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Transkript Eichendorff – Werkattribute und Lyrik

Guten Tag liebe Lernende, in diesem Lehrvideo geht es um den romantischen Dichter Joseph von Eichendorff, der seinen Lebensmittelpunkt in Schlesien hatte. In diesem Video, es gibt noch ein zweites, in dem sich mit seinem Werk "Aus dem Leben eines Taugenichts" beschäftigt wird, geht es nicht um dieses Werk, sondern um sein Gesamtwerk und speziell um einen lyrischen Text, den ich ein wenig auseinandernehmen werde. Eichendorff wurde 1788 in Ratibor in Schlesien geboren und starb 1857 auch in Schlesien. Er studierte unter anderem in Halle, lebte auch in Berlin, lebt sich ein bisschen herum und landet dann wieder dort, wo er herkam. Was ist sein Ziel: Eichendorff will den Menschen den inneren Gleichklang vollendeten Menschentums zurückgeben. Zurückgeben oder zurückbringen ist ein ganz typisches romantisches Vorhaben. Die Romantiker gingen immer von einem goldenen Zeitalter aus, von einer Deszendenz, also von einem Abfall des Menschentums und sie versuchten, durch die Herausbildung von Sehnsucht, von Rückbindung an das im Herzwesende Gefühls des humanistischen Weltwahrnehmens, durch Entwicklung dieser Sehnsucht sozusagen, dem Menschen dieses alte, goldene Zeitalter wieder ein Stück näher zu rücken.  Wichtig ist auch, dass Eichendorff von der Sehnsucht nach dem Unaussprechlichen getragen wird. Das Unaussprechliche ist ein anderes Wort für Gott, für die im Tiefsten wohnende Sehnsucht nach Einheit, für Liebe, für Freude und Hoffnung. Diese Sehnsucht, die in jedem Menschen wohnt, trägt Eichendorff Werk.  Eichendorff war aber kein kreationistsicher Dichter, sondern einer der die vorhandenen Stilmittel und Wörter nutzt. Das bedeutet, er erfindet keine neuen Wörter, keine neuen Textstrukturen, sondern er arbeitet mit dem Vorhandenen, das was ihm sozusagen von seinen Vätern überkam. Und in dem Augenblick, wo er das benutzt, füllt er diese Wörter und Techniken mit dem romantischen Gedankengut. Mit ganz besonderen Wörtern, die also immer wieder bei Eichendorff auftauchen, mit ganz bestimmten Abfolgen, Dramaturgien, die in sehr vielen Eichendorff-Texten anzutreffen sind.  Kommen wir zu den Werkattributen: Zuerst die inneren: Man findet es sehr oft an, dass das Lyrische Ich in irgendeiner Weise bedrängt, oder sich einer Gewalt gegenübersieht, die sie entweder bedroht, oder von der das Lyrische Ich versucht wird, also, wo das Lyrische Ich sozusagen in den Strudel der Gewalt hineingezogen werden soll, durch Lockmittel, durch Versuchung eben. Also durch Verführung, durch brutale Gewalt. Also in irgendeiner Weise soll das Lyrische Ich aus seinem gewohnten Gang des Ganzen herausgerissen und in eine neue Welt hineingebracht werden, die aber nicht ganz klar und nicht ganz schön ist, offensichtlich nicht schön ist.  Dann allerdings wird das Lyrische Ich durch etwas Überirdisches oder durch etwas Unterbewusstes, dieses Wort kennt Eichendorff noch nicht, aber er beschreibt es, es wird gerettet. Wichtig ist immer, in irgendeiner Weise findet diese Rettung statt. Also Rettung muss nicht unbedingt bedeuten, dass das körperliche Leben bewahrt wird, der Tod ist für den Katholiken Eichendorff in dem Sinne kein Untergangszenario. An äußeren Attributen finden sich Begriffe wie Heimat, ein Ort der Geborgenheit, etwas wie Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach dem Naheliegenden, nach dem, was man mit den Händen nicht greifen, aber doch stets zu erreichen sucht. Auch taucht ein Begriff wie ein Waldhorn ständig auf. Der Morgenschein spielt eine große Rolle bei Eichendorff, nicht der Abend, sondern der Morgenschein, die Hoffnung auf das Neue des Tages. Negativ besetzt ist ein Begriff wie Chaos bei Eichendorff. Chaos benötigt er als Ausgangssituation, als Antriebsmittel, um dann auf die eigentlichen romantischen Inhalte hinzuweisen. Ein schönes Bild, wie ein blitzender Reiter findet sich auch oft in der ein oder anderen Form. Natürlich die Blauen Lüfte, durch die Hoffnung schwirrt. Reißende Ströme, die uns an die Kraft der Natur und die Macht des Natürlichen in uns auch erinnern sollen. Wolkenspiel, Wolkensteine in der Verbindung von Himmel und Erde.  Das sind also äußere Attribute, die sich in Eichendorffs Werk ständig finden.  Ich möchte nun die vier Strophen des Eichendorff Gedichts "Waldgespräch", aus dem Jahre 1812 hinsichtlich dieser Werkattribute untersuchen.  Strophe 1:

Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Was reit'st Du einsam durch den Wald?

Der Wald ist lang, Du bist allein,

Du Schöne Braut! Ich führ Dich Heim. "Es ist schon spät, es wird schon kalt". Hier ist ein Bezug auf dem Morgen, auf den Morgenschein. Alles, was spät ist, ist negativ besetzt. Es gibt Romantiker, die betonen die Nacht, die betonen das Dunkle, das Unwägbare, das Nichtdurchschaubare. Bei Eichendorff ist mit der Nacht eher etwas Negatives gemeint. Also hier die Ausgangsposition "es ist schon spät" in der Antithese zum Morgen.  "Was reit 'st Du einsam durch den Wald?". Eigentlich reitest, aber der Takt muss gehalten werden. Da haben wir den Wald als Ort der Begegnung, als Ort des Unheimlichen, als Ort des Natürlichen. Als Ort wo Bedrohung, aber auch Freuden, wo Leben, wo Tod, wo alles zusammen versammelt ist.  "Der Wald ist lang, Du bist allein". Da haben wir die Bedrohungsinitiation. Du bist hier allen gefahren ausgesetzt.  "Du Schöne Braut! Ich führ Dich Heim". Also das Lyrische Ich ist in diesem Fall ein Mann und der möchte die schöne Braut, der er da begegnet, nach Hause führen. Das ist eine Versuchung.  Wir wissen noch nicht, ob das Lyrische Ich hier jetzt etwas Positives oder etwas Negatives ist. Auf jeden Fall ist hier offensichtlich eine Ansage, an eine Braut mit der Hoffnung und mit der Versuchung für diese Braut, sie aus der Einsamkeit des Waldes zu befreien.  Der Text heißt Waldgespräch und jetzt haben wir die Anführungszeichen unter, das bedeutet, es ist ein anderer Sprecher. Mit anderen Worten, die Braut antwortet jetzt: Strophe 2:

"Groß ist der Männer Trug und List,

Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,

Wohl irrt das Waldhorn her und hin,

O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin." "Groß ist der Männer Trug und List". Eine Bedrohungsannahme. Offensichtlich nimmt die Braut, die von dem Lyrischen Ich ausgesprochene Bedrohung, jetzt wahr. "Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist". Das Ich wird also als Bestand des gebrochenen Herzens dargestellt. Ein typisch romantisches Motiv. Herz an Herz, das gebrochene Herz, was jetzt in einer Zeit leben muss, die nicht mehr dem Goldenen Zeitalter gleicht.  "Wohl irrt das Waldhorn her und hin". Das Waldhorn taucht in Vers drei auf, als Signalwort für Gefahr, als Signalwort für Widerspruch zwischen der Waldeinsamkeit und Zivilisation. Das Waldhorn taucht in Vers drei auf, als Signalwort für Gefahr, als Signalwort für Widerspruch zwischen der Waldeinsamkeit und Zivilisation. Das Waldhorn taucht jedenfalls Eichendorff-typisch auf. "O flieh! Du wißt nicht, wer ich bin." Das ist natürlich eine Wendung, eine Peripetie. Die Frau sagt zu dem, von dem sie vielleicht erwarten könnte, dass er sie beschützen könnte, nun flieh vor mir. Ich bin für dich die Bedrohung. Also hier wendet sich das Blatt.  Strophe 3: So reich geschmückt ist Roß und Weib,

So wunderschön der Junge Leib,

Jetzt Kenn ich Dich - Gott steht mit bei!

Du bist die Hexe Loreley! "So reich geschmückt ist Roß und Weib". Das Roß, der blitzende Reiter taucht hier auf. Offensichtlich handelt es sich bei der Frau um eine höher stehende Dame. "So wunderschön der Junge Leib". Eine junge Dame, ganz eindeutig sexuelle Konnotation.  "Jetzt kenn ich Dich - Gott steht mit bei". Das ist der Augenblick der Erkenntnis, der Anangnoresis. Der jugendliche Held, der in der ersten Strophe noch die Frau, die ihm allein im Wald begegnet beschützt, möchte, wobei es dem Leser nicht ganz klar ist, ob er sie beschützen möchte, oder ob es ein Bedrohungsszenario ist, das er da ausspricht, erkennt jetzt, dass nicht die junge Frau diejenige ist, die beschützt werden muss, sondern er muss beschützt werden.  "Du bist die Hexe Loreley!" Er erkennt, dass er der Gefährdete ist. Und Loreley bestätigt das; Strophe 4: "Du kennst mich wohl - von hohem Stein

Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.

Es ist schön spät, es wird schon kalt,

kommst nimmermehr aus diesem Wald." "Du kennst mich wohl - von hohem Stein": Der Wolkenstein, der hohe Stein, Himmel und Erde verbindend, Leben und Tod verbindend, Hoffnung und Zerstörung verbindend. "Schaut still mein Schloß tief in den Rhein": Leben und Tod ja, der hohe Stein und der tiefe Rhein. Hoch Wolkennah, tief ist Wasser, leben und Tod.  "Es ist schön spät, es wird schon kalt": Eine Reduplix, eine Spiegelung aus der ersten Strophe. Sie nimmt jetzt die Position des Lyrischen Ichs ein. Eine Reduplikation, also der Vers wird verdoppelt, aber zugleich ist es eine Spiegelung eine Reduplix. "kommst nimmermehr aus diesem Wald.": Tja peng, was ist denn das jetzt? Wie meint sie das? Meint sie das so, dass sie ihn verführt, bedroht, töten will, verführen will? Oder will sie ihn beschützen, indem sie ihn auf ihren hohen Stein führt, um dem Lyrischen Ich dort ein Nachtlager zu schenken?Das Ende ist offen. So das sollte genügen. Es wurde nachgewiesen, dass also im Gedicht von Eichendorff etliche Begriffe und etliche seiner inneren Attribute anzufinden sind. Man könnte ein beliebiges Gedicht von Eichendorff nehmen und würde das dort auch nachweisen können. 

Informationen zum Video
9 Kommentare
  1. Chaosbewaeltiger

    Darüber sind zahlreiche Doktorarbeiten geschrieben worden. Du findest etliche Informationen im Internet. Ich habe Dir einige zusammengestellt, die für den Schulgebrauch ausreichen: http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=blaue_blume

    Von Robert Knorr, vor etwa einem Jahr
  2. Default

    Was ist die blaue Blume? Wie wird sie interpretiert?

    Von Kathol, vor etwa einem Jahr
  3. Franziska

    Hallo Jlherrera,
    ja, es befinden sich Videos zum Werk „Aus dem Leben eines Taugenichts" in Produktion. Wir werden diese so bald wie möglich zur Verfügung stellen.
    Liebe Grüße aus der Deutsch-Redaktion,
    Franziska

    Von Franziska G., vor etwa 2 Jahren
  4. Default

    Ai schade, denn bei uns im Bremer Abijahrgang wäre es zur Zeit höchst hilfreich. Dann halte ich mal die Augen offen.(:

    Von Jlherrera, vor etwa 2 Jahren
  5. Chaosbewaeltiger

    das video wurde zwar produziert, bestand aber nicht die qualitätsprüfung von sofatutor. es wird sicherlich bald ein neues produziert, das korrekt ist.

    Von Robert Knorr, vor etwa 2 Jahren
  1. Default

    Wo finde ich denn das erwähnte Video zu Eichendorffs Werk 'aus dem Leben eines Taugenichts' ? :)

    Von Jlherrera, vor etwa 2 Jahren
  2. Chaosbewaeltiger

    das ist noch älter als die antike. man denke nur an die moorweiber bei den germanen, baba jagas hexenhaus auf dem hühnerbein im moor bei den russen oder an die sibyllen bei den römern, die in einer grotte hausten... das sind phantasieräume, die die ewige verlockung des weibes beschreiben. für männer gibt es das nicht. oder? verführung als uraltes gewaltmittel schon, aber verlockung? nein.
    eichendorff brauchte keine antike schablone, das ist altes volksgut. ich möchte sogar behaupten, daß die vorstellung des ewig lockenden weibes in allen kulturkreisen in der einen oder anderen weise zuhanden.

    Von Robert Knorr, vor fast 3 Jahren
  3. Default

    eine anmerkung zum hohen stein: ich würde da eher auf das motiv der sage zurückgehen. die hexe/nixe loreley saß auf diesem "hohen stein" (felsen) und sang gewisser maßen dei schifffahrer in den tod. somit würde ich eher sagen, dass dies ein bezug zur antike neu aufgegriffen ist, da eichendorff auch des öfteren zur antike bezug nimmt. sonst super motive speziell für eichendorff, vielen dank!

    Von Tara Hmaria, vor fast 3 Jahren
  4. Default

    sehr gutes, interessantes Video !
    danke!

    Von Janmoe, vor fast 4 Jahren
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