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Transkript „Faust. Der Tragödie erster Teil“ – Rezeptionsgeschichte (Goethe)

"Faust. Der Tragödie erster Teil" (Johann Wolfgang v. Goethe): Rezeptionsgeschichte

Goethes “Faust” und gerade “Faust I” ist eines der meist gelesenen und besprochenen Werke der deutschen Literatur. Obwohl Goethe den Fauststoff selbst nur kreativ erweiterte, ist sein “Faust” doch der häufigste Grundgerüst für andere Künstler und Interpreten. Kein anderes deutsches Drama wurde so oft auf verschiedenste Weisen angepasst. Kaum ein Stück hat so viele verschiedene Reaktionen, Interpretationen und Kritiken hervorgerufen, wie der “Faust”.

In diesem Video beschäftigen wir uns mit diesen Reaktionen und Meinungen. Wir werden erfahren, wo der Stoff missbraucht, wo er stark gemacht und wo gescholten wurde. Und natürlich befassen wir uns mit der Aufführungsgeschichte.

Als das Stück 1808 veröffentlicht wurde, galt es zuerst als “unspielbar”. Zu fantastisch, beschrieb Goethe, zu groß war die Szenerie. Aufgeführt wurden bis 1829 stets nur einzelne Szenen, wie die Studierzimmerszene zu Beginn des Dramas. Erst 1829 kam es in Braunschweig zur Uraufführung des Faust.

Allerdings wurde das Drama stark eingestrichen, viele Szenen fielen weg. Entweder, weil die Umsetzung unmöglich erschien - zum Beispiel bei der Szene der “Walpurgisnacht” - oder weil der Inhalt sich kritisch mit der Kirche auseinandersetzte - z. B. Mephistos Rede über den Hunger der Kirche.

Vom Publikum und Kritikern wurde der “Faust” schon bei seiner Veröffentlichung sehr gut aufgenommen.

Relativ früh begann auch schon eine musikalische Verarbeitung von Goethes Drama. Bereits 1808 komponierte Anton Radziwiłł Musik zu einigen Texten des Stückes. 1809 nutzt Ludwig van Beethoven Ausschnitte für “Es war einmal ein König”. In den Folgejahren beschäftigen sich auch Komponisten wie Franz Schubert, Richard Wagner, Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann mit den Texten.

1859 wurde Charles Gounods Oper “Faust” uraufgeführt. Diese Oper ist grundlegend von Goethes Faustfassung inspiriert. Darüber hinaus enthält sie Motive, die später andere Literaten in ihre Faustverarbeitung übernommen haben.

Der Faust erhielt sehr schnell das Prädikat “typisch deutsch”. Bereits in den 1870er Jahren wurde der Text Pflichtlektüre in Preußen und ist seit dem nicht mehr vom deutschen Lehrplan verschwunden. Der Text verdankt einen großen Teil seiner Popularität der ständigen Präsenz auf den Bühnen.

Während des ersten Weltkrieges wurde er zum Propagandamittel. Der ohne Angst immer bis zum Ende forschende und teils sorgfältger Wissenschaftler galt als deutscher Stereotyp. Die jungen Soldaten - so die Propaganda - "zogen mit Faust im Tornister" ins Feld. Dieser Spruch verweist darauf, dass deutsche Soldaten - der Propaganda zufolge - Faust als urdeutschen Text stets bei sich tragen.

Er wird selbst auf dem Schlachtfeld gelesen und sich an der Sprache und Kunstfertigkeit Goethes erfreut. Die Nationalsozialisten nutzen dann vor allem Goethe selbst, als deutschen und überlegenen Dichterfürsten, für ihre Propaganda.

Doch auch hier regten sich andere Stimmen. 1943 veröffentlicht Thomas Mann “Doktor Faustus”. Hier ist Faust ein durchweg deutscher Held, allerdings wird der Teufelspakt als Gleichnis auf die Verbindung der Deutschen und Hitler gesehen. Ebenso wie Mephisto Faust alles verspricht und die Moral außen vor lässt, so habe auch das deutsche Volk sich alles versprechen lassen und weggesehen, wenn es um die Moral ging.

Nach dem zweiten Weltkrieg hält die Popularität des Dramas an. Der Pakt mit dem Teufel um unbegrenztes Wissen also Macht zu erlangen, rückt in den Vordergrund der Rezeption. Die Frage nach dem “wie weit darf die Wissenschaft gehen?” wird besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts populär.

Bis heute ist es das meistgespielte Stück an deutschen Theatern. Gerade in den letzten Jahren nimmt die Inszenierungen von beiden Teilen gemeinsam stark zu.

Verfilmt wurde der Stoff auch immer wieder. 1926 erstmals vom deutschen Filmmemacher Friedrich Wilhelm Murnau mit Emil Jannings als Mephisto. 1960 entsteht eine der berühmtesten Verfilmungen mit Gustaf Gründgens und Will Quadflieg in den Hauptrollen. Bis heute gibt es zahlreiche Verfilmungen, die oft nur noch sehr lose an das Original angelehnt sind.

Motive aus Goethes Faust finden sich unzählig in der heutigen Popkultur. Mit ein Grund dafür ist der Reichtum an geflügelten Worten, die aus Goethes Text stammen. “Das also war des Pudels Kern”, “Name ist Schall und Rauch”, “Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein”, “Der Worte sind genug gewechselt” oder “Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust” sind nur ein paar davon.

Goethes Faust wird immer wieder neu interpretiert und rezipiert. Das Drama hat es geschafft, so sehr zum Allgemeingut zu werden, dass jede Epoche darin neue Aspekte sucht und findet. Wir haben gesehen, dass der Stoff über die Jahrhunderte eine sehr breite Spanne an Interpretationen erfahren hat und dass dieser Trend immer noch anhält. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Musik, in Film und Fernsehen sowie in der Popkultur ist der Faust nicht mehr wegzudenken.

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2 Kommentare
  1. Rene redaktion

    Im Jahr 1870 endete der Deutsch-Französische Krieg und das Deutsche Reich wurde gegründet. Für die nationale Identitätsbildung der neuen Nation brauchte man nationale Mythen, Sagen, Geschichten etc., um die Einheit zu begründen. Der Faust von Goethe war sicher ein willkommener Text, um vermeintlich "deutsche" Eigenschaften aufzustellen. Das Drama wurde zu der bedeutendsten deutschen Dichtung verklärt, obwohl die meisten den Text nie gelesen hatten. Welche Eigenschaften genau als "typisch deutsch" gesehen wurden, kannst du u.a. hier nachlesen: Lörke, Tim: Die Verteidigung der Kultur. Heidelberg 2007.

    Beste Grüße
    Deine Deutschredaktion

    Von René Perfölz, vor 12 Monaten
  2. Default

    Was ist denn bereits in den 1870ern so "typisch deutsch" am Fausstoff? :)

    Von Annatheresa97, vor etwa einem Jahr