtlich der lautlichen Ebene betrachtet werden müssen. Wenn wir den Text jetzt durchgehen, dann stellen wir schnell fest, dass es also keine Alliteration gibt, also keinen Stabreim gibt, dass also nicht zwei Wörter miteinander den gleichen Anfangsbuchstaben haben. Auch Zeilen übergreifend ist das nicht der Fall, weil manchmal ist es so, dass das letzte Wort auf dem einen Vers und das nächste Wort auf dem nächsten Vers sozusagen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben beginnen. Sogenannte Enjambements sind das dann, aber wenn sie dann hintereinander die gleichen Anfangsbuchstaben haben, dann müssen wir da den Stabreim auf der lautlichen Ebene zuweisen. Auch das ist in diesem Text nicht der Fall. Wir haben auch keine Binnenreime. Binnenreime bedeutet, dass, sagen wir mal, "dem Bürger fliegt, siegt, obliegt", so etwas in der Richtung. Der Bürger fliegt und obliegt und er siegt, das wäre dann sozusagen so etwas wie ein Binnenreim. Auch das haben wir hier nicht, dass also zwei oder drei Worte nacheinander, selbst durch eine Konjunktion mit und miteinander verbunden, folgen, die die gleiche Lautung aufweisen, also die gleichen Vokale benutzen, um einen gewissen Klang zu erzeugen, eben die lautliche Ebene. Aber wir haben hier etwas, was am Ende gleich klingt. Wir haben Hut und Flut. Wir haben Geschrei und entzwei. Das ist ein klassisches ABBA-Muster. ABBA. Hut und Flut bilden einen Schweifreim, entzwei und Geschrei bilden einen Paarreim. Das ist das Einzige, was wir auf der lautlichen Ebene jetzt finden können. Mehr ist in diesem Gedicht, beziehungsweise dieser Strophe eines Gedichtes, nicht zu finden. Kommen wir also zum nächsten, zur semantischen Ebene. Das Semantische beschreibt Bedeutungen, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bedeutungen im Text. Das bedeutet für uns, die wir den Text jetzt interpretieren sollen, dass wir die Beziehungen zwischen den einzelnen Sinnträgern im Text untersuchen müssen. Wie macht man das? Ganz einfach, man versucht am Anfang, Subjekt, Prädikat und Objekt in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Jeder Dichter neigt dazu, durch diverse Umstellungen der eigentlichen Ordnung das Augenmerk auf ganz bestimmte Dinge im Text zu lenken. Wenn wir jetzt also in Erfahrung bringen könnten, wo Subjekt und Prädikat sich in diesem Text verstecken, ob es ein lyrisches Ich oder Wir gibt, beziehungsweise, wo es sich versteckt, dann haben wir schon einmal einen Ansatzpunkt, von dem aus wir die anderen Bedeutungsträger wie Objekt und Prädikate diesem Substantiv oder Subjekt zuweisen können. Jetzt schauen wir einmal in den ersten Vers, ob wir da etwas finden. Dem Bürger, das kann kein Subjekt sein, das dem zeigt uns an, dass es sich um ein Dativ handeln muss. Und schon haben wir eine merkwürdige Umstellung. Im Deutschen ist es zwar durchaus möglich, das Objekt vor das Subjekt zu stellen, aber die Regel von den meisten Sprachnutzern lautet doch eher so, dass es eine Subjekt-Prädikat-Objekt-Stellung im Satz gibt. So wissen wir also schon einmal, dass also hier der Anfang des Textes mit einem Objekt versehen worden ist. Dann folgt das Prädikat. Fliegen ist ein Prädikat, das heißt, an dem Objekt hängt ein Prädikat. "Vom spitzen Kopf" kann auch kein Subjekt sein, weil, vom ist also auch wieder dem von dem spitzen Kopf ist also Präpositionalobjekt oder in dem Falle auch Dativobjekt. Der Hut könnte Subjekt sein. Der Hut ist 1. Fall. Also heißt der Satz eigentlich: Der Hut fliegt dem Bürger vom spitzen Kopf. Was bedeutet das? Semantisch betrachtet bedeutet das, dass Hut und Bürger über das Fliegen miteinander verbunden sind, wobei jetzt der Dichter das Fliegen eben dem Bürger zuerst zuwies. Das könnte in der semantischen Bedeutungsebene nichts anderes heißen, als dass er dem Bürger gegenüber dem Hut prädisponieren möchte. Also der Bürger ist ja das, worum es dem guten Dichter geht, nicht der Hut. Der Hut ist zwar das Subjekt des Satzes, aber er ist nicht dasjenige, was das Entscheidende ist. Ganz merkwürdige Sache. Der Bürger ist ja eigentlich dasjenige oder derjenige, der den Hut trägt. Also wird ein Teil des Ganzen, nämlich des Bürgers, zum Subjekt gemacht und der Bürger selbst rückt ins zweite Glied. Der Bürger ist in dem Sinne semantisch nur interessant, weil er Hutträger ist. Wer trägt einen Hut? Der Bürger trägt einen Hut. Und was passiert mit diesem Hut? Der Hut fliegt vom Kopf. Die semantische Ebene also bedeutet nichts anderes, als dass zwischen Hut und Bürger eine Zusammensächlichkeit hergestellt wird, die umgekehrt und gleichzeitig zerrissen wird. Das nennt man auch eine Synekdochie. Kommen wir zum zweiten: In allen Lüften hallt es wie Geschrei. Was ist hier das Subjekt? Geschrei hallt in allen Lüften. In allen Lüften hallt es wie Geschrei. Wo ist das Subjekt versteckt? Ist das Subjekt Geschrei? Gibt es hier kein Subjekt? In, Ortsbestimmung, Geschrei, Vergleichspartikel davor, es hallt in allen Lüften wie Geschrei. Es könnte auch noch ein Subjekt sein. Das wird es wohl auch sein. Weil, das ist ein Präpositionalobjekt. Das ist der Vergleich zum Präpositionalobjekt. Bleibt alleine das Es als Nominativ übrig. Wieder eine Umstellung, das gleiche wie im ersten Satz, bloß dass diesmal das Subjekt sozusagen mehr in die Mitte hineinrutscht. Hier könnte auch ein Punkt stehen. Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Anders ausgedrückt, der Hut fliegt dem Bürger vom spitzen Kopf. Es hallt in allen Lüften wie Geschrei. Es, was? Es. Was ist das Es? Haben wir das erste Mal so etwas wie ein lyrisches Ich, ein lyrisches Es. Es handelt sich also in unserem Fall nicht um ein Naturgedicht, nicht um Liebeslyrik, sondern um ein Sinngedicht, weil nicht ein lyrisches Ich zu finden ist, sondern nur ein Es, dass irgendwo mittenmang im Text auftaucht und letztendlich das andere alles in ein betuliches Ganze taucht. Punkt. Kommen wir zum dritten. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei. Klassisch, Subjekt, Prädikat, Adverbialbestimmung, um es einmal so zu sagen, verbunden dann mit einer Konjunktion. Und an den Küsten, Einschränkung, Parenthese, liest man, steigt die Flut. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei, eine Information, zweite Information, an den Küsten - liest man - steigt die Flut. Die Flut steigt an den Küsten, wieder das Gleiche wie mit dem Hut. Wir haben hier also wirklich wieder eine Parallelität der Ereignisse zwischen der Flut und dem Hut, beides Subjekte, beides nachgestellt, beides umgestellt, das nennt man eine Inversion. Und in beiden Fällen ist sozusagen das Reimmuster auch hier eingehalten. Flut Subjekt, Hut Subjekt, das sind die beiden Dinge, die die Subjekte bilden, und dementsprechend über das Reimmuster miteinander verbunden sind, also eine fast klassische Form, eine Einheitlichkeit zwischen Aussage und Form. Synekdochie, auf Dachdecker zu beziehen. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei. Das ist eigentlich, wenn wir genau darüber nachdenken, können ja Dachdecker kaum entzweigehen. Also wer schon einmal vom Dach gefallen ist, oder das gesehen hat, der wird also feststellen, dass, wenn man vom Dach fällt, in dem Sinne nicht auseinanderbricht, sondern zerquetscht wird, zerdrückt wird. Aber im wahrsten Sinne des Wortes geht man nicht entzwei. Was geht entzwei? Die Ziegel, die vom Dach fallen, denn die konnten die Konsistenz haben, dass sie entzweigehen können. Dachdecker selbst gehen nicht entzwei, sondern Dachdecker, wie alle Menschen, bestehen zum großen Teil aus Wasser, die also werden nicht zerbrechen, sondern werden durch den Aufpralldruck innerlich verbluten. Das ist etwas anderes. Was passiert da also? Der Autor verbindet sozusagen die Tätigkeit mit dem, was an Mitteln zur Tätigkeit notwendig ist. Und so etwas nennt man Synektochie. Man greift sich einen Teil des Daseins vom Dachdecker heraus und bindet den an die Aussage, nämlich an das Herabstürzen, beziehungsweise an das, sagen wir mal an das Unglück des Absturzes, was dazu führt, dass der Dachdecker stirbt. Wenn jemand entzweigeht oder wenn etwas entzwei geht, dann ist das eine Umschreibung für Tod, also eine, möchte ich fast sagen, eine Verschönerung, eine nicht so krass formulierte Beschreibung für den Tod, der hier eintritt, während das hier unten, an den Küsten steigende Flut, normativ, sachlich, stilistisch und semantisch nicht besonders markiert, uns anzeigt, dass da eben noch irgendetwas passiert, das vielleicht etwas Weiteres passiert, im Laufe des Gedichtes noch folgen wird, uns ankündigt. So, damit sind wir nun bei diesem Thema der Interpretation am Ende angekommen. Wir haben verschiedene Aspekte herausgearbeitet, könnten die jetzt noch vertiefen, könnten jetzt unsere persönliche Meinung zu vielen Dingen noch einfließen lassen, zum Beispiel zum Thema Weltende, wie wir das wahrnehmen, wie das um 1911 von dem Dichter wahrgenommen worden ist. Wir können darüber überlegen, was das mit dem spitzen Hut oder mit dem spitzen Kopf, der Hut,d er auf dem spitzen Kopf sitzt, ob es nicht vielleicht heißen müsste, der spitze Hut fliegt vom Kopf, ob das irgendwie noch etwas zu bedeuten hat, was die eigentliche Umstellung der Subjekte zu besagen haben könnte. Wir können darüber nachdenken, was dieses Es im weitesten zu bedeuten haben könnte, was die Dachdecker nun im Einzelnen gaben, hoch hinaus, tief fallen, ich weiß es nicht. Es sind alles Möglichkeiten, die jetzt der subjektiven Interpretation anheimfallen. Objektive können wir also diese Dinge hier festhalten. Wir können das Reimmuster objektiv festhalten und können die Umstellungen im Text hinsichtlich von Subjekt und Objekt festhalten. Und damit haben wir also einen großen Schritt gemacht, um dieses Textchen zu interpretieren.    

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1 Kommentar
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    wie auch schon davor: sehr sachlich, simple und informativ. daumen hoch !!!

    Von Carafrelke, vor etwa 4 Jahren