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Transkript Gedichtinterpretation – Modell 1

Guten Tag, liebe Lernende! Wir wollen jetzt in diesem Lehrvideo einmal ein wenig praktisch vorgehen. Das bedeutet nicht, dass ich euch einen Aufsatztext vollständig diktiere oder zeige, sondern dass wir Ergebnisse zusammensammeln, Fakten zusammentragen, aus denen dann ein Aufsatz geschrieben werden kann. Wir beginnen entsprechend unseres Schemas zuerst einmal mit dem Grafischen, also mit dem Schaubild, wie es aussieht. Was fällt uns da auf? Ich lese euch den Text kurz einmal vor: DEM BÜRGER FLIEGT VOM SPITZEN KOPF DER HUT, IN ALLEN LÜFTEN HALLT ES WIE GESCHREI. DACHDECKER STÜRZEN AB & GEHN ENTZWEI UND AN DEN KÜSTEN - LIEST MAN - STEIGT DIE FLUT. Ein Text aus dem Jahre 1911. So, wenn wir uns jetzt das Grafische anschauen, dann wird uns Folgendes bewusst. Erst einmal fällt uns auf, dass alle Buchstaben Versalien sind, also Großbuchstaben, aber trotzdem sind sie nicht alle gleich hoch, sondern unterschiedlich hoch. Uns fällt auf, dass die Anfangsbuchstaben der Nomen Kopf und Hut, Geschrei, Lüften, Küsten, Flut und Dachdecker sozusagen doppelt so groß geschrieben sind wie die Buchstaben, die danach kommen. Dann fällt uns auf, dass am Anfang der Verse jeder Buchstabe auch doppelt so groß geschrieben ist wie der nachfolgende Buchstabe. Einmal handelt es sich um ein Nomen, das würde dann das Gleiche bedeuten wie zuvor bei den mitten im Text stehenden Wörtern. Aber Und, Im und Dem sind keine Nomen. Dem könnte man noch durchgehen lassen, weil es der Satzanfang ist, obwohl wir in der Lyrik in der Regel nicht von Sätzen ausgehen. Aber hier haben wir einen Punkt, und wenn wir einen Punkt haben, können wir davon ausgehen, dass es sich um einen Satz handelt. Also, Satzanfang groß geschrieben, richtig, aber hier als Initial zu sehen. Also handelt es sich bei Dem, In, Dachdecker und Und, den Anfangsbuchstaben, um Initiale. Schließlich sehen wir mitten im Vers 3 dieses Zeichen (&), was wohl als und durchgehen kann, "ab & gehn entzwei". Und wir sehen hier, im Vers 4, zwei Parenthesen, obwohl dort, rein von der Grammatik her - "Dachdecker stürzen ab & gehn entzwei", das und fungiert als Konjunktion, also kommt da kein Komma hin, "und an den Küsten", Komma, Komma, richtig. Da müssen zwei Kommas hin und es sind stattdessen Parenthesen, Bindestriche, eingefügt worden. Wahrscheinlich um das Satzzeichen mitten im Text, denn sonst finden wir keines mitten im Text, zu umgehen. Könnte sein, ist eine Vermutung. Wir können jetzt nur Vermutungen aussprechen. Letztlich ist das etwas, was uns grafisch auffällt. Schließlich fällt uns noch auf, dass die i-Punkte, obwohl wir durchgängig Versalien haben, also Großschreibung und da benutzt man keine i-Punkte, dass die auch gesetzt worden sind. Warum wissen wir auch nicht, wir stellen es nur fest und können dann im Nachhinein Vermutungen darüber anstellen, warum das so ist. Dann kommen wir zum Nächsten. Der nächste Punkt unserer Interpretation betrifft die metrische Ebene. Also müssen wir untersuchen, welche Versfüße in dem Text vorherrschen. Das ist ganz einfach, wir müssen nämlich bloß schauen, welche Wortteile betont werden. Wie wird das Wort Bürger ausgesprochen, Geschrei, Lüften - alles, was mehr als eine Silbe besitzt. Dort müssen wir uns fragen, welcher Teil davon betont und welcher Teil nicht betont wird. So, wie ist es bei Bürger? Sagen wir BÜRGer oder sagen wir BürgER? Nun, wir sind keine Franzosen, das bedeutet, wir betonen den ersten Teil, da liegt auch der Sinn drauf, weil das -er ist ja letztlich bloß ein Suffix, was uns anzeigt, ob es sich um männlich oder weiblich, um ein Nomen oder was auch immer handelt. Jedenfalls ist das Suffix nicht ausschlaggebend, entscheidend ist der Wortstamm. BÜRGer, also wird das erste betont. Fliegt wird sowieso betont, spitzen genau das Gleiche, das -en hier hinten ist die Endung, und die ist nicht so wichtig wie das hier vorne. Einsilbig spitz-, spitzen, also liegt die Betonung hier drauf. Bei Geschrei ist es schon etwas schwieriger. Geschrei könnte also auch vorn sein. GEschrei? Nein, sagen wir nicht. Bei Geschrei haben wir den Präfix, also Vorsilbe, also liegt hier wieder auf dem Wortstamm, auf schreien, die Betonung. Damit ist klar, dass -schrei betont wird. Bei Lüften ist es ähnlich wie bei Bürger. Haben wir noch ein Wort, was etwas schwierig ist? Ja, Dachdecker. Dachdecker ist nun wirklich recht schwierig, weil eigentlich sagen wir nicht DACHdeckER, sondern wir sagen DachDECKer. Ja, die zweite Silbe wird hier also betont. Letztendlich ist es so, dass der Decker wichtiger ist als das Dach, das Decken ist die entscheidende Tätigkeit, die er ausübt. Nicht, dass das ein Dach ist, sondern dass er etwas deckt. Also betonen wir das deck. Die anderen sind alle einsilbig, da müssen wir dann bloß schauen, ob wir einen Versfuß finden. Und den finden wir, wenn wir jetzt die Verse markieren, von denen wir uns ganz sicher sein können, dass sie betont werden. Also, das Bürg-, das spitz-, das -schrei, das -zwei und dann die einsilbigen Nomen, wie Flut, wie fliegt, wie hallt, wie liest - bzw. Verben, die eine Silbe haben, die müssen immer betont werden, weil da ist der Wortakzent drauf, der Bedeutungsakzent, der Wortakzent, da ist alles drauf. Und wenn wir die haben, dann stellen wir fest, dass wir einen durchgängigen Rhythmus in diesem Text haben. Dem wird nicht betont, weil zwei Betonte dürfen nicht hintereinanderkommen, also: "Dem BÜRGer FLIEGT vom SPITZen KOPF der HUT, In ALLen LÜFTen HALLT es WIE GeSCHREI." Das wie muss nicht unbedingt betont werden, aber da das es und das Ge- nicht betont werden, hätten wir drei hintereinander, und deshalb betonen wir das wie. Das ist ein Vergleichspartikel, dementsprechend könnte es also auch betont werden. "DachDECKer STÜRZen AB & GEHN entZWEI" - das ab ist vielleicht auch problematisch, stürzen ab, doch, es ist wichtig, es ist ein ABstürzen, also ist da auch eine Bedeutung drauf. Letztendlich also können wir das auch ruhig betonen. "Und AN den KÜSTen - LIEST man - STEIGT die FLUT." Das hier vorne machen wir dann deutlich passend, weil wir sonst wieder drei Unbetonte hintereinander hätten. Und so kommen wir auf 1, 2, 3, 4, 5, 1, 2, 3, 4, 5, 1, 2, 3, 4, 5, 1, 2, 3, 4, 5 - klassisch. Fünf betonte Silben, wechselnd, also letztlich alternierend, betont, unbetont, betont, unbetont. Und das sind also sogenannte Blankverse, fünffüßige Jamben. Und die werden durchgehalten, sind also durchgängig. Das bedeutet im Klartext, wir haben keinen Rhythmuswechsel. Einen Rhythmuswechsel hätten wir dann, wenn der Versfuß auch gebrochen wäre, wenn mitten im Text auf einmal ein anderer Rhythmus vorginge. So haben wir jetzt also einen durchgängigen Blankvers und das lässt uns vermuten, dass der Text aus der klassischen Zeit stammt. Aber wir werden hier eines Besseren belehrt, der Text stammt aus dem Jahre 1911. Wir finden im Text nichts, was uns darauf lenkt, dass der Text aus unserer Zeit stammt, auch nichts, was ihn unbedingt zu einem Text aus dem 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts macht. Die Zeit 1911 deutet allerdings darauf hin, dass der Text noch von jemandem geschrieben wurde, der die klassischen Versmuster beherrschte und das auch durchgängig gestalten konnte.

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5 Kommentare
  1. Default

    Gut

    Von Ruppi 1, vor mehr als 2 Jahren
  2. Bild004

    Schönes Video! Auch die Sache mit der Betonung wurde uns nie so erklärt, da es immer als "einfach" hingestellt wird. Danke!

    Von Schaefchenwolke888, vor mehr als 3 Jahren
  3. P1040080

    hmmmmmm....
    ganz gut gemacht :)

    Von Sputnik123456, vor etwa 4 Jahren
  4. Default

    gute , sehr simple erklärung.daumen hoch =)

    Von Carafrelke, vor etwa 4 Jahren
  5. Default

    ....ahhhhhh

    Von Noahalexander, vor mehr als 4 Jahren