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Transkript „Faust. Der Tragödie erster Teil“ – Geschichte des Fauststoffs (Goethe)

Hallo, mein Name ist Joana! Wir wollen uns heute mit der Geschichte des Fauststoffes beschäftigen. Die Geschichte von Dr. Johannes Faustus und von seinem Pakt mit dem Teufel gehört zu einem der populärsten Stoffe der europäischen Literatur- und Musikgeschichte und der Malerei. Viele Dichter haben sich seit dem 16. Jahrhundert damit beschäftigt, jeder auf seine Art. In all den verschiedenen Versionen des Fauststoffes kehren aber immer Fausts Macht- und Erkenntnisstreben, der Teufelspakt, und seine erotischen Bestrebungen auf. Zwischen dem 16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts existieren 2 kontrastierende Auffassungen der Faustfigur nebeneinander. In der Populärliteratur wird Faust als Scharlatan und Witzfigur dargestellt, der sich einbildet, Gott herausfordern zu können. In ernsthaften Literaturbearbeitungen erscheint Faust als Mensch im Zwiespalt zwischen der Kraft des Glaubens und dem Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Nach diesem kurzen Überblick wollen wir dorthin schauen, wo es mit Dr. Faustus begann, nämlich mit dem historischen Faust. Johann Faust, geboren um 1480, lebte in Süddeutschland, und er besaß bemerkenswerte naturwissenschaftliche, medizinische und theologische Kenntnisse. Berühmt war er durch sein Auftreten als Wahrsager. In all die literarischen Faustfiguren flossen Vorbilder aus der Antike, dem Mittelalter und der Neuzeit mit ein. Dazu gehören Prometheus, der die Götter herausfordert, Pygmalion, derKünstler, der sein Kunstwerk lebendig machen möchte, Don Juan, der überhebliche Frauenheld, Il Dottora aus der Commedia dell Árte, der gelehrige Schwätzer und Allegorie, der Todsünder aus dem Mittelalter, besonders der Hochmut. Faust erscheint das 1. mal in der Literatur in Historia von Dr. Johann Faustus 1587 von dem Buchdrucker Johann Spiess. Genannt wird dieses Buch auch das Volksbuch. Spiess erzählt von Fausts Theologie- und Medizinstudium, seiner Beschäftigung mit der Zauberei und seinem Bündnis mit dem Teufel, der ihn am Ende mit in die Hölle nimmt. Der Autor ist deutlich christlich eingestellt und vermittelt ein negatives Faustbild, und er mahnt zu einem gottesfürchtigen Leben. Das Volksbuch erlangte große Bekanntheit und wurde auch in England populär. Hier entstand die nächste wichtige Faust Bearbeitung. Christopher Marlowes Tragical History of Doctor Faustus, 1589. Diese Fassung enthält alle wesentlichen Stoffelemente. Faust ist aber deutlich als Rennaissancemensch zu erkennen, der Macht über die Welt verlangt und die Theologie mit ihrer Jenseitsorientierung verachtet. Er paktiert mit dem Teufel und der Magie und endet in der Hölle. Anders als Spiess empfindet Marlowe jedoch Sympathie für seinen Protagonisten. Faust wird hier zum 1. Mal mit positiven Zügen gezeigt. Nach 1600 kam Marlowes Faust auch nach Deutschland und wurde von vielen Wanderbühnen gespielt. Zwischen 1600 und 1750 erscheint der Volksstoff in zahlreichen Bühnenfassungen, aber er verkommt zur Witzfigur und zum komischen Dämon im aufwendigen Zirkusballett und Feuerwerksspektakeln. 1725 erscheint die von J. Pfitzer überarbeitete Fassung des Volksbuchs, eindeutig christlich geprägt und erstmalig mit dem Liebesmotiv. Goethe las diese Fassung in seiner Jugend. Ab 1750, in der Zeit der Aufklärung, begannen die Schriftsteller, Fausts Handeln und Streben zu rechtfertigen und als wertvoll anzusehen. Gotthold Ebrahim Lessing veröffentlichte 1759 ein Faust-Fragment. Dort ist Faust der nach Erkenntnis strebende Wissenschaftler, der vor dem Teufelspakt bewahrt wird. Der Wissensdurst wird zeitgemäß als positiv empfunden und portraitiert. In der Epoche des Sturm und Drangs zwischen 1775 und 1800 beschäftigten sich viele junge Dichter mit dem Faustthema. Faust verkörperte für sie den Willen, sich geistig und sinnlich grenzenlos auszuleben, sich von einem als dumpf und naturfremd empfundenen Lebensalltag zu distanzieren. Wir kommen nun zur Wichtigsten aller Faust-Dichtungen, zu Goethes Faust. Das Volksbuch und Lessings Faust gelten als die Quellen für Goethes Faust. Ein Prozess gegen die 1772 in Frankfurth hingerichtete Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt regte die Gretchenhandlung im 1. Teil an. Goethes 1., zwischen 1772 und 1775 Entwurf zu Faust ist nur als Abschrift erhalten. Dieser sogenannte Urfaust wurde erst 1887 entdeckt. 1790 erschien eine überarbeitete Fassung des Urfausts. Erst auf Schillers Drängen hin nahm Goethe 1797 die Arbeit an Faust wieder auf. 1808 schloss er „Faust, der Tragödie 1. Teil“, ab. Der 2. Teil entstand zwischen 1825 und 1831. Goethe stellt Faust als Monisten dar, der sich aus der kirchlichen Bevormundung befreit hat. Faust ist getrieben von dem Wunsch nach Erkenntnis und nach intensiven, grenzüberschreitenden Erfahrungen. Diese Wissbegier wird nicht als grundsätzlich schlecht gesehen, auch wenn sie viel Tragisches verursacht. Wir fassen zusammen. Am Anfang stand die historische Figur des Johann G. Faust. Sein Leben wird weitererzählt und ausgeschmückt. Die 1. Faust-Dichtung ist das Volksbuch von Johann Spiess. Das Volksbuch wird von Johann Pfitzer verarbeitet. Um 1600 gelangt die Geschichte von Dr. Faustus nach England. Dort entsteht Christopher Marlowes „The tragical History of Doctor Faustus“. 1759 schreibt Lessing sein Faust-Fragment. Johann Wolfgang von Goethe befasst sich gut 60 Jahre mit dem Fauststoff. Es entstehen der Urfaust, Faust, ein Fragment, Faust, der Tragödie 1. Teil, Faust, der Tragödie 2. Teil. Über die Jahrhunderte entstehen neue philosophische und gesamtkulturelle Denkweisen, die sich in der Behandlung des Fauststoffes wieder spiegeln. Während in der Zeit vor der Aufklärung Fausts maßloser Wissensdurst, der auch vor einem Pakt mit dem Teufel zu diesem Zwecke nicht zurück schreckt, als verdammenswert und gotteslästerlich empfunden wird, herrscht seit der Aufklärung eine grundsätzlich positivere aber dennoch kritische Bewertung von Fausts Handlungsweise vor. Wir sind am Ende. Jetzt kennst du die Geschichte des Fauststoffes und kannst mit Marlowe oder Goethe oder jemand anderem beginnen. Dass du erkennst, was die Welt im Innersten zusammenhält. Bis zum nächsten Mal, deine Joana.

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1 Kommentar
  1. Photo 00033

    Sehr umfangreich und trotzdem sehr gut verständlich, vielen Dank!

    Von Bernadette W., vor fast 4 Jahren