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Transkript Erzählsituation – Typologie

Hallo, ich bin Martina und in diesem Video werde ich dir die Grundbegriffe der Typologie von Erzählsituationen von Franz Stanzel vorstellen. Es werden erst mal nur die 3 verschiedenen Erzählsituationen vorgestellt und an Beispielen erklärt. Stanzels Typenkreis, sowie der Typenkreis unter Einbeziehung anderer literaturwissenschaftlicher Ansätze, wird in dem nächsten Video erklärt. Damit du heute alles verstehst, solltest du aber wissen, was epische Texte sind, und die Funktion des Erzählers in epischen Texten kennen. Falls du diese Grundkenntnisse noch mal nachholen möchtest, sieh dir einfach das VIdeo "Kennzeichen epischer Texte" an. Ich wünsche dir mit dem Video viel Spaß.   Die bisherigen Videos zur Erzählsituation in epischen Texten basierten auf dem Modell zur Erzähltheorie von Gérard Genette. Natürlich gab es noch andere Literaturwissenschaftler, die ebenfalls Modelle entwickelt haben, mit denen man Erzählsituation beschreiben und analysieren kann. Ein Erzählforscher, der eine Typologie entwickelt hat, mit der sich narrative Texte untersuchen lassen, ist Franz Stanzel. Nach Stanzel gibt es 3 Formen der Erzählsituation: Die auktoriale Erzählsituation, die Ich-Erzählsituation, und die personale Erzählsituation. Bei der auktorialen Erzählsituation ist der Erzähler selbst nicht Teil der erzählten Welt. Er berichtet allwissend und mit Außensicht auf die Figuren. Man nennt den auktorialen Erzähler deshalb auch oft "allwissender Erzähler".  Er weiß also mehr, als die einzelnen Figuren und kennt die Gefühle und Gedanken aller Figuren. Er kennt oft ihre Vorgeschichte und manchmal auch die Zukunft. Er kann berichten, was verschiedene Figuren zur gleichen Zeit tun und er kann durch Kommentare auf seine Anwesenheit aufmerksam machen. Die Erzählweise ist die berichtende und es wird hauptsächlich in der dritten Person erzählt. Ein Beispiel für eine auktoriale Erzählsituation ist der folgende Text.   "An einem unfreundlichen Novembertag wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen, reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerbund, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben. Denn er hatte wegen des Falliments irgendeines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch nichts gefrühstückt, als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagbrot herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, einen weiten, dunkelgrauen Radmantel trug, mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange, schwarte Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute."   Der auktoriale Erzähler blickt von außen auf die Figuren. Er kennt ihre Vorgeschichte, Zeit und Ort der Handlung, die Gefühle des Schneiderleins und die Motivation seines Handelns. Bei der Ich-Erzählsituation ist der Erzähler Teil der erzählten Welt. Er kann das Geschehen entweder selbst erlebt haben, oder davon berichten. Wie beim auktorialen Erzählen ist die vorherrschende Erzählweise die berichtende, aber es wird in der ersten Person erzählt. Der Ich-Erzähler kann ebenfalls die Handlung kommentieren und rückblickend erzählen, aber beim erlebenden Ich-Erzähler ist das Wissen über die Gedanken und die Gefühle über die Figuren auf ihn beschränkt. Er kann nichts über die Gedanken der anderen Figuren sagen. Ein Beispiel für einen Ich-Erzähler, der das Geschehen selbst erlebt, ist der Erzähler des Romans "Robinson Crusoe".   "Als ich nun doch schon höher an Land war, kamen die Wellen nicht mehr so hoch wie zuvor, und ich hielt mich fest, bis sie sich verlaufen hatten, rannte dann weiter in Richtung Land, sodass mich die nächste Woge zwar noch erreichte aber mich nicht mehr zurückriss, und kletterte mit erleichtertem Herzen an den Klippen der eigentlichen Küste hinauf und setzte mich ins Gras, aus aller Gefahr befreit und außer Reichweite der See. Nun war ich heil gelandet, sah mich um und dankte Gott, dass er mein Leben, das wenige Minuten zuvor verloren schien, gerettet hatte."   Ich-Erzähler, die das Geschehen nur beobachten, sind meist nicht die Hauptfigur, sondern nur Zeuge der Hauptfigur. Sie wissen so viel über die Figur, dass sie schon fast wie ein auktorialer Erzähler wirken. Ein Beispiel für einen Ich-Erzähler, der die Handlung nicht selbst erlebt, sondern nur beobachtet, findest du in dem folgenden Textausschnitt.   "Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben, wenn ich diesen Mitteilungen über das Leben des verewigten Adrian Leverkühn, dieser ersten und gewiss sehr vorläufigen Biographie des teuren, vom Schicksal so furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und genialen Musiker, einige Worte über mich selbst und meine Bewandtnisse vorausschicke."   Der Ich-Erzähler beobachtet Adrian Leverkühn und erzählt von seinem Leben. Er hat das Geschehen nicht selbst erlebt, aber ist Teil der erzählten Welt. Bei der personalen Erzählsituation erzählt der Erzähler die Geschichte aus der Perspektive einer bestimmten Figur. Der sogenannten "Reflektorfigur". Er verzichtet auf alle Kommentare und tritt somit völlig in den Hintergrund. Die Erzählweise ist vorwiegend die erlebte Rede, denn diese Form der Erzählweise vermittelt dein Eindruck des unmittelbaren Erzählens. Für den Leser entsteht der Eindruck, er sei selbst unmittelbarer Zeuge des Geschehens. Es wird meist in der dritten Person erzählt. Die Perspektive ist aber auf die Insicht der Reflektorfigur beschränkt. Es gibt also keine zuverlässige Kommentare zu den Gedanken anderer Figuren. Das Geschehen wird dem Leser einzig und allein aus der Perspektive der Reflektorfigur präsentiert, und deshalb sind die Aussagen des Erzählers auch sehr einseitig. Die personale Erzählsituation wurde vorwiegend in den Romanen der Moderne, zum Beispiel bei Kafka, verwendet. Auch hierzu gibt es wieder ein Beispiel.   "Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmer empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden." Ich fasse die 3 Erzählsituationen noch mal zusammen. Der auktoriale Erzähler ist allwissend, kennt die Gedanken und Gefühle aller Figuren, kennt ihre Vorgeschichte, berichtet, was mehrere Figuren zur gleichen Zeit tun, ist nicht Teil der erzählten Welt, die vorherrschende Erzählweise ist die berichtende und es wird in der dritten Person erzählt. Und der Erzähler macht durch Kommentare auf sich aufmerksam. Der Ich-Erzähler ist Teil der erzählten Welt. Es gibt das erlebende oder das erzählende Ich. Ich-Erzähler, die das Geschehen selbst erleben, sind auch die Hauptfigur der Erzählung und können nur über die eigenen Gedanken und so weiter berichten. Ich-Erzähler, die Zeuge der Hauptfigur sind, wirken wie auktoriale Erzähler, da sie oft die Gedanken und Gefühle der Hauptfigur kennen. In beiden Fällen ist die Erzählweise die berichtende und es wird in der ersten Person erzählt. Der personale Erzähler tritt ganz in den Hintergrund und erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer Figur, der Reflektorfigur. Die vorherrschende Erzählweise ist die erlebte Rede und die Personalform ist die dritte Person. Da der Erzähler nur aus der Perspektive der Reflektorfigur berichtet, weiß er auch nicht mehr, als diese Figur weiß. Und schon sind wir wieder am Ende des Videos angekommen. Ich hoffe es hat dir gefallen. Bis zum nächsten Mal. Martina    

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