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E.T.A Hoffmann 15:48 min

Textversion des Videos

Transkript E.T.A Hoffmann

Guten Tag liebe Lernende! In diesem Lehrvideo geht es um den deutschen Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der eigentlich Ernst Theodor Heinrich hieß, aber sich in einem Akt der Selbstbenennung nach seinem großen Vorbild Wolfgang Amadeus Mozart eben Amadeus nannte und fortan als ETA Hoffmann in der Literaturwissenschaft bezeichnet wird. Hoffmann ist als Begründer der Phantastik von großer Bedeutung, auch für gegenwärtige Verfilmungen, für gegenwärtiges Theater und gegenwärtige Romane, die also alle letztlich auf dem basieren, was Ernst Theodor Hoffmann in die Literatur brachte. In vielen Lehrbüchern werdet ihr lesen, dass Hoffmann also den Romantikern zuzuordnen sei, das ist eben falsch, Hoffmann hatte immer seine Probleme mit den sogenannten Romantikern, vor allem deshalb auch, weil er eben ganz andere Wertvorstellungen besaß. Und das hat was mit dem deutschen Philosophen Gotthilf Heinrich Schubert zu tun, der zu Hoffmanns Zeiten lebte und zu der Zeit also recht bekannt und beliebt war. Manche nennen ihn auch einen Popularphilosophen. Und weil Hoffmann sich eben auf Schubert besann bzw. berief, ist er kein Romantiker, und das werde ich jetzt an einigen Beispielen deutlich machen, damit das verstanden wird. Was nämlich hat unser Freund Schubert alles gelehrt? Er hat Dinge gelehrt, die weit über das hinausgingen oder jenseits von dem lagen, was Romantiker unter Wert verstanden. Da war z. B. die Symbolik des Traums. Das hat nicht Sigmund Freud erfunden und das ist nicht ein Gedanke, den Sigmund Freud erst 70 Jahre später entwickelte, sondern das hat Schubert bereits erkannt, dass in den Träumen Symbole des Tages verarbeitet werden. Hoffmann hat das begierig aufgenommen. Weiter lehrte Schubert parapsychologische Vorgänge, dass die eine Bedeutung haben, also Dinge, die sich jenseits des erkennbaren Seelenlebens abspielen. Das Geheimnisumwobene, das Unerklärliche, Spuk und Elemente des Wahnwitzes, all das kommt in den parapsychologischen Bereich hinein, der zunehmend eine Wissenschaft in unserer Zeit auch wird. Schließlich etwas, was bereits 100 Jahre vorher von einem gewissen Messmer entdeckt wurde, was mit dem Begriff des tierischen Magnetismus verbunden werden kann. Das ist alles das, wo man glaubt, dass also das Handauflegen, Heilkräfte im Körper erzeuge. Ja, das ist gemeint, also nicht ein Tier, das mit einem Magneten herumläuft, sondern tierisch im Sinne von natürlich, im Sinne von Körperkraft, im Sinne von Seelenkraft, also tierischer Magnetismus. Schließlich glaubte Schubert an die Kraft der Hypnose, das Versenken des Einzelnen in einen Zustand, wo er sein Bewusstsein verliert, aber für die Umwelt sozusagen noch empfänglich ist und Reize aufnehmen kann. Und last not least, glaubte Schubert an die These, dass also Wissen Glauben sei. Das sind alles Punkte, die Hoffmann zum Phantasten machen und von der Theorie wegbringen, er sei also ein Romantiker. Romantiker neigen immer dazu, Dinge in anderen Kontexten zu sehen und der Phantast Hoffmann sah also in diesen wesentlichen Punkten eine Voraussetzung für seine Hauptthese, dass der Mensch nämlich in zwei Welten gehöre. Und das ist dem Einzelnen dadurch, dass er sich in diese Punkte begeben kann, dass er somnambul, wie das Wort damals hieß, Ahnungen entwickelt, dass er durch Wiedererinnerung bzw. Anamnese in den Kreislauf des Lebens zurückkommt und es schafft, sich an Dinge zu erinnern, die in seinem Gedächtnis gespeichert sind und dass diese Dinge durch den Traum Wirklichkeit werden und sich der Einzelne dann also in diese Punkte hineinbegeben kann. Er hat also dann hier verschiedene Schlüssel aufgestellt, die ich jetzt im Einzelnen nennen möchte, Schlüssel, die dazu dienen können, dass man also diesen Weg aus der Traumwelt in die Wirklichkeit findet - nämlich die Sehnsucht selbst, die Ahnungen, die man besitzt, und die Wiedererinnerung. Das sind also Dinge, die für Hoffmann bedeutsame Schlüssel sind, um in die Wirklichkeit das Gedachte hineintransferieren zu können. Und daraus resultiert dann auch seine Hauptthese, die ihn von vielen gleichzeitig schreibenden Dichtern der Romantik wegdrängte. Er sagte nämlich, dass die Kunst nicht von Können kommt, wie das die Romantiker auch sagten, sondern, dass die Kunst aus dem Bauch kommt und dass die Kunst, wenn sie dann aus dem Bauch gelangte, sich die Form schafft. Und das ist etwas, was jeder Schulmeister seiner Zeit aufs Ärgste bekämpfte und was ihn zu einem ganz modernen Vorreiter für viele heutige Kunstformen machte, dass Hoffmann das eben knallhart formulierte: Die Kunst kommt aus dem Bauch und sie bricht sich Bahn durch Träume, sie bricht sich Bahn durch tierischen Magnetismus, das ist ein Schlüssel, eine Methode, um das im tiefsten Inneren des Menschen lebende herauszuholen und dann der Wirklichkeit zuzuführen. Und dieses hier, das kennen wir ja auch, diese über Jahrhunderte hinweg formulierte Gegensätzlichkeit von Wissen und Glauben, die Hoffmann einfach aufbricht und sagt: All unser Wissen liegt in uns und das, was wir Glauben nennen, ist ja letztendlich bloß eine Form inneren Wissens. Der Mensch gehört eben in zwei Welten, in die Welt des Wissens und in die Welt des Glaubens, in die Welt des Wachens und in die Welt des Traums, um es mal so pointiert zu sagen. Und der Mensch besitzt die Möglichkeit, diese Träume, die in ihm sind, durch Ahnungen, durch Sehnsüchte, durch Wiedererinnerungen, ein anderes Wort für Anamnese, sich also derer zu erinnern und dann in die Wirklichkeit zu transformieren. Und daraus formuliert also Hoffmann dann auch seine Ethik. Er sagt der Mensch sei fleißig, er dürfe nie aufgeben, er soll immer begierig sein auf was Neues, er soll gemütstief sein, das Gemüt, was also tief in einem liegt und ihn dazu bringt, die Dinge von einer durch Gedanken und Gefühle vertieften Wesenswahrnehmung, also das alles zu verdichten. Er soll besonnen sein, das heißt, besonnen kommt ja von Sinn, also von Nachdenken. Er soll sich offen halten, und schließlich und letztlich soll er immer aufmerksam bleiben, um die Dinge um sich herum wahrzunehmen. So, im nächsten Teil wollen wir uns dann mit den eigentlichen literarischen Aspekten von Hoffmanns Werk beschäftigen.   Kommen wir zu dem Teil, der also den Literaten Hoffmann ein wenig näher illustriert und ich habe hier eine Ausgangsthese angeschrieben: Titanischer Bohemian versus Spießertum. Das ist also die Hauptthese, die sich mit jedem Werk von Hoffmann verbinden lässt. In jedem seiner Stücke taucht ein Künstlertypus, ein Bohemian, auf, der sich gegen seine Umwelt, gegen das Spießertum, behaupten muss. Er wird dazu gezwungen, in irgendeiner Weise kann er nicht anders, als sich mit diesem Spießertum auseinanderzusetzen. Wollen wir die Worte im Einzelnen untersuchen: Der Titan ist uns aus dem mythologischen Kontext bekannt, und da steckt schon viel drin. Die Titanen kämpften gegen die Götter und sie unterlagen. Der berühmteste Vertreter der Titanen, der Prometheus, wurde von Zeus an den Felsen im Kaukasus gekettet und jeden Tag kam der Adler, das Symbol des Zeus, und fraß die Leber des Titanen. Der Bohemian ist der Typus, der von seiner Hände Arbeit lebt, insofern es künstlerische Arbeit ist, oder leben möchte, kann ja auch ein Möchtegernkünstler sein. Was ist aber ein Spießer? Das ist ein Wort, über das auch heute noch diskutiert wird. Im engsten Sinne könnte man Spießer als diejenigen bezeichnen, die enge Vorstellungen haben, die sie auch in die Praxis umsetzen wollen, und die alles, was gegen diese Vorstellungen verstößt, bekämpfen. Im weiteren Sinne könnte es auch jemand sein, der zwar weiter gefasste Vorstellungen von Gerechtigkeit und Zusammenleben und Beruflichkeit usw. besitzt, der vieles gelten lässt, aber aufgrund dieses Vielen, was er gelten lässt, eine Gleichgültigkeit an den Tag legt, sodass also das auch nicht wirklich jemand ist, der sich offen und der sich besonnen und der sich aufmerksam und fleißig mit den anderen Menschen beschäftigt. Das ist also die weitere Formulierung des Begriffes Spießertum. Und in diesem Sinnfeld bewegt sich nun der Held von ETA Hoffmann. Hoffmann arbeitet formal gesehen sehr viel mit Übertreibungen. Natürlich tut er das, weil ja Wirklichkeit und Phantasie bei ihm eine Symbiose eingehen, alles durcheinander und alles nicht genau zu differenzieren, was hat er jetzt geträumt, was ist ihm wirklich so passiert. Und wenn ihm wirklich etwas passiert ist, ist das jetzt ein Hirngespinst, das aus seinem Traum, aus seiner Phantasiewelt in die Wirklichkeit gesprungen ist oder ist es umgekehrt, dass aus der Wirklichkeit etwas in die Traumwelt gesprungen ist? Und da entsteht für denjenigen, der das liest, sehr oft und sehr schnell der Eindruck der Übertreibung. Das ist aber alles im, wie soll ich sagen, formalen Bereich des Phantastischen. Ganz wichtig bei Hoffmann ist die Darstellung der dunklen Seite. Es geht ihm nicht um das Helle, um das Klare, um das Augenscheinliche, sondern in allem Hellen und Klaren, was also Hoffmann darstellt, schwingt auch immer etwas vom Dunklen, vom Bösen, vom Nichtgesagten, vom Unterdrückten, vom Verdrängten mit. Das ist die dunkle Seite. Und diese dunkle Seite, die drängt immer wieder in die Wirklichkeit hinein und Hoffmann spielt eben auch damit, dass also zwischen diesen Seiten, zwischen dem vermeintlich Guten und dem vermeintlich Bösen ständig irgendwelche Übereinstimmungen festzustellen sind. Das Ganze ist allerdings hoffnungslos. Der Titan, von vornherein zum Untergang bestimmt, kämpft hoffnungslos nach Gott. Und spätestens an dieser Stelle verabschiedet sich Hoffmann aus dem Kreise der Romantiker. Er ist eben hoffnungslos in seiner Gottsuche. Er sucht zwar Gott, aber das in einer eher spielerischen Weise, dass er in einer hoffnungslosen Manier auf der dunklen Seite des Daseins, und das haben ihm sehr viele Leute übel genommen. Zu seinen Lebzeiten haben sich schon die Kritiker das Maul über Hoffmann zerrissen. Der berühmte Börne bezeichnete Hoffmann als einen Wahnwitzigen, der also nicht in der Lage sei, sich mit dem wirklichen Leben auseinanderzusetzen. Humuralpathologie nannte er das. Hum von Humus, von dem Tiefsten, also Hoffmann wühle in dem Tiefsten und das in krankhafter Manier, das war also der Vorwurf, den Fischer zu ihm hatte. Der berühmte Philosoph Hegel nahm Hoffmann übel, dass er alles durcheinander werfe, dass es kein Bildungsroman sei, dass es keine Historie sei, dass es kein Sozialroman sei. Der zwar zu Zeit Hegels noch nicht in Deutschland up to date war. Aber letztendlich warf er ihm vor, dass er alles durcheinander werfe und in keiner Wirklichkeit, in keiner Form also zu Potte komme. Varnhagen, der zu Hoffmanns Zeiten den berühmtesten Salon in Berlin führte, wurde von Hoffmann geschnitten, er wollte nicht mit diesen Bildungsphilistern, mit diesen Bildungsspießern was zu tun haben. Er ging lieber in die Kneipe und trank mit dem Volk sein Bier, das war ihm viel lieber, als mit den Spießern in den vornehmen Salons über ästhetische Problemchen zu reden. Das kam bei Varnhagen natürlich überhaupt nicht gut an, der dann die Retourkutsche fuhr und Hoffmann dann natürlich dann selber als Spießer bezeichnete. Der große berühmte Scott, der in England lebte, deswegen habe ich ihn jetzt ein bisschen abgetrennt, der also kein Deutscher war, sondern in England lebte und von Hoffmann, als Erster im Ausland sozusagen Kenntnis bekam, warf Scott vor, dass das, was er schrieb, eben nicht Fisch und nicht Fleisch sei. Und schließlich haben wir noch einen Vertreter, der 50 Jahre nach Hoffmanns Tod die bedeutendste Ästhetik schrieb und der mit Hoffmann auch nichts anfangen konnte. Als Hoffmann im Ausland, vor allem in Frankreich und England, schon große Erfolge feierte, hat man in Deutschland immer noch über diesen Phantasten Hoffmann gelächelt. So, das soll's also dazu gewesen sein. Wir können's auf eine Formel bringen, nämlich: Bei Hoffmann spielt die Phantasie eine größere Rolle als die Wirklichkeit. Die Phantasie ist eigentlich das, was Hoffmann immer antrieb, die Wirklichkeit bloß ein Mittel, um der Phantasie zu genügen. Und daher nennen wir Hoffmanns Schreibstil, sein Sujet, seine literaturwissenschaftliche Einordnung Phantastik.

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5 Kommentare
  1. Default

    Danke für die informative Antwort :)

    Von Sandra B., vor mehr als einem Jahr
  2. Chaosbewaeltiger

    ETA kannte varnhagen aus seiner tätigkeit als beamter. varnhagen hatte eine jüdin geheiratet, die ihre gesellschaftliche stellung durch den berühmten salon erhöhen wollte. ETA mochte das nicht; es war ihm gespreizte hysterie. die einladungen der rahel von varnhagen schlug er aus, was natürlich in der damenwelt bärlins wenig gegenliebe fand. ETA ging lieber mit seinen "proletarischen" freunden bier trinken, auch wein, aber eben auch das proletengesöff bier. damit war sein ruf ruiniert. die zicke varnhagen zickte.
    ein schönes musikalisches beispiel über die art und weise bärliner salons jener zeit vermittelt sich anohr (nicht anhand!) des heine-liedes "sie saßen und tranken am teetisch", wunderhübsch gesungen von manfred krug. (bei youtube leider nicht abrufbar) ich glaube, ETAs verhältnis zu den salons der varnhagen u.a. wird hier in ironischer verschränkung, die typisch für romantiker, erahnbar.

    Von Robert Knorr, vor mehr als einem Jahr
  3. Default

    Wer ist denn mit Varnhagen gemeint? Da Sie den Namen mit den literarischen Salons in Verbindung bringen, hatte ich eher an Rahel Varnhagen gedacht und nicht an ihren Mann (Karl August Varnhagen).

    Von Sandra B., vor mehr als einem Jahr
  4. Default

    viel viel besser als das das Video des Deutsch-Teams über E.T.A.Hoffmann, da man hier das Gefühl hat, es werden nicht nur Fakten heruntergerattert. Man merkt, das Robert Knorr Ahnung von dem Thema hat, tief in der Materie drin ist und auch differenziert über das Thema lehren kann!

    Von Charlotte U., vor etwa 2 Jahren
  5. Seomedial 008 portrait

    Robert, dass ist ein tolles Video.
    Aber bitte schrei doch nicht so :)

    Von Elvis B., vor mehr als 3 Jahren