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Transkript „Emilia Galotti“ – Personenkonstellation (Lessing)

„Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.“ Mit diesen Worten stirbt Emilia in den Armen ihres Vaters. Auf ihr Drängen hin hat er sie erstochen.

Wer ist sie, die Titelfigur von Lessings bürgerlichem Trauerspiel, die sich selbst als Rose bezeichnet? Die lieber gebrochen als vom Sturm entblättert sein will? Und welche Personen sind daran beteiligt, dass es zu dieser Tragödie kommt?

Emilia Galotti

Emilia Galotti ist eine junge Frau aus einer bürgerlichen Familie. Sie steht kurz vor ihrer Hochzeit. Obwohl Emilia dem Stück seinen Titel verleiht und sich alles um sie dreht, tritt sie meist nur fremdbestimmt auf.

Wir erleben Emilia kaum als Handelnde, sondern als Objekt von unzähligen Gesprächen über sie, Wünschen und Erwartungen an sie sowie Projektionen auf sie.

Was feststeht: Emilia ist sehr schön, sie ist auch klug und lebhaft. Sie verkörpert das Natürliche. Sie ist ein frommes und tugendhaftes Mädchen. Ihre Moralvorstellungen, an denen sie letztlich zugrunde geht, sind jedoch vor allem das Produkt ihrer Erziehung und des erstärkenden Bürgertums.

Claudia Galotti, Emilias Mutter

Da ist auf der einen Seite Claudia Galotti, ihre Mutter. Sie möchte der Tochter den Zutritt in die höfische Gesellschaft ermöglichen. Die Erziehung in der Stadt soll sie bilden und ihr gute Heiratschancen vermitteln.

Claudia ist eine scharfsinnige und mitfühlende Frau. Innerhalb der Familie Galotti ist sie ihrem Mann Odoardo unterlegen, was vor allem deutlich wird, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit mit “Sie” anspricht.

Sie versteht die Gefühle der Tochter. Sie ist auch diejenige, die als erste das Komplott des Prinzen durchschaut. Wenn sie von ihren Emotionen bestimmt ist, schrecken die Herrschaftsverhältnisse Claudia nicht ab. Sie sagt im Lustschloss, dem ländlichen Rückzugsort des Prinzen, offen, was sie denkt, ohne Furcht, dafür bestraft zu werden.

Odoardo Galotti, Emilias Vater

Auf der anderen Seite übt der Vater Odoardo starken Einfluss auf Emilia aus. Zwar lebt er von Mutter und Tochter getrennt auf dem Landgut, wo er ein hoher Offizier ist. Doch mit seiner strengen Tugend hat er die Tochter geprägt. Er fürchtet ihre Verführbarkeit und würde sie am liebsten stets überwachen.

Das Leben in der Stadt und die Welt des Adels verachtet er, weil er sie als materiell und oberflächlich empfindet. Der Prinz ist sein Feind. Umso mehr begrüßt er die bevorstehende Heirat seiner Tochter. Sie soll Emilia weg von Stadt und Adel führen. Innerhalb seiner Familie ist er ebenso wie der Prinz in seinem Fürstentum, der Alleinherrscher.

Graf Appiani, Emilias Bräutigam

Emilias Bräutigam ist der Graf Appiani, ein ehrlicher Mann. Er teilt die verantwortungsvollen, vernünftigen Moralvorstellungen des Bürgertums. Er möchte mit Emilia auf dem Land leben. Doch beim Überfall der Räuber auf die Kutsche wird er getötet.

Prinz von Guastalla

Gegenspieler der Galottis ist der Prinz. Er verkörpert den Adel. Der Prinz wird als empfindsamer Mensch gezeigt, nicht als kaltblütiger Herrscher. Er ist es gewohnt, dass seine Wünsche erfüllt werden. Seine Verliebtheit und sein sexuelles Begehren Emilias werden zur Besessenheit.

Um sie zu seiner Geliebten zu machen, ist der egoistische Prinz zu vielem bereit. Zwar möchte er nicht gewalttätig sein und auf keinen Fall Tote. Vor allem aber will der Prinz nicht die Verantwortung für die Taten übernehmen.

Auch nach dem Tod des Grafen hält er an seiner Besessenheit fest. Emilias Gefühle interessieren ihn dabei wenig. Er versteht die Tugendvorstellungen des Bürgertums nicht und merkt nichts von der sich anbahnenden Katastrophe. Insofern kann der Prinz als ignoranter, seine Macht ausnutzender Befehlshaber charakterisiert werden. Für Emilias Vater Odoardo ist der Prinz sein Feind.

Kammerherr Marinelli

Drahtzieher der Intrige und Berater des Prinzen ist der Kammerherr Marinelli. Anders als der Prinz hat er keine Skrupel. Er beauftragt die Räuber in Eigenregie und nimmt den Tod des Grafen in Kauf. Ob Marinelli tatsächlich ein Freund des Prinzen ist und ihm helfen will, oder ob er vor allem aus Karriereinteresse handelt, bleibt ungewiss. Jedenfalls tut er alles, um in der Gunst des Prinzen zu stehen. Er handelt dabei kaltblütig und berechnend.

Emilias Aufbegehren

Emilia, die so viel in den anderen Personen auslöst und selber kaum zu Wort kommt, darf erst in der letzten Szene Agierende und nicht Reagierende sein.

Anders als ihr Vater, der zaudert, begehrt sie nun auf. Sie pocht auf ihren freien Willen. Sie möchte nicht die Geliebte des Prinzen sein und so entehrt werden. Zugleich fürchtet sie ihre eigene Sinnlichkeit, ihr „jugendliches, so warmes Blut“.

Doch selbst ihr Wunsch zu sterben ist nicht wirklich als Akt ihres freien Willens zu sehen. Sie, die Rose, die lieber gebrochen als entblättert werden will, war von Anfang an Objekt der Erwartungen und Wünsche anderer. Und ein Opfer des herrschenden Gesellschaftssystems.

Noch jetzt orientiert sie sich an der strengen Moral des Vaters. Kurz vor ihrem Tod versucht sie seinen Wünschen zu entsprechen und fleht: „O mein Vater, wenn ich sie erriete!“

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2 Kommentare
  1. Default

    Ganz toll dargestellt

    Von Krautkraemer, vor etwa einem Jahr
  2. Default

    super

    Von Marion190257, vor etwa einem Jahr