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Transkript Formanalyse – Teilsätze und Ganzsätze

Guten Tag, liebe Lernende.In diesem Lehrvideo soll es um einen Bereich der Formalanalyse gehen, der zum Großthema Textanalyse gehört. Es geht um das Verhältnis von Teil- und Ganzsätzen. Es wird zu klären sein, ob der Text vorrangig Teilsätze oder Ganzsätze enthält. Ich werde ein paar Beispiele zeigen, die dann von Euch in ähnlicher Form geübt werden können. Hier geht es darum, erst einmal zu erklären, was ein Teilsatz ist und was ein Ganzsatz ist. Wir kennen das vielleicht noch nicht in dieser Form, aber wir benutzen es täglich im Umgang miteinander: die sogenannten Satzbrüche. Wie oft hören wir es, dass wir einen Satz zu Ende sprechen sollen? Manch einer fängt ein Gespräch an, dann wird er mittendrin unterbrochen und der Gedanke wird nicht zu Ende gesprochen. Das findet man auch in der Literatur. Gerade im Gespräch oder in einer Dramenanalyse findet man das sehr häufig, dass der eine dem anderen ins Wort fällt. In mancher literarischen Gattung ist das sogar Usus, da baut sich ein Gedanke auf dem anderen auf. Die sogenannte Stegreifkomödie funktioniert so, dass einer dem anderen ein Stichwort gibt: Ohne den Satz beenden zu können, fällt ihm sein Pendant ins Wort und beendet den Satz. Wenn wir einen Text analysieren wollen, können wir hier ganz genau erkennen, wo jetzt der Bestandteil des Satzes unterbrochen wird. Und vielleicht ergibt sich daraus auch manchmal eine Form, die von uns erkannt wird. Manchmal ergibt sich sogar in einer ganz abstrakten Weise eine Form, die wir dann zusammengesetzt erkennen können, dass also der Autor sich etwas dabei denkt, warum er an der oder an jener Stelle seine Gesprächspartner sich gegenseitig unterbrechen lässt. "Virginia Woolf" ist auch ein ganz berühmtes Beispiel dafür, dass der eine den anderen keineswegs seinen Gedanken zu Ende führen lässt.In der Umgangssprache haben wir es auch relativ häufig, das Nebensätze (NS) benutzt werden, die aber vom Gesprächspartner als Hauptsätze (HS) verstanden werden. "Wie geht's?" ist ein Beispiel. Aber wir haben auch andere Beispiele, die ich dann noch nennen möchte. Oder, der Klassiker: die Ganzsätze. Was ist ein Ganzsatz? Ein Ganzsatz ist jedenfalls ein vollständiger Satz mit einem Subjekt, einem Prädikat und meist auch einem Objekt, der als Kern-, Stirn- oder Spannsatz auftreten kann. Das sind die Klassiker, die immer wieder in den Texten von Lehrbüchern benutzt werden und die uns dazu bringen sollen, vollständiges und gesundes Deutsch miteinander zu sprechen. Aber die wenigsten halten sich daran. Auch wenige Autoren halten sich daran - gerade neuere Autoren neigen dazu, das Verhältnis der Teilsätze überzubetonen. Wenn wir also einen Text von 20 Sätzen Länge vor uns haben und wir finden darin 18 Ganzsätze, dann können wir davon ausgehen, dass diesen Text jemand geschrieben hat, der seit 100 Jahren tot ist. Finden wir einen Text, in dem 18 Teilsätze vorherrschen, können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Text jüngeren Datums ist.Ich komme jetzt zu einigen Beispielen. Nachdem wir die Theorie dazu geklärt haben, wollen wir das an einem Beispiel ein wenig illustrieren und dabei die ganze Schwierigkeit ins Auge fassen, die sich bei der Textanalyse hinsichtlich der Organisation des Verhältnisses zwischen Teil- und Ganzsätzen ergibt. Was es da für Schwierigkeiten gibt, dass wollen wir uns ein bisschen genauer anschauen: Ich habe hier einen ganz einfachen Text, sagen wir zwischen Vater und Sohn. Es geht um "Binia", das kann ein Hund, eine Katze oder eine Freundin sein, das ist nicht ganz klar.Der Sohn: "Ich wollte gestern ..." - der Klassiker für einen Satzbruch.Vater: "Was du auch immer willst!" - in Form einer Frage, mit dem Wort "was" eingeleitet, aber hier als Ausrufesatz (Imperativ) in Form eines Vorwurfes formuliert. Ist das ein vollständiger Satz? Nicht mal als Frage ist es ein vollständiger Satz, aber der Form nach wird es hier als solcher gekennzeichnet."Aber ..." - der Vater fällt sofort ins Wort, wie das ganz oft der Fall ist, aber die Entgegnung wird sofort unterbrochen:"Ich sagte dir schon vorgestern, dass du mit Binia nicht scherzen sollst." - Klarer "dass"-Satz, ein Hauptsatz mit "dass"-Konstruktion. Auch eine Form des Befehls, durch das "sollst" angekündigt, und ein klarer Aussagesatz."Wenn sie doch aber ..." - wieder eine Einfügung des Sohnes, auch nicht ausgesprochen. Der Vater weiß offensichtlich, was der Sohn sagen will."Nix aber." - das ist kein vollständiger Satz, wird aber so angezeigt. Wir müssen das der Form nach als vollständigen Satz nehmen, ob wohl es kein vollständiger Satz ist."Du lässt sie in Ruhe!" - das ist ein ganz klarer, vollständiger Satz mit Subjekt, Prädikat und (Präpositional-)Objekt."Darf ich morgen vielleicht ..." - Ist das ein vollständiger Satz? Die 3 Punkte täuschen darüber nicht hinweg, dass es kein vollständiger Satz ist. Es fehlt etwas: "Darf ich morgen vielleicht ..." was?"Vielleicht." - dieses Wort hingegen, ein einziges Wort, kann als vollständiger Satz angesehen werden. Zwar ist es in gewisser Weise unvollständig, aber die Aussage ist semantisch und auch von der Form des Wortes her deutlich ein Adverb. Dieses "Vielleicht" zeigt uns an, dass dieser Satz, der nicht vollständig ist, mit einem einzigen Wort vollständig beantwortet wird.So, was stellen wir jetzt fest bei diesem Textausschnitt? Es ist Umgangssprache, es ist Alltagssprache und es herrscht eindeutig der Teilsatz vor. Das heißt, das Unvollständige ist unsere gängige Kommunikationsebene. Wobei es hier auch ein Rollenverhältnis gibt zwischen dem Sohn und dem Vater. Der Sohn kommt niemals dazu, wie man es ganz oft hat, vollständige Sätze zu sprechen. Er wird letztendlich immer durch klare Aussagen, wie "willst" und "sollst" und Imperativen mit Ausrufezeichen in eine Rolle gedrängt, die ihn dazu bringt, nicht klar und deutlich zu akzentuieren, was er denn nun eigentlich möchte, in diesem Rollenverhältnis. Es gibt auch andere Rollenverhältnisse in anderen Familien, aber hier in diesem alltäglichen Beispiel wird uns deutlich: Ein Sohn, der irgendetwas ausgefressen hat, oder etwas getan hat, das der Vater nicht möchte. Der Vater fällt ständig ins Wort mit als Haupt- und Ganzsätzen getarnten Teilsätzen, die gleichzeitig imperativischen Charakter haben. Das könnte die Formalanalyse dieses Textes ergeben. Einen solchen Text werden wir bei keinem unserer Klassiker finden. Einen solchen Text werden wir  nicht in der Romantik oder auch nicht im Barockzeitalter finden. Einen solchen Text werden wir auch nicht in der griechischen oder römischen Antike finden, auch bei Shakespeare werden wir solche Texte nicht finden.  Es ist ein klassischer Text aus der Alltagssprache und wir können hier erkennen, dass das Unvollständige hier von beiden Seiten Methode hat. Wobei der imperativische Charakter, also der Befehlston, beim Vater vorherrscht - aber auch nur in Sätzen, die keine Ganzsätze sind oder in den seltensten Fällen die Anforderungen eines Ganzsatzes erfüllen.

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1 Kommentar
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    Von Pally, vor etwa 4 Jahren