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Transkript „Emilia Galotti“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Lessing)

„Familiendrama in Italien: Vater ersticht Tochter, um ihre Ehre zu retten.“ So könnte eine Schlagzeile lauten, die das Resultat von Lessings Trauerspiel zusammenfasst.

Rezeption

Provozierend war das Ende von „Emilia Galotti“ tatsächlich für die Zuschauer. Kaum ein anderer Bühnentod hat das Publikum so verstört und die Kritik so gespalten. Der Philosoph Arthur Schopenhauer etwa empörte sich über den Schluss. Johann Wolfgang Goethe kritisierte die Konstruiertheit des Stücks. Dennoch baute er es in seinen „Werther“ ein: Bevor dieser sich erschießt, liegt das Büchlein „Emilia Galotti“ aufgeschlagen auf seinem Pult.

Der Kulturphilosoph Friedrich Schlegel bemängelte, dass die Geschichte nicht ins Gemüt dringe. Friedrich Schiller hingegen bezieht sich indirekt auf Lessing. Im Stück „Kabale und Liebe“ entwirft er eine ähnliche Anlage. Den Konflikt zwischen Adel und bürgerlicher Familie verschärft er sogar.

Lessings Einschätzung

Lessing bezeichnet seine Tragödie als privates Stück. Und wirklich reagierte das höfische Publikum bei den ersten Aufführungen milde. Es sah in der Handlung keine Kritik am Herrschaftssystem.

Bürgerliches Trauerspiel

Einig war man sich indes darüber, dass es sich bei Emilia Galotti um ein bürgerliches Trauerspiel handelt. Was ist ein bürgerliches Trauerspiel?

Im Unterschied zur klassischen Tragödie sind im bürgerlichen Trauerspiel nicht mehr nur Prinzen und Könige, sondern einfache Menschen die Helden der Geschichte. Während das Volk in der Komödie nur als Lachnummer auftreten durfte, verhilft ihnen das neue bürgerliche Trauerspiel zu Präsenz auf der Bühne. Ihr privates Schicksal im Rahmen der Familie steht nun im Mittelpunkt.

Politisches Stück

Entgegen Lessings eigener Einschätzung wurde Emilia Galotti später nicht als privates, sondern als politisches Stück gelesen oder man kann auch interpretiert sagen. Die Herrschaftsverhältnisse im Stück spiegeln die Machtstrukturen zur Zeit Lessings wider.

Der Prinz ist ein typischer Vertreter des Absolutismus. Das heißt: er herrscht und seiner Entscheidungsgewalt unterliegt alles. Die Galottis hingegen sind Angehörige des Bürgertums. Sie versuchen sich durch ihre strengen Moralvorstellungen von dem verschwenderischen, genusssüchtigen Adel abzugrenzen.

Auch wenn die Literaturwissenschaft sich darüber streitet, ob die Familie Galotti nicht doch dem verarmten Adel angehört, so ist auf jeden Fall ihre Gesinnung bürgerlich. Sie sind Untertanen des Prinzen. Seiner Macht sind sie letztlich hilflos ausgeliefert.

Auch der tragische Schluss gründet nicht in einem persönlichen Fehltritt Emilias. Sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Vielmehr ist er das Ergebnis der politischen Verhältnisse, gegen die Emilia nicht ankommt.

Kritik an der bürgerlichen Familie

Doch auch die bürgerliche Familie kommt nicht ungescholten davon. Denn sie ist im Kleinen wiederum eine Art „absolutistisches System“. Emilia siezt ihre beiden Eltern. Sie unterwirft sich ihrem Willen und versucht jederzeit, ihren Erwartungen zu entsprechen. Der Vater führt sich innerhalb der Familie als bestimmendes Oberhaupt auf.

Die sexuell unberührte Tochter ist sein höchstes Gut. „Das gerade wäre der Ort, wo ich am tödlichsten zu verwunden bin!“ sagt er in Bezug auf das erotische Interesse des Prinzen an Emilia. Indem Emilia die strenge Moral ihres Vaters verinnerlicht hat, lernt sie nicht, eigenständig zu denken. Die in ihr aufkeimende Sexualität nimmt sie als Bedrohung wahr. Zum eigenständigen Handeln kommt sie gar nicht erst: Sie ist von Anfang an fremdbestimmt.

Warum lässt sich Emilia töten?

Doch sowohl die politische Dimension des Stücks als auch die mögliche Kritik an den bürgerlichen Moralvorstellungen vermögen das brutale Ende nicht überzeugend zu begründen. Zu Recht verstört das Stück daher noch heutige Zuschauer. Noch immer existieren verschiedene Interpretationsansätze. Zwei davon werden im Folgenden erklärt.

Eine mögliche Interpretation geht davon aus, dass Emilia sich in ihre Situation hineinsteigert. Sie beruft sich auf antike Vorbilder und christliche Märtyrer. In ihrer Selbststilisierung als gebrochene Rose will sie eine Tugendheldin sein. Ursache ihrer übertriebenen Reaktion ist jedoch die rigorose Moral des Vaters. Um ihm zu gefallen und seinem Willen zu entsprechen, lässt sie sich töten.

Ein anderer Interpretationsansatz geht davon aus, dass Emilia ihre Reinheit doch nicht bewahren konnte. Auf dem Lustschloss des Prinzen wäre es demnach zur Entjungferung gekommen. Gestützt wird diese These durch die Geräusche, die die Gräfin Orsina hört, und vom Erholungsbedürfnis des Prinzen, als er aus dem Zimmer tritt. Die gebrochene Rose, mit der sich Emilia vergleicht, steht dann für das gefallene Mädchen. Da sie jetzt keine Perspektiven mehr hat und zum Spielball des Prinzen geworden ist, will sie sterben.

Schlussbermerkungen

Während das Trauerspiel schon zu Lessings Zeiten in viele Sprachen übersetzt wurde, wird es auch heute noch oft gespielt. Und die Familientragödie „Vater ersticht Tochter, um ihre Ehre zu retten“ hinterlässt noch immer offene Fragen und geht unter die Haut.

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