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Transkript Friedrich Schiller – Weltanschauung

Guten Tag liebe Lernenden. Wir wollen uns in diesem Lehrvideo mit der Weltanschauung des deutschen Dichters Friedrich Schiller beschäftigen. Weltanschauliche Grundsätze sind für Dichter, die etwas auf sich halten, von großer Bedeutung. Es reicht oftmals nicht aus, nur über das Gefühl und das Herz die Dinge zu betrachten, sondern irgendwann kommt jeder Mensch zu dem Punkt, dass er sich also vor seinem geistigen Auge ein Bild geben möchte - auch in Form von Paragrafen oder Punkten, in Form von Essais oder in ganzen Abhandlungen oder Systematiken. Wie er eben die Welt sieht und alles, was dann daraus folgt an sprachlicher Auslegung vom Dichter, kann dann durch denjenigen, der diesen Text liest, decodiert werden. Also wir verstehen dann manche Aussage und manche Handlung besser, wenn wir wissen, auf welchen weltanschaulichen Grundsätzen der Dichter also sein Werk schrieb. So. Bei Schiller ist das recht einfach und kompliziert zugleich. Einfach in dem Sinne, als dass Schiller in seiner weltanschaulichen Entwicklung keine großen Brüche durchmachte, sondern bestenfalls Modifikationen. Das bedeutet, Schiller hat bereits als junger Mann, mit 18, 19, 20 Jahren, Grundsätze für sich entdeckt und ausgelebt, die dann im Laufe seines weiteren 25-jährigen Lebens bloß in einzelnen Punkten dann nochmal extemporiert wurden, ergänzt wurden, ein wenig modifiziert wurden. Aber prinzipiell kann man sagen, Schiller ist also immerzeit seines Lebens diesen Grundsätzen, die ich jetzt im Einzelnen erklären möchte, treu geblieben. Ich möchte die dann auch nicht großartig anderen Philosophen zusortieren, dafür ist Schiller einfach viel zu bedeutend. Wir können sagen, Schiller hat diese Positionen, diese weltanschaulichen Grundlagen, im Laufe seines Lebens selbst entwickelt. Wir können sagen, das ist also ein typischer Schiller. Gut. Was ist es? Was ist der Grund? Der Grund für Schillers Weltanschauung liegt in dem Gegensatz von "Teil" und "Ganzes". Das ist das, was also die Schillersche Weltanschauung in ihrer Grundfesten bedeutet. Zwischen dem Teil und dem Ganzen gibt es einen Gegensatz. Teil und Ganzes können also auch so beschrieben werden, dass also der Teil die Notwendigkeit ist. Oder: Der Determinismus waltet in diesem Teil. Was ist ein Teil? Ein Teil ist ein Etwas von dem Ganzen. Der Mensch als Solches, einzelne Teile des Menschen, Teile der Teile und so weiter. Es gibt dort immer diesen Kausalnexus, wie Schiller das auch oft nannte, also eine durchgehende Bedinglichkeit aus Ursache und Wirkung. Wir sind in diesem Fall - wir Menschen sind, was das Leben in der Wirklichkeit, in der Realität, in der Welt betrifft - determiniert. Aber - und jetzt kommt das große aber - wir besitzen in uns auch einen Teil, der uns in das Ganze hineinführen kann. Unsere Fantasie, unsere Hoffnungen, unsere Numinosität, also unsere Beziehung zu Gott, unsere Wirklichkeitswahrnehmung des Ganzen selbst in uns als Abbild. Das ist etwas, was Freiheit ermöglicht in uns. Wir haben ein Gefühl und eine Hoffnung und eine Sehnsucht in diese Freiheit. Der Mensch lebt in diesen beiden Welten, er ist sozusagen Bürger zweier Welten, um es mal so zu sagen, und kann also sich über den Teil hinwegsetzen, indem er den freiheitlichen Teil in sich zum Ganzen macht. Diese Möglichkeit besteht. Es gibt nun heute genug Leute, die behaupten, dass also alles auf der Welt durch und durch in einem Kausalnexus besteht. Es gibt immer eine Ursache und daraus eine Wirkung und eine Folge und immer wieder eine Ursache und so weiter. Und es gibt welche, die sagen: Ich bin jederzeit in der Lage Herr meiner Situation. Ich kann jederzeit mich als freiheitlichen Menschen begreifen. Dieser Streit wird wahrscheinlich nie ganz von der einen Seite gewonnen oder verloren werden - und das soll jetzt auch nicht unser Thema sein. Das ist auch nicht Schillers Thema. Schillers Thema lautet nichts Anderes, als: Wie kann ich diese Freiheit mir erringen? Wie kann ich meine Mitmenschen zur Freiheit erziehen? Und wie kann ich das Menschengeschlecht zur Freiheit erziehen? Schillers Anspruch war niemals, nur auf das Individuelle oder auf das Nationelle bezogen, sondern er dachte immer in einem menschheitlichen Grund, ja? Dass also das Ganze, das war die Menschheit, und diese Menschheit selbst ist der Grund, aus dem heraus er sozusagen auch schöpft. Alles, was den Menschen als Solchen betrifft. Deswegen kann man seine Philosophie, bzw. seine Weltanschauung auch humanistisch oder als Humanismus bezeichnen, weil sie immer auf den ganzen Menschen zielt. Gut, jetzt sind wir bei dem Menschen. Ein anderes Wort für Mensch ist auch "anthropos", das griechische Wort für Mensch. Und wenn man jetzt also das in einer psychologisch-soziologischen Richtung untersucht, dann kann man das "anthropologische Grundsätze" titulieren. Und da haben wir also auch 3 Dinge, die für Schiller von größter Bedeutung sind. Da haben wir nämlich das Verhältnis zwischen Geist und Körper. Und da Schiller also ein Idealist war, war er der Meinung, dass der Geist sich den Körper schafft. Nicht der Körper schafft den Geist, oder das Materielle schafft das Ideelle, sondern der Geist schafft sich den Körper - letztendlich sind sie aber Eins. Ja? So. Also, dass der Geist letztendlich am Ende über den Körper triumphieren kann, der Meinung war Schiller schon. Und wenn wir das also durchexemplifizieren, dann kommen wir dazu, dass sich letztendlich der Körper als Form begriffen, immer auf den Geist zurückführen lässt. Der Geist schafft sich dann den entsprechenden Körper. Am Ende muss doch jeder Geist der in ihm gewesene Körper werden.  Dann haben wir den nächsten Grundsatz: Das Verhältnis zwischen Held und Leiden. Für Schiller existiert hier ein Gleichheitszeichen. Das bedeutet, der Held muss leiden, weil er Teil ist und das überwinden muss. Und das kann er nur überwinden, indem er sich davon befreit und daher kommt dann das Prinzip des Leidens. Und wenn er das überwunden hat, dann kann er der Freiheit dienen oder etwas tun, was über ihn als Einzelwesen als Teil des Ganzen hinausreicht. Sozusagen der Entwurf aus dem Teil ins Ganze hinein. Ein Held muss leiden. Er überwindet seine Abstraktheit und geht über in das Allgemeine, in das Reale, in die Ganzheit, in die Freiheit, in eine höhere Bewusstseinsebene, ins ideelle Reich des Freiheitlichen. Das ist das Entscheidende. So. Damit kommen wir dann zum Nächsten. Und das ist etwas, was uns sehr verwirren wird. Denn der nächste anthropologische Grundsatz lautet: Leiden ist - Na, was vermuten wir? Richtig. - Freiheit. Leiden ist Freiheit. Nur wer erkennt, dass er leiden muss, kann Freiheit erringen. Und um Freiheit ist es Schiller immer bestellt. Das war sein Lebensziel. Den philosophischen Begriff und das poetische Bild kongruieren lassen. Der philosophische Begriff ist das, was es ist: das Sein, das Dasein, die Liebe. Auch das wird von Schiller als philosophischer Begriff, das Sentimentale, das Naive, das Vorwärtsstrebende, das Dasein, die Hoffnung und alles, was mit dem Menschen in irgendeiner Weise zu tun hat, in das poetische Bild bringen und das zu einer Einheit verschmelzen. Darum ging es Schiller. Und das wirkt dann erziehend auf das gesamte Menschengeschlecht, weil der Mensch ist so, dass er das liebt, was ihn in Freiheit setzt. Wenn ihn etwas nicht in Freiheit setzt, dann liebt er es nicht. Er kann es achten aber er liebt es nicht. Er liebt das, was ihn in ein erhabenes Glücksgefühl der Unendlichkeit bringt. Und das schafft er nur, weil im Menschen diese philosophischen Begriffe der Freiheit und Schönheit angelegt sind, und das poetische Bild dann die Kraft besitzt, diese philosophischen Begriffe in uns wahrlich zum Leben zu erwecken und in uns diese Freiheitsgefühle zu erreichen. Das ist das, was Schillers Lebensziel als Dichter ausmachte und was er unbedingt erreichen wollte. Oder, anders ausgedrückt: Freiheit ist Schönheit in der Erscheinung (um das ästhetisch auszudrücken). Schönheit in der Erscheinung. Wir fühlen uns von der Schönheit angezogen und sie setzt uns in Freiheit, in Zufriedenheit, in Glück, in Hoffnung, wenn wir das schaffen. Und das ist bei jedem Menschen anders aber doch letztendlich kann man hier einen kleinsten gemeinsamen Nenner bilden und die sprachlichen Handlungsmuster aufs Tapet bringen, also auf die Bühne bringen oder auf ein Buch fassen und der Leser, der Rezipient, liest das, nimmt das wahr und fühlt und entwickelt und schafft sich als Teil des Ganzen einen freiheitlichen Grundansatz, der das Ziel von Schiller also ausmachte. Gut. Das dazu. Dann kommen wir noch, last but not least, zum politischen Postulat Schillers. Schiller hat also am Ende seines Lebens sich endgültig von allen politischen Ordnungsmustern, die auf Demokratie oder auf Aristokratie in gewisser Weise abzielten, gelöst und hat also im Demetrius, einem Drama, in dem es darum geht, dass ein falscher Thronfolger in Russland sich die Macht erreicht, das formuliert. Da tritt ein polnischer Magnat auf im polnischen Reichstag. Und dieser Magnat, der tritt als Einziger auf gegen den Krieg. Alle im polnischen Reichstag, im Sejm, schreien wie wild durcheinander und wollen Russland überfallen, weil sie sind stärker und sie haben jetzt endlich die Möglichkeit in Form dieses Dimetrius, der also seinen Thron in Russland erringen möchte, den zu unterstützen und dann Russland zu einem abhängigen Gebiet von Polen zu machen. Und alle schreien: Ja, wir wollen das jetzt endlich machen. Und dann tritt dieser Saphiea auf, ein anderer polnischer Magnat und Schiller legt ihm die Worte in den Mund, die also seine Weltanschauung politischer Natur auf das Anschaulichste wiedergeben: "Mehrheit. Was ist Mehrheit? Verstand ist stets bei Wenigen nur gewesen. Man muss die Stimmen wägen und nicht zählen. Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet, da muss der Staat untergehen, früh oder spät." Das war ein Glaubensbekenntnis politischer Natur gegen Mehrheiten, gegen Unverstand, gegen Teilhaftigkeit. Nur das Ganze als Solches ist in der Lage, kluge und freiheitliche Entscheidungen zu treffen. Wenn also Mehrheiten entscheiden, dann wird es meist zu einem Fiasko führen. Und das war also Schillers weltanschauliche Prämisse politischer Natur. Keine Mehrheiten. Das führt zu Nichts.

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2 Kommentare
  1. Rene redaktion

    Vielen Dank für deinen Kommentar! Wir freuen uns zu hören, dass dir das Video gefallen hat.

    Beste Grüße
    Die Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor mehr als einem Jahr
  2. Default

    super.!! sie sind ein sehr guter Lehrer. !!!!

    Von Fidan.Brand, vor mehr als einem Jahr