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Transkript „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ – Interpretationsansatz und Rezeption (Brecht)

Das Dritte Reich liegt nun schon über 60 Jahre zurück. Deshalb kann sich vielleicht nicht jeder mehr in die Zeit von damals hineinversetzen, in die Angst und in die Gewalt, die damals in allltägliche Lebensbereiche eingedrungen war.

Bertolt Brecht und Margarete Steffin haben für uns mit „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ das damalige Lebensgefühl lebendig erhalten. Anschaulich stellen sie die allgegenwärtige Gefahr des Denunziertwerdens, das Mitläufertum schwacher Charaktere und die Verlogenheit des ganzen Systems dar.

Ihr fragt Euch vielleicht, wie dieses Werk literarisch zu interpretieren ist? In diesem Video kommt die Hilfe.

Zunächst einmal fällt die äußere Form auf. Die einzelnen Szenen stehen in keinem direktem Zusammenhang zueinander und bauen nicht aufeinander auf. Die Protagonisten treten ebenfalls nur in einer Szene auf und danach nicht wieder.

Am ehesten lässt sich diese Herangehensweise vielleicht mit einem TV-Episoden-Film vergleichen, bloß dass jede Episode eben - trotz einer verbindenden Thematik – jeweils für sich alleine steht.

Typisch sind auch die Gestaltungsmerkmale. Die auftretenden Personen tragen keine Namen, sondern werden mit ihren auffälligsten Merkmalen eingeführt; der SA-Mann, die jüdische Frau, die Nachbarin, das Dienstmädchen usw. Nimmt man alle Szenen zusammen, ergibt sich ein durchaus repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung von damals.

Die Szene „Das Kreidekreuz“ zeigt, wie Verrat und Denunziantentum sich selbst in private Beziehungen mischen. Ähnlich die Episode „Der Spitzel“, wo Eltern Angst davor haben müssen, von ihrem eigenen Sohn angezeigt zu werden.

Eindrucksvoll wird die bedrückende Atmosphäre des Tages erfasst. Das Ehepaar traut sich nicht mal mehr, ans eigene Telefon zu gehen. Die eigenen Vier Wände scheinen nicht mehr sicher. Am Ende drückt es der Ehemann treffend aus: „Alle sind verdächtig. Es genügt doch, dass der Verdacht besteht, dass einer verdächtig ist.“

In der Szene „Arbeitsbeschaffung“ werfen Brecht und Steffin die Frage auf, welche Alternativen der Mann im Deutschland jener Tage eigentlich gehabt hätte, in einem Land dessen Wirtschaftswunder lediglich auf Aufrüstung beruht? Ist Glühlampen herstellen moralisch einwandfreier? Wohl kaum, auch die Fabrikhallen, in denen die Bomber entstehen, sind von Glühlampen erleuchtet.

In der „jüdischen Frau“ ist selbst der Charakter des ansonsten gut meinenden Ehemannes bereits korrumpiert. Im Text heißt es dazu: „Charakter, das ist eine Zeitfrage. Er hält soundso lange, genau wie ein Handschuh. Es gibt gute, die halten lange. Aber sie halten nicht ewig.“

Gegen Ende der Szene reicht der Ehemann seiner Frau mit den Worten „Schließlich sind es nur ein paar Wochen“ den Pelzmantel herüber. Brauchen wird sie den Mantel allerdings erst in einigen Monaten.

In der Episode „Rechtsfindung“ ist dem Amtsrichter sein eigenes Rückgrat bereits völlig abhanden gekommen. Die Verhältnisse haben sich umgedreht. Heutzutage kann man es sich mit der Justiz verscherzen, damals war es geradewegs umgekehrt. Brecht und Steffin zeigen hier, dass die Justiz in einer Diktatur nicht frei ist.

Zwei Inszenierungen des Stücks im Juni 1945 in den USA fallen bei Publikum und Kritik durch. Möglicherweise hatten die amerikanischen Zuschauer wenige Wochen nach Ende des Krieges genug von der Nazi-Zeit. Der New Yorker Kritiker George Nathan nannte Brecht gar einen wenig beseelten Dichter.

Dennoch fand man das Stück originell genug, um es in einer Inszenierung von Henry Schnitzler im Rahmenprogramm des Gründungskongresses der UNO 1945 zu zeigen.

Ich hoffe für Euch waren ein paar Denkanstöße dabei. Bis zu nächsten Mal.

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